Who’s watching? „Die Hochhausspringerin“ von Julia von Lucadou

Höher, schneller, weiter: Im Big Data-Zeitalter ist so gut wie alles messbar. Vom Schritt- und Stockwerkzähler am Handgelenk oder im Smartphone über die Smartwatch, die nicht nur die körperliche Betätigung, sondern auch Puls und Schlafrhythmus dokumentiert, bis zur Auswertung der eigenen ’sozialen Performance‘ in den sozialen Netzwerken über Likes und Shares – der Mensch des 21. Jahrhunderts ist gläsern, vor sich selbst, aber auch vor anderen. Wohin das führen könnte erzählt Julia von Lucadou in ihrem Roman „Die Hochhausspringerin“.

Die junge, gut ausgebildete Hitomi ist Wirtschaftspsychologin. Seit einigen Monaten arbeitet sie bei einer der renommiertesten Firmen auf ihrem Gebiet. Die Karrierechancen sind so vielversprechend, dass sie sich eine Wohnung in bester Lage gemietet hat, die eigentlich zu teuer für sie ist – deshalb arbeitet sie auch nachts als Telefonseelsorgerin. Als dann auch noch die neue, wichtige Klientin bei ihrem Hauptjob zum Problemfall wird und es mit dem Dating auch nicht recht klappen will, läuft Hitomis Leben aus dem Ruder.

Beenden Sie Ihre Affäre, sage ich, Sie wissen, was das Ende einer Primärbeziehung mit der Produktivität macht.

So gegenwärtig und durchschnittlich mutet der Plot von Die Hochhausspringerin an. Die Welt, in der Hitomi sich bewegt, ist jedoch eine andere, fremd, aber nicht ganz unbekannt. Das Zentrum ihrer Welt ist „die Stadt“, der Kern des gesellschaftlichen Lebens. Um dazu zu gehören und sich das Leben dort leisten zu können, muss man sich hocharbeiten. Über die Wohnsituation entscheidet das Credit Point-Konto, die selbst verdienten Punkte, die die Währungen ersetzt haben. Jeder kämpft für sich, optimiert die eigene Leistungsfähigkeit so gut es geht, von Kindesbeinen an. Über Castings sollen Talente möglichst früh erkannt und gefördert werden. Kontakt zu den leiblichen „Bio-Eltern“ ist eine absolute Ausnahme – als Ersatzfamilienmitglieder dienen ältere Vorgesetzte und Förderer, als Freunde die gecasteten Influencer-Superstars, die per Dauerstream nahbar wirken.

Eine der Influencer-Ikonen ist Riva, die als Hochhausspringerin Karriere gemacht hat: Mit einer Art Fluganzug stürzt sie sich seit ihrer Kindheit bei Event-Spektakeln, sogenannten ‚Highrise Diving Shows‘, von den höchsten Gebäuden der Stadt, um kurz vor dem Aufprall auf die Erde im letzten Moment doch noch hochzuziehen. Nach dem Unfall einer Kollegin zweifelt Riva an sich selbst und ihrem Leben. Sie zieht sich von ihren Fans und ihrem Partner Aston zurück, hört auf zu springen. Per Video-Livestream-Dauerüberwachung ist es Hitomis Aufgabe, Riva psychologisch wieder aufzurichten und aus der Krise zu helfen. Die Investoren der Hochhausspringerin haben sie engagiert – es wäre doch schade um das Potenzial der jungen Frau, in die man schon so viel investiert hat.

Zoomen Sie also ruhig weiter heran, haben Sie keine Scheu, er steht Ihnen zu, dieser Blick.

Erzählperspektivisch fängt von Lukadou das Szenario hier gekonnt ein, in dem sich der voyeuristische Blick auf das gläserne Leben doppelt: Hitomi beobachtet Riva, der Lesende beobachtet Hitomi. Denn eigentlich ist es die Ich-Erzählerin und nicht die titelgebende Hochhausspringerin, die im Zentrum des Romans steht. Auch sie beginnt nach und nach am System zu zweifeln. Beide Frauen, die sich erst ganz am Ende des Romans begegnen, sagen sich von ihrem bisherigen Leben los – die eine überwindet das System, die andere unterliegt ihm.

Mit den zwei weiblichen Protagonistinnen reiht sich Die Hochhausspringerin in gewisser Weise in die feministischen Dystopien ein, die spätestens seit der Wiederentdeckung von Atwoods Handmaids Tale durch die Verfilmung mit Elisabeth Moss Konjunktur haben – von Aldermans The Power über Leni Zumas‘ Red Clocks bis zu Christina Dalchers Vox. In von Lucadous Szenario sind es Männer, die auch nach der Emanzipation am Ende über das Schicksal der Frauen entscheiden. Im Fall von Riva ist es Zarnee, mit dem sie ihr altes Leben hinter sich lässt und in das einfache Leben in den sogenannten Peripherien, den Slums rund um die Stadt, zurückkehrt. Bei Hitomi ist es die gleich dreifache Ablehnung durch männliche Bezugspersonen – ihrem leiblichen Vater, ihrem Chef und ihrem Date – die sie am Ende zur ‚Choice of Peace‘ bewegt.

Wer Die Hochhausspringerin lesen will, darf keine Angst vor Anglizismen und ‚Produktplazierungen‘ haben: Auf fast jeder Seite findet sich ein Eigenname, der mit dem Trademark-Symbol gekennzeichnet ist, die Kommerzialisierung der profansten Dinge feiert und seinen Höhepunkt in der Vermarktung der Floskel ‚Everything’s gonna be okay™‘ findet.
Zu lesen bekommt man eine Mischung aus der dystopischen Neuverfilmung von Ödön von Horváths Klassiker Jugend ohne Gott und Hunger Games in einem Setting, das ein wenig an die Megametropole aus Blade Runner erinnert. Inhaltlich bleibt von Lucadou nah an der Gegenwart, vielleicht zu nah, um große Literatur zu sein, vielleicht gerade nah genug, um die Lebensrealität der Generation Smartphone zu veranschaulichen.


Wir danken Hanser für das Rezensionsexemplar.