Verliebt, verlobt, verfeindet: Robert Prossers „Phantome“

Prosser_Phantome

Das 20. Jahrhundert ist als das Jahrhundert der Gewalt in die Geschichtsbücher eingegangen. Erster Weltkrieg, Zweiter Weltkrieg, Kalter Krieg – die Literatur hat seit jeher an der Aufarbeitung der Schreckensjahre teil. Einen der letzten Kriege des vergangenen Jahrhunderts thematisiert die deutschsprachige Literatur jedoch bislang vergleichsweise selten: die Jugoslawienkriege in den 1990er Jahren. Der Österreicher Robert Prosser hat sich in seinem auf der Longlist zum Deutschen Buchpreis stehenden Roman „Phantome“ nun dem Thema angenommen: Ein Roman, der heute im Angesicht der Flüchtlingsbewegung aus dem Nahen Osten an erschreckender Aktualität gewinnt.

Im zehnten Gemeindebezirk, sagt man, beginnt der Balkan.

Prossers namenlos bleibender Ich-Erzähler gehört der Wiener Sprayer-Szene an. Nachts zieht er alleine los, um im Untergrund der österreichischen Hauptstadt Tunnel und Züge zu bemalen. Die restliche Zeit verbringt er mit Sara, seiner Freundin. Weil beide frisch verliebt sind, begleitet der Erzähler sie auch, als sie ins bosnische Tuzla reisen will, denn Sara interessiert sich für die Geschichte ihrer Mutter Anisa, die 1992 aus Bosnien floh und wenig über jene Zeit spricht. Gemeinsam besuchen sie Verwandte von Sara, nehmen an der 20-jährigen Gedenkveranstaltung zum Massaker von Srebrenica und sprechen mit den Leuten vor Ort.

So viele Täter und Opfer, wie kann es sein, dass niemand etwas weiß?

Die Schrecken des Krieges, die er auf den Reisen erlebt, stehen im Kontrast zu seinen Erinnerung an jenen Krieg, den er in seiner Kindheit kaum wahrnahm. Der Ich-Erzähler beginnt, sich zunehmend für die Geschichte des Landes zu interessieren und wird im zweiten, längeren Teil des Romans zum allwissenden Erzähler, der die Geschichte von Anisa und ihrem Freund Jovan erzählt. Vor dem Krieg lebten sie gemeinsam in Sarajewo, voller Hoffnung für eine glückliche, gemeinsame Zukunft, bis der Krieg sie trennte und sie unfreiwillig zu Feinden wurden, die ihre gegenseitige Existenz nur kurze Zeit später leugnen müssen.

Sie hat sich von Bosnien entfernt, ohne angekommen zu sein.

Die kurzen Kapitel erzählen abwechselnd von Anisa und Jovan. Anisa ist im erzählten Jetzt von 1992 bereits in einer Flüchtlingsunterkunft in Wien gestrandet. Ihren Vater – die einzig enge Bezugsperson – hat die Bosniakin auf der Flucht verloren und versucht nun, Kontakt zu ihm aufzunehmen. Der österreichische Alltag der Anfang zwanzig jährigen Frau, die mit großen Ambitionen nach Sarajevo ging, um nach dem Studium Journalistin oder Schauspielerin zu werden, besteht nun vornehmlich aus Langeweile. Sie vertreibt sich die Zeit damit, ihre wenigen Habseligkeiten aufzulisten, am Bahnhof geschmuggelte Zigaretten zu kaufen und Wien zu erkunden.

