Wie alles begann. Joseph McVeigh: „Ingeborg Bachmanns Wien“

McVeigh: Ingeborg Bachmanns Wien

Ingeborg Bachmann gehört seit Jahren zu den Lieblingsautorinnen der deutschsprachigen Literaturwissenschaft. Zu kaum einer anderen Schriftstellerin des 20. Jahrhunderts gibt es eine vergleichbare Masse an Forschungsliteratur, biografischen Betrachtungen und interdisziplinären Studien, obwohl das zu Lebzeiten veröffentlichte Werk mit zwei Lyrikbänden, ein dutzend weiterer Gedichte, zwei Erzählbänden und einem Roman nicht besonders umfangreich ist. Die Forschungslust liegt nicht zuletzt darin begründet, dass aufgrund von Bachmanns „Nachlassangst“ und Diskretionsbedürfnis wenig über die Umstände der Entstehung des Werks bekannt war. Die langsame Öffnung des Nachlasses ermöglichte in den letzten zwanzig Jahren neue Erkenntnisse. Joseph McVeigh widmet sich in „Ingeborg Bachmanns Wien“ den frühen Jahren der Schriftstellerin und bedient sich dazu aus neuen, bisher wenig beachteten Quellen.

Über Ingeborg Bachmanns Leben in Wien zwischen 1946 und 1953 ist bislang wenig bekannt. Man weiß, dass sie neben ihrem Studiumm der Philosophie und Germanistik an der Universität Wien, das sie 1950 mit einer Dissertation zu Heidegger abschloss,  Mitglied im Kreis um Hans Weigel war, der sich im Café Raimund gegenüber des Volkstheaters traf. Ihren Lebensunterhalt verdiente sie sich mit journalistischer Arbeit und wurde nach ihrem Abschluss Redakteurin im amerikanischen Besatzungsradiosender Rot-Weiß-Rot Wien, wo sie unter anderem am Hörspiel Die Radiofamilie mitarbeitete. Für die „vorbildlich edierte“ Publikation jener vierzehn Folgen, an denen Bachmann mitarbeitete, erntete Joseph McVeigh 2011 großes Lob im Feuilleton. „Ingeborg Bachmanns Wien“ ist McVeighs biographische Annäherung an jene frühen Schaffensjahre der Schriftstellerin.
Seine These: Wien sei die „Brutstätte von Ingeborg Bachmanns Werk“ und damit Voraussetzung für den Zugang aller späteren Texte. Außerdem sei in den frühen Texten, die aus jener Zeit stammen und hier teilweise seit ihrer Erstveröffentlichung in österreichischen Tageszeitungen erstmals wieder zugänglich gemacht werden,  Werk und Leben besonders eng verknüpft und Rückschlüsse auf die Biographie deshalb möglich.

Wir waren alle Mitte zwanzig, notorisch geldlos, notorisch hoffnungslos, zukunftslos, […] einige schon freie Schriftsteller, das hieß soviel wie abenteuerliche Existenzen […]

Im ersten Teil von Bachmanns Wien widmet sich McVeigh einer ausführlichen Schilderung der Studienjahre an der Universität Wien, die vor allem von finanziellen Nöten, Wissensdurst und Ehrgeiz und nicht vom literarischen Schreiben geprägt sind. So strebte die junge Ingeborg Bachmann wohl vielmehr eine akademische Karriere als die der Schriftstellerin an, als sie nach Wien kam. Neben dem Studium der Philosophie und Germanistik, dessen Einfluss auf das spätere Werk schon in der Forschung aufgearbeitet wurde, betont McVeigh das – wenn auch kurze – Psychologiestudium mit Studienunterlagen der jungen Bachmann aus dem Privatbesitz der Erben. So absolvierte Bachmann, davon war bisher nichts bekannt, unter anderem ein kurzes Praktikum im Wiener „Steinhof“, wo nur zwei Jahre zuvor noch Kindereuthanasie betrieben wurde.
Überzeugend und detailliert schildert McVeigh die allgemeine Situation an der Wiener Universität kurz nach dem Ende des Zweiten Weltkrieges, an der Bachmann so viel Zeit verbrachte und kaschiert damit weiter bestehende Lücken in der Biografie, die nicht gefüllt werden konnten.

