Vom Finden und Verschwinden: Ralph Dutlis „Die Liebenden von Mantua“

Dutli_Mantua

In Ralph Dutlis neuem Roman ist die Topographie der Protagonist. Mantua ist ein Ort mit großer literarischer Tradition: sie gilt als Geburtsort des römischen Dichters bzw. Epikers Vergil und ist neben dem benachbarten Verona der Schauplatz für das Liebesdrama um Shakespeares Romeo und Julia, der Ort, an dem im letzten Akt beide den gemeinsamen Tod finden. In jene Tradition stellt sich Ralph Dutli mit seinem Roman Die Liebenden von Mantua, der es auf die Longlist des Deutschen Buchpreises 2015 geschafft hat.  
Irgendwo zwischen postmoderner Epik und Kriminalgeschichte erzählt Dutli in einer Art „Realismus des Unwahrscheinlichen„, in dem die Grenzen zwischen Wirklichkeit und Traum, Fantasie und Wahn zu verschwimmen scheinen, von den Spielarten der Liebe und von der Macht der Literatur.

Erzählt wird von Manu und Raffa, die alte Bekannte sind und sich im Sommer 2013 zufällig in einem Café in Mantua treffen. Während Raffa als Journalist an einer Reportage über die Folgen und bleibenden Schäden des Erdbebens 2012 arbeitet, recherchiert der Schriftsteller Manu zum Verbleib des archäologischen Sensationsfundes aus dem Jahr 2007. Bei den von ihm gesuchten „Liebenden von Valdaro“ handelt es sich um zwei jungsteinzeitliche Skelette, die ineinander verschlungen vor 6000 Jahren bestattet wurden. Eigentlich sollte der Fund längst im Museum ausgestellt werden, doch nach der medialen Aufmerksamkeit kurz nach der Ausgrabung ist der Verbleib des neolithische Paar ungewiss.

Menschen verschwinden so leicht in Mantua.

Bei seinen Nachforschungen wird Manu von einem namenlosen Grafen „Ignoto“ entführt, der sich in Besitz des Ausgrabungsstückes befindet. Der Plan des Conte ist es, eine neue Religion der Liebe gründen will, die die Abschaffung der menschlichen Einsamkeit zum Ziel hat. Als Symbol seines Kultes hat er die Liebenden von Valdaro auserkoren und vorenthält sie deshalb der Öffentlichkeit. Aufgabe des Schriftstellers Manu ist es, eine Charta der Liebe schreiben, die dem Conte als Heilige Schrift seiner Religion dienen soll. Währenddessen lernt Raffa, der sich über die Abwesenheit Manus wundert, Lorena kennen, die mit ihm Streifzüge durch das Mantua der Renaissance unternimmt und ihm verschiedene Kunstwerke großer Maler zeigt. Schließlich ist es Lorenas Zwillingsschwester Eleonora, die am Ende Manu befreien kann und Raffa und Manu am Ende des Romans in das Café in Mantua zurückkehren lässt.

Zentral ist für den Roman die Frage nach dem Konzept Liebe, das auf nahezu allen Ebenen des Romans verhandelt wird: in den ausschweifenden Beschreibungen der Renaissance-Kunstwerke Andrea Mantegnas durch Raffa und Lorena, durch das Nachdenken über das steinzeitliche Fundstück durch den Conte und Manu, oder durch die beiden beendeten Beziehungen der beiden Männer: der Conte adressiert immer wieder die ermordete Luisa, Manu sucht im Traum das Gespräch mit Laure, seiner Exfreundin aus Paris. Auffällig: alle diese Frauennamen beginnen mit „L“; das muss Liebe sein.

Aber ist es nicht völlig verkehrt, die sogenannte objektive Wirklichkeit und den irrlichternden Traum streng voneinander zu trennen?