Währenddessen wurde Jovan als bosnischer Serbe vom Militär eingezogen. Er, der immer von einem Dasein als Maler träumte, hält den Krieg von Beginn an für sinnlos. Vom eintönigen Soldatenalltag lenkt ihn das Foto von Anisa ab, von der er nicht weiß, was mit ihr geschehen ist. Er begeht Fahnenflucht, taucht in Belgrad unter, wird aber schließlich verraten und als Deserteur an die Front geschickt, wo er Gewalt erlebt, weniger jedoch im Kampf, sondern vielmehr im militärischen Miteinander.
Die Wege der einst Verliebten werden sich nicht mehr kreuzen, auch nicht, als die Erzählung auf den letzten dreißig Seiten wieder ins Jetzt vom Anfang, das Jahr 2015, springt und sich herausstellt, dass auch Jovan in Österreich geendet ist.

Prosser beweist in seinem Roman Mut zur Lücke: Viele Schicksale bleiben offen, die Menschen werden zu Phantomen, sowohl für die nächste Generation, die des Ich-Erzählers und seiner Freundin Sara, aber auch für den Leser selbst. Man erfährt nichts über das Schicksal von Anisas Vater, dem Schicksal von Jovans Kameraden nach dem Krieg oder dem Leben der anderen Flüchtlingsfamilien, die Anisa in der Wiener Notunterkunft kennenlernt. Für die beiden Hauptfiguren des mittleren Romanteils bleibt ein Phantomschmerz, auf den der Titel ebenfalls anspielt: auch das, was nicht mehr da ist, ruft sich immer wieder leidlich in Erinnerung, kann nie ganz verdrängt werden, weil es nicht verarbeitet wurde. Dass Anisa und Jovan getrennt wurden, ohne Abschied zu nehmen, macht sie selbst zu Phantomen, füreinander, für sich selbst.

In „Phantome“ sucht Prosser nach Parallelen zwischen Damals und Heute: Die Geschichte der bosnischen Flüchtlinge, die ab 1992 nach Nordeuropa strömten, ist die Geschichte der syrischen Kriegsflüchtlinge, die im Jahr 2015 – dass hier auch die Jahreszahlen übereinstimmen, lässt keinen Zweifel am Konzept– nach Europa kamen. Die eindrücklich beschriebenen Szenen aus Anisas Alltag in einer Wiener Turnhalle, die kurzerhand zur Notunterkunft umgebaut wurde, die Enge ohne Privatsphäre und die Langeweile, das ziellose Umherirren in einer Stadt, in der man nichts kennt und in der man nichts versteht, erzählen auch die Geschichte jener, die vor zwei Jahren über die Balkanroute oder das Mittelmeer nach Europa kamen.

Warum der Ich-Erzähler über die ersten 80 Romanseiten jedoch als leidenschaftlicher Sprayer eingeführt werden muss, bleibt, trotz der Parallele, dass auch Jovan Künstler war, und dem im Text enthaltenen Selbsterklärungsversuch, unklar:

Eigentlich ist es mit Bosnien nicht anders als mit Graffiti, beide funktionieren nach strengen Regeln, die für Außenstehende schwer zu durchblicken sind. Heillos kompliziert sind die Verbindungen und Feindschaften, die ein verworrenes Netzwerk über ein Land spannen, in dem bereits dein Name verraten kann, ob du Kroate, Serbe oder Bosniake bist, und du dich dementsprechend verhältst.

Ganz überzeugend scheint diese Argumentation in letzter Konsequenz nicht. Ebenso unklar wie dieser Vergleich bleibt Prossers Sprache, ohne Experimentierfreude oder nennenswerte Literarizität weder positiv noch negativ auffällt und nicht markant hervortritt. Dennoch ist „Phantome“ vor allem in seiner erzählerischen Genauigkeit, die durch die persönliche Distanz des Erzählers zum Erzählten – anders wäre es gewesen, wenn Sara die Geschichte ihrer eigenen Mutter erzählt hätte; der Ich-Erzähler ist hier immernoch Außenstehender – besonders eindrücklich wird, ein wichtiges und aktuelles Buch, das als Überraschungskandidat die diesjährige Longlist zumindest thematisch bereichert.


Wir danken Ullstein für das Rezensionsexemplar.