Virginie Despentes‘ „Das Leben des Vernon Subutex 2“: Der Gegenwart zu nah auf die Pelle gerückt

Aufmerksamkeit kriegt heute der, der als ein Versteher gilt. Wenn man jemanden schmähen will, nennt man ihn Putinversteher. Wenn man jemand auszeichnen will, ist er ein Gegenwartsversteher. Die meisten Gegenwartsversteher scheinen momentan aus Frankreich zu kommen. Der erste große Gegenwartsversteher der jüngeren Jahre war vermutlich Didier Eribon. Mit seiner autobiographischen Herkunftserkundung traf er einen Nerv – nicht nur weil er das unstillbare zeitgenössische Verlangen nach authentischem Sprechen befriedigte, sondern auch weil er – folgt man der Rezeption – ein Erklärungsmuster für das Phänomen lieferte, dass sich der einfache Franzose von der Linken abwendete, um in den Armen des Front Nationals zu landen. Doch da der Mensch des 21. Jahrhunderts dem Gemeinplatz entsprechend in einer so schnellen und unübersichtlichen Gegenwart lebt, braucht es freilich auch immer neue Versteher. So hat das hiesige Feuilleton Virginie Despentes für sich entdeckt, aus deren „Vernon Subutex“-Reihe nun der zweite Band in deutscher Übersetzung erschienen ist.

Auch wenn sich Despentes‘ Schreiben sich nicht in großen Bögen, sondern in Episoden vollzieht, wird nur jener Eintritt in diesen zweiten Band finden, der auch schon durch den ersten geschritten ist. Das reiche Figurentableau, das als Serviceleistung dem zweiten Band noch mal registerhaft vorangestellt ist, wird immer noch von zwei Zentren zusammengehalten (wobei man hinter das Wort „Zusammenhalt“ gleich wieder ein Fragezeichen machen muss): von Vernon Subutex selbst, der mittlerweile auf dem Tiefpunkt angelangt ist, sich im zweiten Band aber zu einer quasi-religiösen Figur aufschwingen wird, und von der andauernden Suche nach den Tonaufnahmen des Alex Bleach, die sich aber dem Abschluss zuwendet.

„Wie sieht dein Subutex denn aus?“
„Franzose, ziemlich schnöslig, schöne Augen, latscht wie ein schwuler Rocker, lange Haare … sieht eigentlich nicht toll aus, aber er ist kein schlechter Kerl.“

Nachdem Vernon im ersten Band schließlich auf der Straße gelandet ist, hebt der zweite Band dazu an, dessen messianische Wiederauferstehungsgeschichte zu erzählen, mit allem was dazugehört. Das Figurenpersonal, das auch im ersten Band vor allem vereinte, dass es mit Vernon in Berührung gekommen ist, kommt in diesem zweiten Teil zu einer Jüngerschaft zusammen. Während man sich zusammenfindet, wird Vernon rituellen Waschungen unterzogen, um so zurück ins Leben zu finden. Wie sehr der Umgang mit der christlichen Motivik auch das Denken des Lesers infiziert, merkt man spätestens dann, wenn man in den Kritiken zu Despentes‘ Büchern von einem Triptychon liest, das die Reihe darstellen will.

Er weiß nicht, wie lange dieser süße Wahnsinn ihn jedes Mal fortträgt.

Um die Passionsgeschichte des Vernon herum ist auch in diesem Band wieder einiges an Gegenwartsklimbim herumgewebt, zu der Despentes ja ein ganz besonders inniges Verhältnis haben soll. Das Milieu ist ein Querschnitt durch die Yuppie-, Hippie- und Rotlichtszene, die sich in Parallelwelten verabschiedet haben, in denen die Problemstellungen von „Er würde doch nicht den RER nehmen, um sich den Schwanz lutschen zu lassen.“ bis „In letzter Zeit hatte Loïc immer zwei Becher Ben & Jerry’s Peanut Butter Cup mitgebracht. Das Dreckzeug kostet ein Vermögen.“ reichen.  Beschworen wird die partikularisierte Gesellschaft, von der allweilen die Rede ist in den Leitartikeln der Republik.

Wenn man sich mit den Ärmsten einlässt, sollte man sich über das eigene Schicksal freuen, anstatt sich noch beschissener zu fühlen.

Der Ton, in dem Despentes erzählen lässt, ist abgeklärt, dabei nicht kalt, aber häufig eine Spur zu lässig. Vor allem ärgerlich ist die teilweise sehr ungelenke Übersetzung („Er liebt dieses Land bis zum Wahnsinn.“), die leider über jede sprachliche Differenzierbarkeit der Milieus drüberbügelt und zu einer Melange zusammenrührt.

Man muss es aber auch zugeben, dass die Reichen es auch nicht leicht hatten: Sie hatten die Schnauze voll davon, bis nach Russland oder Thailand zu fahren, um echte Arme zu sehen, richtige Hungerleider, die nicht lesen können und barfuß laufen, bei denen du dich gebildet, privilegiert und natürlich beneidet fühlen kannst.

Insgesamt muss man sagen, dass der literarische Gehalt (zumindest in der deutschen Übersetzung) der „Vernon Subutex“-Reihe überschätzt wird. Die größte Leistung, die darin steckt, könnte vielleicht sein, dass sie so etwas wie eine Brücke baut zwischen der Popliteratur der Neunziger, die hier noch kräftig mitschwingt, und der neuen post-ironischen Literatur, in der hinter dem feingezirkelten medialen Verweis die Gesellschaft am Horizont wieder auftaucht.

Aber Vernon weiß, dass sie vor allem das Gefühl haben, zum letzten Mal alle zusammen zu sein.

Eine Gesellschaft, in der um Zusammenhalt gerungen wird und es ist der große Move des Textes, dass er diesen Kampf um Konsistenz auf die Erzählebene überträgt. Die ständig wechselnden, sich teilweise widersprechenden, sich korrigierenden Erzählhaltungen entsprechen auf der Inhaltsebene eben der Suche nach dem Fixpunkt, der alle Figuren zusammenführt, den es aber nicht geben kann.

Dass der Text in religiösen Mustern (sowohl auf der Inhalts- wie auf der Darstellungsebene) mündet, ist vielleicht der interessanteste Umstand, der der Text aufwirft. In dieser abgefuckten und gleichzeitig durchgestylten Welt gibt es ein erhöhtes Transzendenzbedürfnis. Leider ist die Lichtgestalt, auf die sich dieses Bedürfnis richtet, gerade der professionelle Verlierer Vernon Subutex.

Die Erwartungen jedes neuen Lesers, der sich an die Trilogie ranmachen wird, sind riesig, woran Autorin und Kritik gleichermaßen Anteil haben wird. Das Feuilleton, das schon wieder den neuen Balzac entdeckt haben will und die Autorin, die das nötige Gegenwartstischfeuerwerk auffährt, um die entsprechenden Reaktionen zu provozieren, gehen in diesem Text leider einen unheiligen Pakt ein. So sehr wie die Öffentlichkeit nach den großen Erklärungen dürstet, so viele möchte der Text auch liefern – vom Erstarken der Rechten, über die Folgen des digitalen Wandels bis hin zur sozialen Zergliederung. Viel ambitionierter geht es kaum – und man wird sehen, ob am Ende des dritten Teils wirklich der neue Balzac steht oder ob diese schnelle und chaotische Gegenwart genauso schnell über diese drei Romane hinweggehen wird, wie sie durch ihn hindurchzieht.