Die Villa des Conte, in welche Manu entführt wird, bietet Anlass zum Spiel mit den Perspektiven: Nicht nur wartet hier der offenbar geisteskranke Graf Ignoto mit seiner Idee einer neuen Weltreligion, hier verschwimmen die Grenzen zwischen Traum und Wirklichkeit für Manu, der an mancher Stelle in halluzinatorische Dialoge und von Wahn geprägte Monologe verfällt. Verbunden ist dieser Zustand offenbar mit Drogen, die den Bewohnern verabreicht werden. Durch den Konsum dieser bewusstseinserweiternden Flüssigkeiten erklären sich personal-perspektivische Beobachtungen wie „Salvatore ist unsterblich!“ oder die als selbstverständlich beschriebene Veränderung der Architektur des Hauses, die das Auffinden der „Wanderbibliothek“, die jede Nacht an einem anderen Ort zu finden ist, für Manu ab einem gewissen Moment unmöglich macht.
Die Traum- und Drogen-Motivik verweist ein weiteres Mal, diesmal jedoch etwas impliziter, auf Romeo und Julia, in dessen Tradition nicht nur Manu seine Liebenden von Valdura, sondern auch der Conte seine Religion sieht.

Interessant ist das literarische Autonomiekonzept, das der Text im Nachdenken über den Roman selbsreferenziell entwickelt und welches durch die Figur des Schriftstellers Manu verhandelt wird.

Es gibt schließlich das Buch. Alles ist Buch. Das Buch ist alles. Lass dem Buch sein Eigenleben, es braucht das Leben des Autors nicht, oder dann auf jeder Seite. Das Buch ist selbst ein lebendiger Organismus. Es lallt, es schrumpft, es schnarrt, es zischt, es flüstert. Und es gehorcht einzig sich selbst.

Eine Loslösung der Literatur vom Autor, die Geschichte schreibt sich selbst? Diese Idee spiegelt sich in der bisherigen Arbeit der Autor-Figur Manu, der bereits sieben Romane jeweils unter einem anderen Pseudonymen als Erstlingswerke veröffentlichte, aber auch in dem Projekt der Liebes-Charta als autorloses Evangelium der Liebes-Religion, das der Conte von ihm verlangt.

Zusammen mit der „magischen Bibliothek“ macht das Sinnieren über die Literatur und die ständigen intertextuellen Verweise Die Liebenden von Mantua zu einem klassischen postmodernen Roman. Der Romanist Ralph Dutli beweist sein Wissen und sein handwerkliches Können durch die zahlreichen Metaphern, Wortspiele und Bilderflut, aber nach der Lektüre bleibt eine gewisse Ratlosigkeit. Hier ist die Fokussierung auf die poetische Funktion der Sprache nach Jakobson wohl etwas zu weit gegangen. Die Liebenden von Mantua ist ein ungewöhnliches Buch, in dem inhaltlich vieles enthalten ist, aber nur weniges wirklich ausgeformt wird. Die Exkurse des Romans verhindern eine Ausformung der Figuren, über die man gerne mehr erfahren würde. Am Ende bleibt vor allem eine Erkenntnis: Mantua ist eine Reise wert.


Aus Gründen der Transparenz sei an dieser Stelle darauf hingewiesen, dass diese Besprechung auf einem Rezensionsexemplar basiert, das uns vom Wallstein Verlag freundlicherweise kostenfrei zur Verfügung gestellt wurde. Dies hat selbstverständlich keinen Einfluss auf die Rezension des Romans. 

3 Kommentare

  1. Kompliment zurück. Wir kommen ja zum selben Fazit: Mantua ist eine Reise wert…Leider empfand auch ich die nicht zu Ende geführten Erzählstränge störend, die Figuren blass, ihr Handeln z. T. unmotiviert. Aber auch an der Sprache hätte ich doch manches auszusetzen…Den ersten Roman von Dutli habe ich nicht gelesen, kenne nur die Leserprobe – eine Beurteilung kann ich da nicht treffen. Viele Grüße zurück, Birgit.

  2. Pingback: Die neue Wörtlichkeit: Kai Weyands “Applaus für Bronikowski” | Zeilensprünge.

  3. Auf ein obiges Zitat anspielend, könnte man sagen, lass den Text, er braucht den Roman, er braucht die Geschichte nicht, die Dutli erzählen will – falls er es denn wollte.

    Freundlichst
    Ihr Herr Hund

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