Werner Schmidts „Peter Weiss“: Zwischen den Blöcken zerrieben

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Der Schriftsteller Peter Weiss hat sich Zeit seines Lebens jeder Zugehörigkeit verwehrt. Er war Deutscher und Schwede, Sozialist, aber kein Realsozialist, Teil des deutschen Literaturbetriebs und trotzdem Randständiger. Der Widerspruch war als dialektisch geschulter Mensch Teil seiner Existenz, seine Existenz war selbst widersprüchlich. Sein Vater war Jude, hat aber aus dem Judentum nie ein großes Thema gemacht, was bis zur Selbstverleugnung ging. Dass das Jüdische dennoch Teil von Peter Weiss war, musste dieser wie so viele während des Zweiten Weltkriegs erfahren. Diesen hat Peter Weiss hauptsächlich im schwedischen Exil verbracht, das zu seiner Heimat werden sollte. Nach dem Krieg wurde er zu einem glühenden Verfechter eines menschlichen Sozialismus – ein Kampf, den Werner Schmidt nun rekonstruiert hat.

Werner Schmidt ist emeritierter Historiker der Neueren Geschichte und hat an der Universität Stockholm gelehrt. Er hat unter anderem eine Biografie über den langjährigen Vorsitzenden der schwedisch-sozialistischen VPK Carl-Henrik Hermansson geschrieben, dessen Partei Peter Weiss auch angehörte. Schmidts umfangreiche Kenntnisse über das politische Leben im 20. Jahrhundert ist auf jeder Seite seiner Peter Weiss-Biographie sichtbar, allerdings ist es der Blick eines Historikers, der auch nur einen bestimmten Peter Weiss hervorbringt. Es ist jener Autor, der immer ein politischer Autor war und Politik und Literatur in die ästhetische Nachbarschaft bringen wollte. Auch wenn die Indifferenz gegenüber dem politischen Anspruch des Weiss’schen Werks Torheit wäre, ist die politische Dimension eben auch jene, die wie selbstverständlich zur Lektüre seiner Texte gehört. Ein anderer Blick könnte Licht in manche Werkzusammenhänge bringen, die hier dunkel bleiben, denn Werner Schmidt interessiert sich nur marginal für die ästhetischen Fußstapfen, in denen Weiss wandelte, der Privatmann bleibt völlig unbeachtet.

„Ich befinde mich in einem Übergang oder einem Untergang.“

Der politische Mensch, den Werner Schmidt nachzeichnen möchte, ist einer, der durch die Schrecken der Shoah erweckt wurde: „Glaubt man der biografischen Konstruktion in Fluchtpunkt, dann erwacht der Erzähler/Weiss im Frühjahr 1945 aus seiner politischen Lethargie, als er mit den ersten bewegten Bildern aus einem befreiten Vernichtungslager konfrontiert ist.“ Das Thema Holocaust ist eine Kontinuitätslinie in dem Werk von Peter Weiss, unter anderem begleitete er die Auschwitzprozesse als Gerichtsbeobachter. Dass gerade das Bild dafür verantwortlich war, Weiss aus seiner Lethargie zu befreien, ist ebenso symptomatisch. Lange hat sich der deutsche Schwede als bildenden Künstler gesehen, auch der Film ist Teil seines Oeuvres.

Als er im Dezember 1964 nach Auschwitz kam, verschloss sich „vor diesem Lebenden“, was hier zwei Jahrzehnte vorher geschehen war.

