„Vor der Morgenröte“: Ein Flaneur im Dschungel

Vor der Morgenröte

Da stehen sie auf einmal zusammen auf der Veranda eines schlichten Appartements und blicken auf den brasilianischen Dschungel – der deutsche Journalist Ernst Feder und der Epochen-Schriftsteller Stefan Zweig. Ergriffen von dem Anblick der verschwenderischen Natur, von dem Gedanken geleitet, in Brasilien das Land der Zukunft zu sehen, kann der Exilant Zweig doch nur eines in den grünen Hügeln erkennen: den Semmering, diesen malerischen Pass, der den Wienern seit je her als Ausflugsziel dient. Das Gefühl, das den Berliner und den Wiener an diesem Ort verband, war das Gefühl einer ganzen Generation: die europäischen Exilanten des Zweiten Weltkriegs hatte keine Abenteuerlust an die entlegensten Orte geführt, sondern die pure Not. Die Heimat, die sie verlassen hatten, betrachteten sie immer noch als die eigene. Trotz aller politischen Schönverfärberei seitens Stefan Zweigs – Brasilien sollte nie seine neue Heimat werden. Dieser Phase seines Lebens hat die Regisseurin Maria Schrader nun den fantastischen  Film „Vor der Morgenröte“ gewidmet.

Stefan Zweigs Exilgeschichte begann im Jahr 1934 nach der Durchsuchung seines Salzburger Domizils. London bzw. Großbritannien sollte für ein paar Jahre sein Heimathafen bleiben, bis ihn schließlich das innenpolitische Klima des Inselstaates weitertrieb. Über die USA und mehrere Zwischenstationen in Südamerika führte ihn sein Weg nach Brasilien, wo er glaubt, in Petrópolis, einer Stadt in der Nähe von Rio, sesshaft werden zu können. Zweigs Exil stieß auf weniger Schwierigkeiten, mit denen viele andere zu kämpfen hatten, schließlich war er ein international gelesener Autor. Doch letztlich – so will es die Mythenbildung – wurde die südamerikanische Stadt nie sein Zuhause. Dazu kam die ständige Unruhe: Als einflussreicher Mann war Zweig stets damit konfrontiert, dass die Leute etwas von ihm wollten. Jeder Gefallen, den er anderen tat, knappste an der Zeit des Autors, hält ihn davon ab, sich dem Schreiben zu widmen. Schließlich wurde er so etwas wie ein professioneller Exilant und immer weniger Schriftsteller, obwohl er bis an sein Lebensende produktiv bleiben wird. Dieses Ende ist am 23. Februar 1942 gekommen. Eine Angestellte der Eheleute Zweig fand die beiden tot in ihrem Bett, Gift hatte beider Leben selbstbestimmt beendet.

Schraders Film setzt mit dem P.E.N.-Club-Treffen 1936 in Buenos Aires ein, zu dem Schriftsteller aus aller Welt geladen waren, um Opposition in Zeiten von Verfolgung und Bücherverbrennung zu signalisieren. Stefan Zweig (gespielt von dem mittlerweile immer häufiger als Schauspieler auftretenden Josef Hader) ist auch gekommen und wird von allen Seiten bedrängt. Der Film zeigt, wie an den Weltschriftsteller Erwartungen gestellt werden, die er nicht erfüllen möchte. In einem viersprachigen Interview soll Zweig ein klares Bekenntnis gegenüber dem nationalsozialistischen Deutschland abgeben, was der Österreicher diplomatisch, aber bestimmt abwiegelt. Jede Kritik, die aus dem fernen Argentinien risikolos formuliert werden kann, sei Hohn für jene, die in Deutschland tatsächlichen Widerstand leisten, lässt Schrader ihren Zweig sagen. Seine Zurückhaltung und sein bedingungsloser Pazifismus waren stets umstritten, so sinkt Zweig in einer Szene des P.E.N.-Treffen innerlich zusammen, während alle anderen eine wutentbrannte Rede gegen das nationalsozialistische Regime frenetisch beklatschen.

Der Film erzählt Zweigs Exilleben über vier entscheidende Episoden, die sich alle örtlich unterscheiden: Buenos Aires, Bahia, wo Zweig mit seiner Frau Lotte eine Zuckerrohr-Plantage besichtigt und vom Bürgermeister der nächstliegenden Stadt empfangen wird, New York, wo eine gekränkte Ex-Frau auf Zweig wartet und schließlich Petrópolis. Alle Orte vereint, dass der Autor ein Fremdkörper in ihnen bleibt und europäische Momente in der südamerikanische Ferne produziert. In Petrópolis zeigt Schrader Zweig mit einer Ausgabe der New York Times über einen schlammigen Waldpfad schlendern, als flaniere er gerade über die Wiener Ringstraße, beim Empfang des Bürgermeisters wird – etwas flach – von einem brasilianischen Dorforchester ein schräger Walzer zu Ehren des Wieners dargebracht, der Zweig trotz seiner mangelhaften Darbietung zu Tränen rührt.

