Vermisst: Pierre Jarawans „Am Ende bleiben die Zedern“

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Der Eine oder Andere wird Pierre Jarawan bereits kennen. Als Poetry Slammer feierte er in den vergangenen Jahren große Erfolge und wurde unter anderem im Jahr 2012 als Internationaler deutschsprachiger Meister im Poetry Slam ausgezeichnet. Nun wagt er sich an eine gänzlich andere Literaturform heran: Mit „Am Ende bleiben die Zedern“ legt Jarawan sein Romandebüt vor, in dem das Ich Samir auf die Suche nach seinem Vater geht, der die im deutschen Exil lebende, libanesische Familie unter mysteriösen Umständen verließ und ohne jede Spur verschwand.

„Am Ende bleiben die Zendern“ ist in drei Teile gegliedert, die von einem Pro- und einem Epilog gerahmt werden. Der Prolog als Ausgangspunkt verortet das Ich Samir, aus dessen Perspektive durchgängig erzählt wird, in Beirut, wo er im erzählten „Jetzt“ ausgeraubt und verprügelt wird. Vor seinem inneren Auge lässt er das bereits Geschehene, aber noch nicht erzählte, Revue passieren und löst damit den Erzählprozess aus, der über den ersten Teil die Kindheit von Samir und die Geschichte der Familie El Hourani wiedergibt und im zweiten Teil abwechselnd die Libanon-Reise bis zum Zeitpunkt des Überfalls sowie die Gründe, die zur Reise führten, darlegt.

Das Jahr 1992 wirkt sowohl als Schlüsseljahr für die persönliche Geschichte der Figur Samir und die Romanhandlung, als auch für die Geschichte des Libanons, die eng mit den Geschehnissen im Text verknüpft ist, und dient als Ausgangspunkt für die Erinnerungen des Ichs im ersten Teil. Zehn Jahre nach der Flucht der Eltern vor dem Bürgerkrieg 1982 gibt es erstmalig wieder Parlamentswahlen im Libanon. Die ganze Familie El Hourani sitzt mit den engsten Familienfreunden, Hakim und Tochter Yasmin, die zwei Jahre älter als Samir ist, vor dem Fernseher. Während Mutter Rana und Hakim verhalten bleiben, ist Vater Brahim, überzeugter Patriotist, wie verwandelt. In den Wochen danach verändert sich sein Verhalten zusehens, er erhält regelmäßig Anrufe und verlässt danach für Stunden des Haus, als die Eltern den Kindern Dias aus der Heimat zeigen, streiten die Eltern über ein Foto, das den Vater zeigt. Und eines Nachts verschwindet Vater Brahim ohne Spur.

Dass mein Vater mir Geschichten erzählte, hatte eine lange Tradition. Es war ein Ritual.

Samirs Vater, der für das Ich im Zentrum seines Bewusstseins und damit im Zentrum des Romans steht, wird in den Erinnerungskapiteln im ersten Teil idealisiert und heroisiert. Er tritt als Geschichtenerzähler auf, der für die anderen Asylsuchenden der Flüchtlingsunterkunft nach der Ankunft in Deutschland Ansprechpartner wird und sich durch seinen Fleiß und Ehrgeiz schnell und mustergültig integriert. Die Gute-Nacht-Geschichten des Vaters, die im Land Amal („Hoffnung“) spielen und von den Abenteuern des Abu Youssef erzählen, prägen Samirs Kindheit. Ihre Bedeutung erschließt sich dem Ich erst zwanzig Jahre später auf seiner Reise durch den Libanon.

Das mysteriöse Verschwinden des Vaters hinterlässt Spuren bei Samir. Der in Deutschland geborene und die deutsche Staatsbürgerschaft besitzende Samir hat und möchte keine Freunde finden, er hat Verlustängste, ist unfähig eine normale Beziehung zu führen und entwickelt eine ausgeprägte Obsession für alles, was mit dem Libanon zutun hat. Er sammelt Zeitungsausschnitte, wälzt Geschichtsbücher und erstellt riesige Collagen, die in bester Krimi-Manier als manische Wandinstallation mit Schnurverbindungen zwischen einzelnen Fotos und Ausschnitten beschrieben werden, in der Hoffnung, so seinem Vater näher zu sein.