„Heute abend gehe ich mit Celan in die Akademietheaterpremiere. Zum ersten Mal nicht mehr mit Dir. Komisch.“

Im eigentlichen Zentrum von Ingeborg Bachmanns Wien steht jedoch Hans Weigel, der Schriftsteller und Kleinkünstler, der aufgrund seiner jüdischen Herkunft mit Einmarsch der deutschen Truppen Wien verlassen musste, zwischen 1938 und 1945 in seinem Schweizer Exil die „Reorganisation der [österreichischen] Literatur“ plante und diese gleich nach Kriegsende durch die intensive Nachwuchsförderung in der Hauptstadt umzusetzen versuchte. McVeighs Biographie zeichnet sich vor allem durch die Auswertung der Briefe von Ingeborg Bachmann an Hans Weigel aus, die bislang nicht veröffentlicht wurden, überzeugend aufschlussreich sind und den Wert dieser  Bachmann-Biografie ausmachen. Während der Briefwechsel mit Paul Celan, der unter dem Titel „Herzzeit“ im Jahr 2008 erschien und die Liebesbeziehung zwischen den beiden Dichtern erstmalig mit Quellen belegte, durchweg ein „literarischer“ Briefwechsel ist – die Briefe zwischen Celan und Bachmann sind poetisch, man erkennt Motive aus den lyrischen Werken wieder, das Schreiben und der Literaturbetrieb werden verhandelt –, ist der Briefwechsel zwischen Bachmann und Hans Weigel lebensäher. In den Briefen geht es um Alltäglichkeiten, um Treffen mit Freunden, Geldsorgen der Studentin und ihre Beziehung. So schreibt sie Weigel am 20. Juni 1948:

Trotzdem bin ich sehr froh, dass wir uns keine Literaturbriefe schreiben, sondern solche von Fleisch und Blut und unser konfuses Gemüt erleichtern können, wenn es notwendig ist.

Für Leser, die sich am Briefwechsel zwischen Paul Celan und Ingeborg Bachmann erfreuten, ist Ingeborg Bachmanns Wien eine Empfehlung. Auch hier wird durch die Auswertung der Briefe die Celebrity-Beziehung zwischen der aufstrebenden Autorin und einem der wichtigsten Intellektuellen des österreichischen Nachkriegs-Kulturbetriebs aufgearbeitet. Die argumentative Konzentration auf Hans Weigel und seinen Einfluss auf Bachmann ist jedoch zeitgleich die Schwachstelle von McVeighs Publikation, denn auch bei der Analyse der in den Wiener Jahren entstandenen literarischen Texte argumentiert der Literaturwissenschaftler fast ausschließlich biografisch, anstatt ihre poetische Qualität zu diskutieren und die Bedeutung für das Gesamtwerk zu thematisieren.

Es ist Joseph McVeigh hoch anzurechnen, dass er sechs der Erzählungen und feuilletonistischen Zeitungsartikel aus der Feder Bachmanns erstmalig seit 1950 wieder zugänglich macht – anzuklagen ist hier vor allem die Werkausgabe Bachmanns, die dem Rang der Autorin in keinster Weise gerecht wird und die Wiedergabe dieser Texte versäumte –, allerdings kommen die Erzählungen in Ingeborg Bachmanns Wien viel zu kurz. Die Analyse geht kaum über die Inhaltsangabe und die Aufzählung der auffälligsten Motive hinaus. Am Ende konstatiert McVeigh abwertend: „Dem allgemeinen Urteil der Literaturwissenschaft, wonach die Wiener Erzählungen auch vom Inhalt her für Bachmann untypisch seien, ist weitgehend zuzustimmen, denn sie verraten in vielem eine geistige, emotionale und künstlerische Haltung, die mit ihrem späteren Werk kaum zu vereinbaren ist.“ Es ist bedauerlich, dass der Autor den literarischen Wert der frühen Erzählungen von Ingeborg Bachmanns nicht erkennt.

Ingeborg Bachmanns Wien ist eine Pflichtlektüre für jeden Bachmann-Begeisterten, aber auch für alle, die sich für den Kreis um Hans Weigel und die junge Generation der Nachkriegsschriftsteller in Wien interessieren. Joseph McVeigh überzeugt vor allem mit den angeführten Quellen, die neue Perspektiven auf Ingeborg Bachmanns Leben und Werk eröffnen. McVeigh setzt jedoch ein gewisses Grundwissen voraus: Man sollte  bereits mit dem Werk der Schriftstellerin vertraut sein, da immer wieder beiläufig auf Parallelen zu späteren Erzählungen aus dem Dreißigsten Jahr und Simultuan oder auf Textstellen aus Malina hingewiesen wird, die nicht näher verortet werden.


Wir danken Suhrkamp für das Rezensionsexemplar.