Auschwitz war für Weiss auch deswegen ein Initial- wie Schockerlebnis, weil er sein eigenes Schicksal darin erkannte: „Als ‚Meine Ortschaft‘ wählte er Auschwitz, ‚eine Ortschaft, für die ich bestimmt war und der ich entkam.‘“ Sein biographisches Glück münzte der Schriftsteller in Engagement um, das ihn in ständigen Widerspruch mit seiner Umgebung brachte. Während er mit seiner strikten Ablehnung des Vietnamkriegs noch im deutschen Mainstream lag, brachte ihm seine grundsätzliche Gesprächsbereitschaft mit dem realsozialistischen Osten keine Freunde im Westen. Mit seinem Stück „Trotzki im Exil“ wiegelte er hingegen die osteuropäische Machtelite gegen sich auf, die Trotzki als konterrevolutionäre Verirrung der sozialistischen Geschichte ansah, was in einem zeitweisen Einreiseverbot in die DDR resultierte. Mit Hans Magnus Enzensberger führte er eine Auseinandersetzung über die (Un)möglichkeit der internationalen Solidarisierung.

„Er hat mir einiges Geld eingebracht und einen großen Katzenjammer.“

Für den Dialektiker Weiss war das Leben im Widerspruch jedoch nie selbst Widerspruch, sondern überhaupt erst Möglichkeit des Denkens. Die Art Kunst zu denken – soweit geht Schmidt dann doch auf ästhetische Fragen ein, denn es gehört zum politischen Peter Weiss – ist zumindest im Falle seiner Theaterarbeiten durch Brecht geprägt. Dessen Theorie vom epischen Theater adaptiert Weiss und stellt es auf eigene Füße – mit unterschiedlichem Erfolg. Seinem Marat-Stück ist in der Theatergeschichte ein fester Platz zugewiesen, vieles andere ist jedoch in Vergessenheit geraten und wurde schon unter Zeitgenossen ungnädig aufgenommen. Werner Schmidt beschreibt einen Autor, der unter der Rezeption seiner Theaterstücke leidet und sich oft missverstanden fühlte oder aber mit der Umsetzung nicht zufrieden war.

Weiss konnte nie zu Opportunismus und Zynismus bekehrt werden.

Schmidt geht es in der Hauptsache darum, zu zeigen, wie Peter Weiss sich im ständigen Ausgleich zwischen den zwei Machtblöcken befand, was sich auch in seiner Theaterarbeit abbildet. Mit dem Theater Rostock hatte er einen Ort für sich gefunden, sein Werk auch in der DDR realisieren zu lassen. Seine Kunst in beiden deutschen Staaten stattfinden zu lassen, hat viel Kraft gekostet und war mit dem Preis einiger politischen Verrenkungen verbunden. Peter Weiss war Sozialist, aber er machte sich keine Illusionen über den Zustand des Sozialismus im Ostblock. Das bedeutete für ihn jedoch nicht, sich auf die andere Seite zu schlagen. Was Werner Schmidt jedoch in seiner Biographie als genuine Peter Weiss-Geschichte erzählen möchte, ist in Wahrheit eine, die viele mit ihm teilten. Sozialist im Kalten Krieg zu sein, im Kalten Krieg gegen Ausbeutung zu kämpfen, hieß immer im Widerspruch zu leben, weil der realsozialistische Versuch ebenso viel Ausbeutung und Unterdrückung hervorbrachte.

Weiss ist ein Intellektueller, der für „eingreifendes Denken“ steht, für ein Denken oder eine intellektuelle Haltung, die auf Veränderung gesellschaftlicher Verhältnisse gerichtet ist.

Schmidts Biographie bringt daher nicht viel Neues hervor, außer eben dass sich in Peter Weiss‘ Leben prototypisch die Widersprüche der Zeit der Blockkonfrontation abbildete. Andere, bislang weniger bekannte Aspekte bleiben dafür bedauernswerterweise nur angedeutet: Was war Weiss‘ Rolle in der Gruppe 47? Wie war sein Verhältnis zum Religiösen? Wie die Beziehung zu seinen Schriftstellerkollegen, zu Kritikern? Vieles bleibt bei Werner Schmidt vage, während er dem Offensichtlichen zu viel Raum lässt.


Wir danken dem Suhrkamp Verlag für das Rezensionsexemplar.

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