Walker Percys „Der Kinogeher“: Die traurigen Automaten-Menschen

Der Kinogeher

Auf die Frage, wieso der moderne Mensch so traurig ist, haben verschiedene Denkschulen, Ideologien und Disziplinen unterschiedliche Antworten gefunden: der Marxist ruft „Entfremdung“ und meint damit, die Arbeitskraft für fremde Zwecke verdingen zu müssen, die wilden Wiener der Jahrhundertwende proklamierten die Sprachkrise und Sigmund Freud saß daneben und stellte die psychologische Kränkung fest, die bekannterweise darin bestünde, „nicht mehr Herr im eigenen Hause“ zu sein. Der moderne Mensch bewegt sich – so die These – in dem schnell mal als zynisch abgetanen Paradox, einen immer (zumindest für einige) steigenden Lebensstandard zu produzieren und gleichzeitig immer trauriger zu werden. Diese Traurigkeit besteht darin, sich nicht mehr zu sich und seiner Umgebung in Bezug setzen zu können und Fremder im eigenen Leben zu sein. Die immer stärker werdende Sehnsucht nach dem Authentischen ist ein Symptom dieses Phantomschmerzes der Gegenwart. Das Narrativ vom traurigen Menschen der Moderne ist, wie sich zeigt, alt und traditionsreich. Einer der wichtigen Wegpunkte dieses Narrativs ist ganz sicher Walker Percys „Der Kinogeher“, das in den Achtzigern von Peter Handke ins Deutsche übertragen und vom Suhrkamp-Verlag neu aufgelegt wurde.

Auf die Frage, ob er, Walker Percy, einen aufgeklärten Humanismus als ernstzunehmende Alternative zu einer religiösen Weltsicht anerkennen würde, antwortete er einst: „This life is too much trouble, far too strange, to arrive at the end of it and then to be asked what you make of it and have to answer ‚Scientific humanism.‘ That won’t do. A poor show. Life is a mystery, love is a delight. Therefore I take it as axiomatic that one should settle for nothing less than the infinite mystery and the infinite delight, i.e., God. In fact I demand it. I refuse to settle for anything less. I don’t see why anyone should settle for less than Jacob, who actually grabbed aholt of God and would not let go until God identified himself and blessed him.“ Seine Aussage wirft einen Blick darauf, worin das vermeintliche Problem im Umgang mit dem Südstaaten-Autor liegt. Seine intensive Auseinandersetzung mit dem Zustand des Menschen in seiner Zeit mündet immer wieder, inspiriert durch Kierkegaard, im christlichen Glauben und macht ihn für die deutsche Literatur der Gegenwart, die weitgehend säkularisiert ist, kaum anschlussfähig. Es verwundert daher nicht, dass professionelle Frömmler und Spiritisten wie Peter Handke oder Sybille Lewitscharoff sich ganz besonders für den Autor eingesetzt haben. Dass seine Diagnosen dennoch erhellend sind, beweist auch „Der Kinogeher“.

Seit vier Jahren lebe ich ohne besondere Vorkommnisse in Gentilly, einen Mittelklassen-Vorort von New Orleans.

Die Rezeption hat für Walker Percy stets die ganz großen Schubladen geöffnet: für die einen war er der rechtmäßige Südstaaten-Erbe eines William Faulkners, die anderen sahen in ihm eine amerikanische Version des französischen Existentialisten Albert Camus. Sein bekanntester Roman „Der Kinogeher“ erzählt aus dem Leben von Binx Bolling, der als ewiger Bachelor im New Orleans der 50er Jahre als Wertpapierhändler im Büro seines Onkels arbeitet. Bolling war im Koreakrieg und ist seit seiner Rückkehr ein Suchender und Verlorener. Wenn er nicht arbeitet, dann verbringt er seine Zeit mit seinen zahlreichen Affären oder mit dem Kinobesuch, zeitweise auch gleichzeitig. Da die Eltern bereits verstorben sind, ist der einzige familiäre Bezugspunkt eine arrivierte Tante – die samt ihres schwarzen Hausangestelltens das alte New Orleans verkörpert – und die psychisch angeknackste Kate, seine Cousine.

An den Abenden schaue ich gewöhnlich fern oder gehe ins Kino.

Bolling ist ein gewöhnlicher Charakter, dessen Glückshaushalt von der Erfüllung bürgerlicher Pflichten abhängig ist: „Es ist ein Vergnügen, die Pflichten eines Bürgers zu befolgen und dafür eine Quittung oder eine saubere Kunstoffkarte mit dem eigenen Namen drauf zu kriegen, die einem sozusagen das Existenzrecht bescheinigt.“ Das gleichförmige Leben wird nur von seinen Gängen ins Kino unterbrochen, die für ihn zum Erklärungsmodell seiner Umwelt werden: „Das erinnert mich an einen Film, den ich letzten Monat draußen am Lake Pontchartrain gesehen habe.“ In diesem Sinne ist das Kino auch nicht bloße eskapistische Tagträumerei, sondern Lebensmodus: „Er ist ein Kinogeher, obwohl er, natürlich, nicht ins Kino geht.“ Das Kino bezeugt viel mehr die Realität, die zunehmend unsicher wird.

