Vom Kampf gegen die Väter: Theresia Enzensbergers „Blaupause“

Enzensberger-Blaupause

Eine junge Frau beendet die Schule. Sie beschließt, ihr Elternhaus zu verlassen und in einer anderen Stadt zu studieren – sie möchte Architektin werden. Was im Jahr 2017 wie selbstverständlich klingt, war es vor knapp 100 Jahren, im Herbst 1921, noch lange nicht. Hier entschieden nicht die Abiturientin für sich selbst, sondern ihre Eltern über die Zukunft der Tochter. In ihrem Debütroman „Blaupause“ erzählt Theresia Enzensberger, ihres Zeichens bislang selbst vor allem Tochter, nämlich von niemand geringerem als Hans Magnus Enzensberger, von einer jungen Frau, die am legendären Bauhaus in den 1920ern Architektur studiert.

Ich will die Zukunft bauen und die Vergangenheit abreißen.

Im Herbst 1921, zwei Jahre nach der Gründung durch Walter Gropius, beginnt Luise Schilling ihr Studium am Weimarer Bauhaus. Für sie ist es ein Umzug in die Provinz. Enzensbergers Protagonistin stammt aus gutbürgerlichem Berliner Hause, ihre Eltern zahlen die Ausbildung und die Unterkunft der Tochter, für die Luise viel Überzeugungsarbeit leisten musste, denn der Vater, erfolgreicher Unternehmer und unangefochtener Familienpatriarch, war von der Idee, die Tochter auf eine Kunstschule zu schicken, nicht begeistert. Dass sie nicht eines der Kunsthandwerke lernen, sondern Architektin werden will, wird von allen nur müde belächelt.

Der erste Teil von Enzensbergers Debütroman erzählt von den ersten zwei Studienjahren am Bauhaus, in der die Protagonistin den sogenannten Vorkurs ableistet und danach einem der Spezialisierungszweige zugewiesen wird. Obwohl sie das erste Jahr mit einem architektonischen Modell abschließt, wird ihr die Weberei empfohlen. Luise fügt sich den männlichen Lehrern und beginnt wiederwillig zu weben.

Physik sei nichts, worüber ich mir meinen hübschen Mädchenkopf zerbrechen sollte.

Ihr eigentliches Ziel verliert auch Luise schnell aus den Augen, denn im ersten Teil des Romans entspricht die junge Frau in weiten Passagen jenem Rollenbild, dass die Männer auf sie projizieren: Luise ist unbedarft und naiv, und als der erstbeste gutaussehende Kommilitone vorbeikommt, ist es um sie geschehen: Jakob heißt der Angebetete, der zum sogenannten Itten-Kreis gehört, einer Schar Studierender, die Johannes Itten verehren. Nicht nur seine kunsttheoretischen Ansätze, sondern auch seinem Lebensmodell, das dem ‚Mazdaznan’ folgt und ein strenges Ernährungskonzept sowie Meditation und körperliche Betätigung in der Natur vorgibt, werden nicht hinterfragt und streng befolgt. Luise wird selbst zur Itten-Jüngerin, bis sie die Oberflächlichkeiten des Lehrers, aber auch ihres Schwarms Jakob durchschaut.

Jene ersten 130 Seiten von „Blaupause“, auf denen die Ich-Erzählerin Luise das chauvinistische Frauenbild vollkommen erfüllt, von dem sie sich eigentlich vor Beginn des Studiums lösen wollte, sind die zähsten des Buches. Wie die Protagonistin um ihren Schwarm herumschleicht, ihn zu beeindrucken versucht, erinnert vor dem Hintergrund des Wohnheimalltags mehr an einen Er-liebt-mich-er-liebt-mich-nicht-Jugendroman, als das, was Cover und Klappentext versprechen. Liest man jedoch weiter, macht diese erste Episode, die die Geduld der Lesenden durch strapazierte Stereotype an der einen oder anderen Stelle sicher herausfordern, Sinn.