Ich bin ein Tourist im Land meiner Eltern.

Als er schließlich in den Libanon reist, den Spuren des Vaters folgt und Freunde und Verwandte trifft, bricht das idealisierte Bild des Vaters, der als „undankbarer Taugenichts“, als Trickbetrüger und Verräter seiner Freunde entlarvt wird. Trotzdem ändert sich nichts für Samir: Er sucht weiter. Und trifft schließlich über einige Umwege – so viel kann verraten werden – auf den Vater. Die Gründe für das Verschwinden werden aufgelöst und alles scheint vergeben.

Das Problem von „Am Ende bleiben die Zedern“: Jarawan will zu viel auf einmal. Der Roman ist eine Familiengeschichte, in der sich zusätzlich die Geschichte des Libanons einschreibt und gleichzeitig Kriminalgeschichte, die das Verschwinden des Vaters aufklärt.
Um eine Familiengeschichte vor dem Hintergrund des Exils umfassend darzustellen, ist die gewählte und durchgängig beibehaltende Ich-Perspektive in der verwendeten Form nicht ausreichend. Sie vermittelt ein recht eindimensionales Bild von den männlichen Figuren, während die Frauen, vor allem Mutter Rana und die kleine Schwester Alina, zu kurz kommen. Man könnte argumentieren, es ginge um die Vater-Sohn-Beziehung, einem durchaus kanonischen Topos der Literaturgeschichte, aber auch unter diesem Aspekt bleibt die Perspektive des Ichs zu festgefahren, die Entwicklung der Figuren über 430 Seiten bleibt zu marginal. Das Ich kann sich auch am Ende nicht vom Idealbild des Vaters lösen, das Trauma des Verlustes, das über die ganze Romanlänge ausbuchstabiert wurde, wird in drei Sätzen abgehandelt und vergessen. Die zu erzählende Geschichte der Figuren mit der Geschichte ihres Heimatlandes zu verbinden, ist ein ansich guter Ansatz, allerdings wirken die teils seitenlangen Abrisse über die libanesische Zeitgeschichte in bemüht objektiv wirkendem Stil als Fremdkörper im sonst so subjektiven, von der Ich-Perspektive bestimmten Text. Dass die Geschichte einer Familie im deutschen Exil unter Einbezug der Zeitgeschichte des Heimatlandes durchaus anders (und besser) erzählt werden kann, zeigt Shida Bazyar in ihrem wenige Wochen zuvor erschienenen Debüt „Nachts ist es leise in Teheran“.
Am ehesten ist „Am Ende bleiben die Zedern“ wohl eine Art Detektivgeschichte, die den Leser zum „Dr. Watson“ neben dem erzählenden „Detektiv“-Ich im Text machen. Zu Beginn des Romans werden viele Spuren ausgelegt, manche davon sind leicht und ohne Weiteres zu durchschauen, sodass man zeitweise mehr als das Ich im Text weiß, bei anderen Spuren rätselt der Leser in Kriminal-Manier mit, bis sie am Ende des Romans aufgelöst werden.

„Am Ende bleiben die Zedern“ ist ein Roman, der ausschließlich von dem „Was“, der Handlung des Textes, lebt. Es geht Jarawan darum, die Geschichte wiederzugeben. Ohne Probleme kann man sich eine Fernseh-Verfilmung vorstellen, die am Dienstag Abend zur Primetime läuft. Sprachlich bleibt der Text leider wenig subtil und zu durchschnittlich. Die Bilder, die Jarawan verwendet, sind wenig abwechselungsreich  – besonders auffällig ist die Beschreibung von Situationen mit dem Attribut „zauberhaft“, das wohl rund dreißig Mal verwendet wird – und wenig innovativ. Interessante Analogien und Metaphern werden wiederum durch „over-explaining“ zunichte gemacht. Bestes Beispiel neben den leitmotivischen Zedern als Symbol für die libanesische Seele ist Samirs Großmutter, die überraschenderweise genauso aussieht wie auf den Fotos von vor 30 Jahren. Dass sie versucht, äußerlich nicht zu altern, um sich für die Rückkehr ihres Sohnes zu konservieren ist ein starkes Bild, das keiner Erläuterung bedarf.


Wir danken dem Berlin Verlag für das Rezensionsexemplar.

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