In einer Szene erscheint die nächste Umgebung des Kinos. Kate blickt mich nur an – es ist ausgemacht, daß wir während des Films nicht reden. Draußen auf der Straße betrachtet sie dann die Gegend. „Ja, das ist nun bezeugt.“
Sie spielt auf ein Kinogeher-Phänomen an, daß ich „Bezeugung“ genannt habe. Heutzutage gilt doch, daß die Umgebung, in der ein Mensch lebt, für ihn nicht mehr bezeugt ist. Mit aller Wahrscheinlichkeit lebt er da in Traurigkeit dahin, während in ihm sich die Leere ausbreitet und schließlich die ganze Umgebung aushöhlt. Doch wenn er einen Film sieht, der ihm die eigene Gegend zeigt, vermag er, wenigstens eine Zeitlang, als jemand zu leben, der Hier ist und nicht Irgendwo.

Am „Kinogeher-Phänomen“ entwickelt der Text die Misere, in der seine Figuren stecken. Das Übel ist der Alltag, der überall anwesend ist und vom Kino ständig reproduziert wird: „Die Filme handeln von der Suche, fälschen sie aber ab. Die Suche endet da immer in Verzweiflung. Sie zeigen zum Beispiel einen Zeitgenossen, der an einem fremden Ort zu sich kommt – und was tut er? Er schließt sich mit der örtlichen Bibliothekarin zusammen, fängt an, den Kindern des Ortes zu beweisen, was für ein netter Kerl er ist, und wird ansässig. Binnen zwei Wochen ist er so sehr in Alltäglichkeit versunken, daß er ebensogut tot sein könnte.“ Dabei ist das Kino keineswegs nur ein Ort, in dem sich das eigene Leid in Dauerschleife wiederholt, das Kino erzeugt jene Lebenswege, die es vorgibt nur abzubilden.

Sich der Möglichkeit der Suche bewußt zu werden heißt: etwas auf der Spur sein. Nichts auf der Spur sein, heißt: Verzweiflung.

In dieser Diagnose ist „Der Kinogeher“ sehr zeitgenössisch und war seiner Zeit weit voraus. Denn wenn der Text formuliert, dass die Gespräche der Leute wie „von Automaten geführt“ werden, dann ist das nicht mehr weit von dem entfernt, was Derrida als „Spuren“ bezeichnete, auf denen man kommunikativ immer wandern würde oder bezeichnet ähnliches, was auch Julia Kristevas Theorie der Intertextualität behauptet: man entkommt dem bereits Gesagten nicht. Wer den Mund öffnet und zur Sprache ansetzt, formuliert, ob er will oder nicht, immer schon Gesagtes. Binx Bolling, aus dessen Ich-Perspektive der Roman formuliert ist, ist sich dieses Dilemmas bewusst und seine Traurigkeit steht stellvertretend für die des modernen Menschen: das Subjekt, das sich seiner Individualität nicht mehr sicher sein kann, vereinsamt in der Masse.

„Du wirst in einem interessanten Zeitalter leben – obwohl ich kaum bedaure, es zu versäumen. Aber der Untergang meiner Welt dürfte wenigstens ein imposanter Anblick sein.“

Walker Percys „Kinogeher“ gibt jedoch Ausblick auf eine Lösung, die wieder zurück zum christlichen Einfluss weist. Am Ende des Romans intensiviert sich das Verhältnis zwischen Binx Bolling und seiner Cousine Kate. Er entscheidet sich für die „caritas“ und findet transzendentale Erfahrung in der Zuwendung zu einem seiner Mitmenschen und damit immer auch zu Gott. Das mag abgeschmackt erscheinen, der Autor findet jedoch eine Sprache (und Handke übersetzt sie glänzend, auch wenn einiges an Südstaaten-Nostalgie verloren geht), in der aus Kitsch existentielle Wucht wird. Ob man dem Text in seiner Schlussfolgerung folgen möchte, mag eine persönliche Entscheidung sein. In seiner Gesamtheit ist Walker Percys „Der Kinogeher“ jedoch immer noch einer der wichtigen literarischen Meilensteine.

4 Kommentare

    • Gerne! Hab mich auch sehr kenntnislos dem Text genähert, war aber das schönste Lektüreerlebnis der letzten Wochen.

  1. Es ist Jahre her, dass ich das gelesen habe, aber Fragmente/Eindrücke sind geblieben – insbesondere diese Gefahr der vollständigen Vereinsamung. Was mich seinerzeit jedoch schon störte, war, dass die Handke-Übersetzung so sehr nach Handke klang – wobei ich mich an das Original nicht herantraute.

    • Wobei die Frage ist, ob Übersetzungen wie die Handkes nicht auf einen sehr grundsätzlichen Umstand hinweisen, nämlich dass Übersetzungen immer nach dem Übersetzer klingen, hauptberufliche Übersetzer für uns aber meist so unbekannte Wesen sind, dass wir ihren Stil nicht so identifizieren können wie den eines Handkes. Insofern hast du aber natürlich recht. Wer den „Kinogeher“ in der deutschen Übersetzung liest, bekommt auch einen Handke-Roman. Diese hybride Konstellation find ich aber eigentlich ganz spannend.

Kommentar verfassen