Vom Ende her auf das Ende hin: Ilse Aichingers frühe Erzählungen

Aichinger_Der Gefesselte

Erzählungen erfreuen sich im deutschsprachigen Raum in der gegenwärtigen Rezeption keiner großen Beliebtheit. Verlage und Buchhändler berichten gleichsam, Kurzprosa sei schwer an den Leser zu bringen, weil dieser viel lieber zum Roman greift. Die Tatsache, dass Erzählungen vom heutigen Leser stiefmütterlich behandelt werden, ist keineswegs allgemeingültig oder selbstverständlich. In den USA sind „short stories“ ein fester Bestandteil der Gegenwartsliteratur; man denke beispielsweise an Don DeLillo oder Alice Munro, und auch in Deutschland war die Situation vor 70 Jahren noch eine andere. Die deutschsprachige Nachkriegsliteratur wurde maßgeblich von Kurzprosa geprägt, darunter die frühen Erzählungen von Ilse Aichinger, welche im Band „Der Gefesselte“ zusammengestellt wurden und zwischen 1946 – 1952 entstanden sind. 

Warum sich Erzählungen sich in den Jahren nach 1945 einer größeren Beliebtheit erfreuten als heute, lässt sich nicht eindeutig beantworten. Ein wichtiger Faktor war aber sicher die allgemeine Papierknappheit, die in den Trümmerjahren herrschte. Die Fabriken waren größtenteils zerstört, ebenso wie die Infrastruktur, die einen Import möglich gemacht hätte. Kommissionen teilten das Druckpapier den verschiedenen Bedarfsgruppen zu, dabei wurden die administrativen Einrichtungen der Alliierten den heimischen Verlagen vorgezogen, sodass es  zwar Papier für ausgewählte, von den Siegermächten unterstützte Zeitungen gab, nicht aber für den belletristischen Literaturbetrieb: In Wien wurden im Jahr 1946 an die etwa 200 Verleger der Stadt durchschnittlich nicht einmal 300kg Papier ausgeliefert, obwohl sie einen einen Bedarf von 2500kg im Durchschnitt anmeldeten. [Wer mehr zum Thema erfahren will, dem sei der informative Artikel „Kampf ums Papier. Literarische Produktionsmittel in Österreich um 1950“ von Kepplinger-Prinz / Kepplinger empfohlen, der im Journal of Austrian Studies (Vol. 48, Nr. 3, 2015) erschienen ist]
Welches war also das Alternativmedium für junge Autorinnen und Autoren, die zu Wort kommen wollten? Vor allem Zeitungen. Die Publikation von Kurzprosa (und kurz mussten die Texte hier vor allem sein, weil die Platzökonomie der Zeitung es vorgab) war fester Bestandteil vieler deutschsprachiger Tages- und Wochenpresse.

Auch Ilse Aichinger publizierte einige der in diesem Band versammelten Erzählungen, die in gleicher Anordnung bereits 1953 unter gleichem Titel im Fischer-Verlag erschienen, ursprünglich in Tageszeitungen. Darunter auch der wohl bekannteste Text der Sammlung, die „Spiegelgeschichte“, die in drei Teilen im August 1949 in der Wiener Tageszeitung erstveröffentlicht und für die Aichinger beim legendären Treffen der Gruppe 47 in Niendorf an der Ostsee mit dem Preis der Gruppe ausgezeichnet wurde.
Erzählt wird die Geschichte einer jungen Frau in rückwärtiger Reihenfolge. Ihre Beerdigung ist Initiationsmoment für die „Spiegelgeschichte“, die danach ‚zurückgespult‘ wird: sie wird zurück in ihr Sterbebett gebracht, sie erwacht aus ihrem Todeskampf, kann sich wieder bewegen, sie entsteigt dem Bett und geht zum Hafen, wo sich der Grund ihres frühen Todes enthüllt: eine misslungene Abtreibung, zu der sie von ihrem Freund überredet wird, ist Ursache für ihr Ende. Der ‚backflash‘ geht weiter, die junge Frau trifft ihren Freund das erste Mal, sie geht wieder zur Schule, sie ist wieder Kind, vergisst schließlich wie man spricht und geht, wird schließlich geboren – und stirbt. Besonders macht die „Spiegelgeschichte“ nicht nur die Umkehrung aller Konventionen, sondern auch die Erzählperspektive. Der allwissende Erzähler richtet sich an ein Du, meist in einem konstatierenden Präsens, an einzelnen Stellen auch im Imperativ.

„Die Fieberträume lassen nach“, sagt eine Stimme hinter dir, „der Todeskampf beginnt!“
Ach die! Was wissen die?
Geh jetzt! Jetzt ist der Augenblick! Alle sind weggerufen.
Geh, eh sie wiederkommen und eh ihr Flüstern wieder laut wird, geht die Stiegen hinunter, an dem Pförtner vorbei, durch den Morgen, der Nacht wird. Die Vögel schreien in der Finsternis, als hätten deine Schmerzen zu jubeln begonnen. Geh nach Hause! Und leg dich in dein eigenes Bett zurück, auch wenn es in den Fugen kracht und noch zerwühlt ist. Da wirst du schneller gesund!

