Von Damaskus nach Berlin: Olga Grjasnowas „Gott ist nicht schüchtern“

Grjasnowa_Gott ist nicht schüchtern

Wie nah darf und wie nah muss Literatur sein? Darf man von ungeheurem Leid erzählen, wenn man es selbst nicht erlebt hat? Und wie kann man das Unaussprechliche verbalisieren? Olga Grjasnowa, die neuerdings bei Aufbau verlegt wird, erzählt in ihrem dritten Roman „Gott ist nicht schüchtern“ die Geschichte einer jungen Frau und einem jungen Mann aus Syrien, vom Bürgerkrieg und der Flucht nach Europa.

Er kam nach Hause zurück, um seine Zukunft zu feiern, stattdessen ist er in sein altes Kinderzimmer eingezogen.

Über drei Romanteile begleitet der Leser Amal, eine angehende Schauspielerin aus Damaskus, die kurz vor ihrem Abschluss an der Akademie steht und gerade ihre erste Hauptrolle in einer Serie spielen durfte, und Hammoudi, einem jungen Arzt aus Deir az-Zour im Osten des Landes, der soeben in Paris sein Medizinstudium beendete, in dem er sich als Schönheitschirurg auf die Behandlung von Brandopfern spezialisierte. Er ist nur in sein Heimatland zurückkehrt, um seinen Pass verlängern zu lassen und seine Eltern zu sehen. Der Pass wird ihm nicht ausgestellt, die Ausreise wird ihm verweigert. Es ist Anfang 2011: arabischer Frühling.

Amal wird, gemeinsam mit einigen Bekannten, aktiv. Sie nimmt an Demonstrationen gegen Baschar al-Assad und seine Familie teil, fordert Reformen, bis der Geheimdienst sich ihrer annimmt. Sie wird inhaftiert, gequält und gefoltert, nach drei Tagen entlassen und von dort an in ihrer Wohnung belästigt, ausgeraubt, belagert.
Ihr Vater, ein etwas dubioser Geschäftsmann, der es zu Wohlstand gebracht hat, versucht sie freizukaufen, von der Liste des Geheimdienstes streichen zu lassen – doch vergeblich. Schließlich flieht sie, zunächst in die libanesische Hauptstadt Beirut, wo sie als Syrerin nicht willkommen geheißen wird und keine Zukunft sieht, danach über Istanbul nach Europa, wo sie Mitte 2015 in Berlin ankommt.

Hammoudi wird ebenfalls Teil der Opposition. Zunächst sammelt er als Arzt gemeinsam mit Gleichgesinnten Beweise über die Verbrechen der Regierungstruppen, die gnadenlos seine Heimatstadt zerbomben und den Ärzten die Behandlung von Rebellen unter Todesstrafe verwehren, später baut er ein Untergrund-Krankenhaus auf und bleibt „als einziger Arzt im belagerten Teil der Stadt“ zurück, als seine Familie flieht. Er harrt aus, auch, als der Daesh sein Gebiet einnimmt und er mit dem Lauf der Waffe an der Schläfe als Privatarzt Kämpfer des sogenannten Islamischen Staates operieren muss – bis er gewarnt wird, dass er in wenigen Stunden hingerichtet werden soll. Über die Türkei gelangt er nach Lesbos, auch sein Weg führt ihn von dort nach Berlin.

Die Wege der beiden kreuzen sich nur zweimal: ganz zu Beginn, als Hammoudi für eine kurze Zeit nach Damaskus geht, wo Amal seine Nachbarin wird, und ganz am Ende des Romans, wo sie sich in Berlin wiedertreffen, wiedererkennen, sich einander offenbaren und einander erstmals über die Schrecken ihrer Flucht sprechen.