Denn Luise emanzipiert sich doch noch. Dass sie dies nicht direkt, sondern auf Umwegen tut, macht „Blaupause“ zu einem differenzierteren Roman, als er es auf den ersten Blick vielleicht scheint. Enzensberger erlaubt ihrer Protagonistin, sich auf Irrwege zu begeben, lässt sie vom eigentlichen Pfad abkommen, erzählt nicht die märchenhafte Geschichte einer problemlosen Emanzipation.

Am Ende des ersten Romanteils wird Luise das Geld gestrichen, ihr Studium vom Vater für beendet erklärt und die Tochter zurück nach Berlin geholt, wo sie auf einer höheren Mädchenschule lernen soll, wie man sich einen Mann angelt und ihm eine gute Ehefrau ist. Jene Zeit wird nicht geschildert, die Erzählung macht einen zeitlichen Sprung. Der zweite Teil erzählt von der Wiederaufnahme des Studiums im Jahr 1926. Das Bauhaus ist mittlerweile von Weimar nach Dessau übergesiedelt, die Itten-Jünger inklusive dem Angebeteten mit ihrem Guru in die Schweiz gegangen. Nach dem Tod ihres Vaters hat Luises Bruder Otto die Rolle des Hausherren und die Vormundschaft über seine unverheiratete Schwester übernommen. Doch auch gegen seinen Willen geht Luise zurück an die Hochschule, beginnt, ihr eigenes Geld zu verdienen und studiert endlich Architektur.

Nichts erscheint mir in diesem Moment sinnvoller als hier, an diesem Ort zu sein, hier, wo die Menschen verstanden haben, dass wir nicht verharren können, dass wir etwas Neues brauchen.

Frauen, die Häuser bauen, das können die sich gar nicht vorstellen!

Es scheint voran zu gehen in diesen Jahren in Dessau, doch am Ende des Romans steht die ernüchternde Erkenntnis, dass Luise trotz ihrer Leistungen nicht ernstgenommen, von ihren männlichen Kollegen hintergangen wird und nicht aus ihren Schatten treten kann. Ernüchternd, aber ehrlich ist dieses Ende – alles andere wäre Kitsch gewesen.

Worüber Enzensberger schreibt, was sie schildert, scheint nicht knapp 100 Jahre vergangen, sondern hochaktuell. Man fühlt sich erinnert an die unlängst geführte Diskussion über den Sexismus und die Diskriminierung von Frauen an deutschen Hochschulen. Aber auch jene Szenen, in denen Luise mit ihren Freunden das Berliner Nachtleben der 1920er Jahre erkundet, lesen sich wie die Schilderung einer durchzechten Partynacht im Jahr 2017 – viel Alkohol, ein paar Drogen und durchtanzte Nächte, heute wie damals entspricht diesem dem Stereotyp der Berliner Szene.

So ist „Blaupause“ auch kein eigentlicher Roman über die Epoche des historischen Bauhaus, sondern über die langsame Emanzipation einer jungen Frau in einer männlich dominierten Gesellschaft – und ihr Scheitern. Die großen, ausschließlich männlichen Künstler der Avantgarde und der Moderne – Walter Gropius, Johannes Itten, Paul Klee, Wassily Kandinsky oder Theo von Doesburg – sind in diesem Roman eher Staffage, über ihre Werke oder ihr Kunstverständnis erfährt man wenig. Macht man sich von diesen Erwartungen frei und liest den Roman als das, was er ist, ist „Blaupause“ – vielleicht nicht sprachlich, hier bleibt Enzensberger mit ihrer Ich-Erzählerin recht konventionell, dafür aber inhaltlich – eine lohnenswerte Lektüre.


Wir danken Hanser für das Rezensionsexemplar.

1 Kommentare

  1. Dann machst Du mir Mut – ich habe den Roman erst einmal nach Seite 65 zur Seite gelegt, weil ich mich tatsächlich an so College-Wohnheim-Roman-Geschwafel erinnert gefühlt habe. Und befürchtete, dass es nicht besser wird. Also, noch ein Anlauf.

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