Bei all dem zeichnet „Vor der Morgenröte“ kein unkritisches Bild des Literaten: Mehrfach formuliert Schraders Zweig seine Bewunderung für den Staat Brasilien, der für ihn ein Exempel einer Gesellschaft ohne Diskriminierung darstellt. Auch in seiner Brasilien-Schrift „Ein Land der Zukunft“ propagiert Zweig dieses Bild. Wie blind der Autor tatsächlich für die sozialen Verhältnisse war, fängt Schrader mit der Zuckerrohr-Plantage ein: Während Frau Lotte sich den Anbau von dem extra abgestellten Führer erklären lässt, ist Stefan Zweig mit dem Verfassen eines Telegramms beschäftigt und verliert das Geschehen aus den Augen, bis er schließlich verloren zurückbleibt. Auf der Rückfahrt fährt das Auto an gerodeten Feldern vorbei. Der herausschauende Zweig erkennt darin nur die Zerstörung Europas. Und so – das formuliert der Film als These – ist das gesamte Verhältnis des Österreichers zur neuen Heimat ein illusorisches. Zweigs Brasilien-Bild stellt sich als Phantasma heraus, das wenig mit dem wirklichen Brasilien zu tun hat, sondern in Opposition zum Dritten Reich als Wunschbild entsteht.

Der eigentliche Triumph des Films liegt jedoch in der Kameraführung, die in den Händen Wolfgang Thalers, der auch mit dem kongenialen Ulrich Seidl zusammenarbeitet, nicht besser hätte aufgehoben sein könnten und in der Szene des Epilogs ihren Höhepunkt findet: An jenem 23. Februar 1942 werden Stefan und Lotte Zweig tot in ihrem Bett aufgefunden. Die gläserne Perspektive, die Stefan Zweig den ganzen Film über auf die Dinge einnimmt – mal ist es der verklärte Blick aus der Fensterscheibe des Autos, mal verwehren die vereisten Fenster der New Yorker Wohnung gleich ganz den Blick auf die Umwelt – ist in dieser letzten Szene die des Rezipienten. Der Raum, in dem beide immer noch auf dem Bett weilen, in der Pose, in der sie zusammen einschliefen und nicht mehr aufwachten, wird von der Kamera selbst niemals betreten. Stattdessen öffnet sich eine Schranktür, über dessen von innen befindlichen Spiegel sich der Blick in dem Raum ermöglicht. Der Spiegelblick fängt aber abermals eher die Leute ein, die sich abwechselnd vor dem Bett versammeln und verdoppelt damit die Fremdperspektive: Der Blick auf den Raum ist eh schon ein durch den Spiegel vermittelter, in dem der Zuschauer nun die Reaktionen der Angehörigen sieht. Der Schriftsteller von Weltruhm, der um sich selbst lauter Projektionsflächen errichtet, offenbart sich selbst auch als solche: Als filmische Figur sowieso, aber auch unter seinen Zeitgenossen, die so viele Erwartungen in den eigentlich nur arbeiten wollenden Schriftsteller hineingelegt haben, an denen er schließlich nur zerbrechen konnte.

In der Szene des Interviews mit den ausländischen Reportern ganz zu Anfang des Films wird Stefan Zweig nach der Möglichkeit, Gegenwartsdiagnosen im historischen Roman zu treffen, gefragt. Zweig ist sich sicher: Ein Text wie Franz Werfels „Die vierzig Tage des Musa Dagh“ hätte niemals seine literarische Kraft entfalten können, wenn es Werfel nicht um das Schicksal der Armenier gegangen wäre, sondern nur um einen müden Gegenwartsbezug. Diesen Ausflug in die Poetologie nutzt der Film klug für einen Kommentar in eigener Sache. Denn die Versuchung wäre groß, Stefan Zweigs Thesen von einem friedlichen Europa ohne Grenzen allzu leicht auf unsere Zeit zu beziehen. Dass das nicht das primäre Ansinnen des Films ist, ist seine große Stärke. „Vor der Morgenröte“ interessiert sich tatsächlich zu aller erst um seinen offensichtlichen Gegenstand – Stefan Zweig, ohne dass der Film vergisst deutlich zu machen, dass es die Geschichte vieler ist und dass der Stefan Zweig, der uns hier begegnet, jenes Zerrbild ist, das bereits seine Gegenwart angefangen hat zu errichten. Maria Schrader hat mit ihrem Film etwas geschafft, das nur sehr selten gelingt: Eine Biographie filmisch zu erzählen, ohne dass daraus Anschauungsmaterial für den Deutsch-LK wird. So intelligent zeigt sich der deutsche Film selten.