Wie Gott in Frankreich: Anne Webers „Kirio“

Weber-Kirio

„Nichts ist sicher in diesem funkensprühenden Roman, der von einem Wunderwesen und dessen Wanderungen quer durch Frankreich bis nach Deutschland erzählt. Ein moderner Schelmenroman voller Sprachphantasie und Komik.“ So begründet die Jury des Preises der Leipziger Buchmesse die Nominierung von „Kirio“, dem neuen Roman von Anne Weber. Gewonnen hat am Ende Natascha Wodin. Vielleicht, weil der Text sich nicht als Schelmenroman, sondern als „Heiligenlegende“ versteht, wie es der Klappentext verkündet?

Die Wahrheit liegt wohl dazwischen. In Webers neuestem Roman wird die Geschichte von Kirio, dem – je nach Lesart – titelgebenden Helden, Heiligen oder Schelmen rekonstruiert. Er selbst kommt dabei nur indirekt zu Wort; vermittelt wird über einen Ich-Erzähler, der wiederum andere Erzähler bemüht, von ihren Begegnungen mit Kirio zu berichten.
Den Anfang macht dabei, wie könnte es anders sein, Kirios Mutter, die von den mysteriösen Umständen der Empfängnis und der Schwangerschaft erzählt; sie habe ihren Sohn unbefleckt nach einem Telefonanruf empfangen, in dem ein Unbekannter ihr mitteilte, der Apfel wurde in ihrem Falle sehr weit vom Stamm fallen. In der Schwangerschaft hört sie Kirio in ihrem Bauch sprechen, sie kommunizieren unentwegt miteinander; nach der Geburt spricht er seine ersten Worte erst mit sieben Jahren.

Wer sich auf den Kopf stellt, stellt im selben Augenblick die Welt auf den Kopf, er befördert, was oben ist, nach unten, und umgekehrt. Alle Pyramiden stehen fortan auf der Spitze.

Aus dem Internat, das er besucht, flieht er, und reist ab seinem 16. Lebensjahr quer durch sein Heimatland Frankreich, am Ende führt ihn sein Weg bis nach Hessen. Dabei fällt er nicht nur durch seine unkonventionelle favorisierte Fortbewegungsart auf, die schelmisches Interpretationspotenzial enthält. Er läuft auf den Händen und stellt damit alles in Frage.
Das revolutionäre Potenzial dieser Verkehrung der Verhältnisse ‚predigt’ er an späterer Stelle des Romans: „Ich würde jedem einzelnen Menschen etwas schulden, der ärmer sei als ich selbst. In dieser Stadt, in diesem Land, in dieser Welt.“

Kirio fordert, wie es sich für einen Heiligen gehört, das Gebot der Nächstenliebe. Sein Blick auf die Welt scheint dabei unverstellt, zeitweilen naiv, unbeeindruckt von der gegenwärtigen weltlichen Ordnung. Auch in seinem Dasein scheint er sich darüber hinwegzusetzen. Immer wieder erzählen die ‚Zeugen’ von Kirios Übermenschlichkeit, die neben allerhand Wundertaten – er kann fliegen, die Zeit zurückdrehen und den Lauf der Dinge beeinflussen – auch durch den Verzicht auf die menschlichen Grundbedürfnisse erklärt wird: „Weder vorher noch nachher sollte Prisca je wieder einen treffen, dessen Freude an den Erscheinungen dieser Erde so groß war, dass er darüber das Essen und das Trinken und sogar für eine Weile das Atmen vergaß.“
Am Ende verschwindet Kirio, nachdem er aus einer psychatrischen Anstalt durch ein schwarzes Loch entflieht und in Hanau in Hessen die Brüder Grimm besucht, im Nichts, oder in der Unendlichkeit.

Schon der fremd klingende Name des Helden verdeutlicht sein Dasein irgendwo zwischen Heiligem und Schelm, wie Sandra Kegel in ihrer Besprechung in der FAZ analysierte: “Nicht nur gab es einst einen bretonischen Bischof, der so hieß und der, weil er Kranke von Geschwüren und anderem Übel erlöst haben soll, als Heiliger verehrt wird. In Kirio steckt auch das griechische Kyrios, das Göttliche. Und sogar etwas Französisches findet sich noch darin: „Qui rit“ – der, der lacht.“
Allgemein sind die Namen der Figuren in diesem Text eine nicht zu unterschätzende Bedeutungsgröße. Besonders anschaulich wird dies in der Figur des Rousseau, einem Jäger, der Kirio fasst erschießt, als dieser zeitweilig in einer Höhle in einem französischen Wald haust, und schließlich aufgrund seines schlechten Gewissens ganz im Geiste seines Namensvetters, Kerzen bringt, um Licht ins Dunkle von Kirios Höhle zu bringen.

„Kirio“ erzählt jedoch nicht nur die Geschichte des titelgebenden Protagonisten, fast zentraler scheint die Sinnsuche des Ich-Erzählers, der immer wieder über seine eigene Existenz sinniert und den idealen Leser, den er gleich zu Beginn des Romans voraussetzt, auffordert, ihm dabei zu helfen. „Wer bin ich? Vielleicht wird es sich im Laufe der Geschichte herausstellen. Im Moment wüsste ich es selbst nicht mit Gewissheit zu sagen“, lautet der erste Satz des Romans.

„Bin ich der Gebärdensprache mächtig? So kann man’s auch sagen. Man kann sogar sagen, dass ich der Gebärden-, der Blick- und der Gedankensprache mächtig bin.“

Nach und nach wird deutlich, dass der Leser es beim lenkenden Ich-Erzähler nicht mit einem Unbekannten zutun hat. Der allwissende, durch seine Handlungsmacht innerhalb der Erzählung göttlich anmutende Erzähler, spricht nur selten so direkt zum Leser wie in „Kirio“.

„Ich bin überall zugleich, kenne weder Außen noch Innen. Anders als die von mir bemühten Erzähler, die jeder nur bei sich sind, und bei Kirio, von dem sie berichten.“

Dass ich ‚im’ Autor bin, bedeutet noch lange nicht, dass ich ‚der’ Autor bin.

Hier entfaltet sich die poetologische Dimension dieses so launigen Textes. „Kirio“ verhandelt, wie die Erzählinstanz zu seiner Figur steht, ob er sie geschaffen hat oder nur lenkt, wie sein Verhältnis zum Autor ist, und wie es um seine Existenz bestellt ist. Zu letzterem kommt das Ich zum Schluss: „On me pense, donc je suis.“ Selten werden die großen Fragen der Narratologie so anschaulich, kurzweilig und unterhaltsam verhandelt wie in diesem Roman. Dieser Text hätte den Preis der Leipziger Buchmesse allemal verdient.


Wir danken S. Fischer für das Rezensionsexemplar.

1 Kommentare

  1. Wie spannend! Ich mag Bücher sehr, die mit narratologischen Möglichkeiten spielen. Ich werde direkt mal einen Blick darauf werfen. Danke für die Vorstellung!
    Katharina ktinka.com

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