Denn – wie bereits angedeutet – was die beiden in den vier Jahren der erzählten Zeit erleben, ist Terror, Gewalt und der hinter jeder Ecke lauernde Tod. Beide befinden sich nicht nur einmal in Lebensgefahr. Beide wohnen Hinrichtungen und Enthauptungen bei, beide werden misshandelt.
Olga Grjasnowa erzählt davon schonungslos direkt. An einigen Stellen ist das nicht leicht zu ertragen, zum Beispiel, wenn Hammoudis Alltag im Untergrund-Krankenhaus geschildert wird und so viele Opfer eingeliefert werden, dass er kaum mehr Menschen retten kann.

Der realistische Anspruch des Romans wird, das wurde in der Rezenion im SPIEGEL richtig bemerkt, durch die den ersten zwei Romanteilen vorangestellten Landkarten deutlich: die erste Karte zeigt Syrien und ihre Nachbarländer, die zweite Karte zeigt mit größerem Abstand auch die Nachbarländer, den Weg nach Europa. Bereits mehrfach wurde kritisiert, ihr Roman sei keine Literatur, sondern vielmehr eine Reportage – dass dieser Text aber weitgehend auf stilistische Spielereien verzichtet, die Sprache , wie Cathrin Stadler richtig bemerkt, vielmehr „kühl und auf Distanz bedacht ist“, könnte „Gott ist nicht schüchtern“ gerade als Stärke ausgelegt werden. Grjasnowa dramatisiert nicht, verklärt nicht, heischt nicht nach Mitleid für ihre Figuren.

Darf man also vom syrischen Bürgerkrieg und der Flucht erzählen, wenn man sie selbst nicht erlebt hat? Auf diese zurückgenommene Art und Weise ja. Immer wieder wurde legitimierend darauf verwiesen, dass Grjasnowa mit einem Syrer verheiratet sei – sicher ist dies nicht ohne Einfluss. Zentraler scheint aber, dass auch dieser dritte Roman von Olga Grjasnowa vom Heimatlosigkeit und Exil erzählt. War es in „Der Russe ist einer, der Birken liebt“ Mascha, die als Kind aus Aserbaidschan nach Deutschland kam und einer Generation angehört, die laut Klappentext „keine Grenzen, aber auch keine Heimat kennt“ und in „Die juristische Unschärfe einer Ehe“ Leyla und Altays Flucht nach Berlin, um dort frei leben zu können, sind es nun Amal und Hammoudi, denen durch ihre Qualifikationen die Welt offen zu stehen scheint, bis sie in die Emigration gezwungen werden.
Anders als bei „Der Russe ist einer, der Birken liebt“ und „Die juristische Unschärfe einer Ehe“ erzählt Grjasnowa in „Gott ist nicht schüchtern“ erstmals von der eigentlichen Flucht, während die vorangegangenen Romane vom Exil in Deutschland und der Suche nach Heimat erzählen. Ihre Zukunft steht – das verdeutlicht auch die astronomische Karte, die dem dritten Romanteil, der Zeit in Deutschland, vorangestellt ist – in den Sternen. Hier wird der Verlust der Heimat verbalisiert. Und keiner in diesem Roman macht es sich leicht, diese Heimat hinter sich zu lassen.

„Gott ist nicht schüchtern“ ist vielleicht kein besonders literarisches Buch, stilistisch und formal wird hier das Rad nicht neu erfunden und vielleicht wird dieser Text auch deshalb nicht in den Kanon des 21. Jahrhunderts eingehen. Grjasnowas neuester Roman ist nichtsdestotrotz ein wichtiges Buch. Es versucht nicht, zu belehren oder zu erklären, aber es hilft, zu verstehen.


Wir danken dem Aufbau Verlag für das Rezensionsexemplar.

1 Kommentare

  1. Das hast du sehr schön auf den Punkt gebracht, habe ich genauso empfunden. Besonders interessant fand ich zu lesen, wie die Situation in Syrien sich immer mehr verändert hat. Dadurch versteht man sehr gut, warum so viele fliehen mussten und immer noch müssen. Allein deshalb sollte dieses Buch von vielen gelesen werden.

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