In der Spiegelgeschichte fallen die Augenblicke des Todes und der Geburt zusammen und werden miteinander gleichgesetzt. Den Rückschluss zieht Aichinger in ihrem Vorwort, das sie unter den Titel „Das Erzählen in dieser Zeit“ stellt, selbst: „In einer dieser Geschichten gibt es ein Mädchen, […] das bei jeder Prüfung immer mehr von dem, was es wußte, vergessen haben muß, bis es endlich im Augenblick des Todes zur Welt kommt.“ Gerade das Sterben und der Tod ermöglichen für die Autorin überhaupt erst die Möglichkeit des Erzählens:

Wenn wir es richtig nehmen, können wir, was gegen uns gerichtet scheint, wenden, wir können gerade vom Ende her und auf das Ende hin erzählen beginnen, und die Welt geht uns wieder auf. Dann reden wir, wenn wir unter dem Galgen zu reden beginnen, vom Leben selbst.

Die doch thematisch recht unterschiedlichen Geschichten in „Der Gefesselte“ verbindet jener Aspekt. Wie das Zitat der Autorin nahelegt, bildet sich das Diktum Erzählen „vom Ende her auf das Ende hin“ in der letzten Erzählung der Sammlung, der „Rede unter dem Galgen“, ab. Die Erzählung „Das Plakat“ gibt die Gedankenwelt der Fotografie eines Jungens wieder, der in einem Werbeplakat gebannt ist. „Zum Leben erweckt“ wird er, als der Plakatkleber zu ihm sagt: „Du wirst nicht sterben“ und damit eine Todessehnsucht im Abbild des Jungen auslöst. Er will lebendig sein und sich rühren können, wie die Passanten, die am Plakat vorbeigehen. Der einzige Ausweg ‚aus dem Plakat‘ und damit seiner Existenz scheint der Tod zu sein: „Der Junge sprang und riß die Küste mit sich. ‚Ich sterbe‘, rief er, ‚ich sterbe! Wer will mit mir tanzen?‘ Niemand beachtete es, daß eines der Plakate schlecht geklebt worden war, niemand beachtete es, daß eines davon sich losgerissen hatte, auf die Schienen wehte und von dem einfahrenden Gegenzug zerfetzt wurde.“

Aichingers frühe Erzählungen sind ein poetologischer Schlüssel für ihr gesamtes Werk. Sie sind lesenwert, da sie von der Bedeutung einer österreichischen Jahrhundertautorin zeugen, die abgesehen von ihrem Roman „Die größere Hoffnung“ leider heute immer weniger rezipiert wird. Es gerät in Vergessenheit, dass Ilse Aichinger bereits 1946 mit ihrem Aufsatz „Aufruf zum Misstrauen“ und dem enthaltenen Plädoyer gegen einen blinden Rekonstruktionswillen und der im Nachkriegsösterreich angestrebten Wiederanknüpfung an die Vorkriegsjahre ohne Reflexion der eigenen Schuld und Teilnahme an den Verbrechen des Zweiten Weltkriegs die wichtigste Stimme der jungen Nachkriegsgeneration von österreichischen Autoren und Autorinnen wurde. Ihre frühen Erzählungen sind noch heute ein Zeugnis der Stunde Null in Europa und eine literarische Meisterleistung.

2 Kommentare

  1. Ein toller Beitrag! Ich muss gestehen, ich habe bis vor kurzem noch nie etwas Ilse Aichinger gehört. Erst vor etwa 3 Monaten habe ich sie durch das Buch „Leidenschaften. 99 Autorinnen der Weltliteratur“ entdeckt und mir daraufhin „Die größere Hoffnung“ zugelegt. Das Buch möchte ich gerne nächsten Monat lesen und bin schon sehr gespannt darauf. Ich bin auch weniger ein Fan von Short Stories, aber wenn mir dieser Roman gefällt, werde ich den weiteren Werken von Aichinger sicherlich auch Beachtung zukommen lassen.

    • Vielen Dank für deinen Kommentar, dann nun erstmal viel Spaß mit der „größeren Hoffnung“, ein unendlich großartiges Buch, das seit der ersten Lektüre neben Bachmanns „Malina“ zu meinem Lieblingsroman geworden ist. Falls das Buch dir auch so gut gefällt, würde ich dir die frühen Erzählungen auf jeden Fall ans Herz legen, da sie – nicht unbedingt thematisch, aber doch in jedem Fall stilistisch – der „größeren Hoffnung“ recht ähnlich sind.
      Liebe Grüße, Tabitha

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