„wir leben hier, seit wir geboren sind“: Ein Gespräch mit dem Autor Andreas Moster

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Andreas Mosters Roman „wir leben hier, seit wir geboren sind“ ist vielleicht die Entdeckung der letzten Monate. Sein Debütroman ist mutig, weil er gegen den allgemeinen Trend des Autobiographischen anschreibt, er ist kunstvoll, weil er eine Sprache findet, die den Leser zum Fremden macht und er eine Erzählung schafft, die eine höhere Wahrheit in sich birgt. Wir haben mit ihm darüber gesprochen, was für ihn Literatur ausmacht, was er von manchen Blüten der Gegenwartsliteratur hält und wann er Erfahrungen mit der Fremde macht.

Sie sind Übersetzer und haben nun Ihren Debütroman geschrieben. Inwiefern wirkt sich die Arbeit als Übersetzer auf das eigene Schreiben aus?

Da ich hauptsächlich im Bereich Jura, Wirtschaft, usw. übersetze, glaube ich, dass diese Arbeit keinen Einfluss auf das Schreiben hat. Ich habe tatsächlich noch nie, mangels Angeboten, aber auch weil literarische Übersetzer furchtbar schlecht bezahlt sind, irgendein Stück Prosa übersetzt.

Vieles bleibt in Ihrem Roman unbenannt. Wieso haben Sie sich gegen das Konkrete entschieden?

Es gab in der Tat, nachdem sich das Setting und die Gestalt des Romans langsam herauskristallisierten, Überlegungen, die Handlung sowohl regional als auch zeitlich genau zu verorten. Ich habe aber sehr schnell gemerkt, dass mich eine solche Festlegung stark einschränken würde, und zwar in dem Sinne, dass ich eine zu allen Zeiten, an allen Orten gültige Geschichte erzählen wollte. Eine Ur-Geschichte, die in jedem drinsteckt, die jeder nachvollziehen kann, ein Fremder bricht in ein vermeintlich gefestigtes Leben ein und verändert es unwiderruflich. Jede Konkretisierung hätte diese Geschichte in irgendeine Richtung gezerrt und zu Vergleichen geführt, stimmt das denn so, war das denn damals so, und vom eigentlichen Kern abgelenkt. Ich glaube auch, dass dann das Traumwandlerische und Unwirkliche, das in manchen Passagen steckt, so nicht möglich gewesen wäre.

Braucht man für einen nicht näher bestimmten Schauplatz einen konkreten Ort, an den man gedanklich zurückkehren kann, um ihn literarisch zu beschreiben?  

Dieser konkrete Ort, an den ich immer wieder zurückgekehrt bin, lag eher in den Figuren und wie sie über ihre Sinne diesen vorgestellten, nicht konkreten Ort wahrnehmen und erleben. Das führte dann zu bruchstückhaften Landmarken, die immer wieder aufgetaucht sind, der Dorfplatz, die Mauer, der Steinbruch, die Höhle, über die ich durch die Augen der Figuren immer wieder in kurzen Blicken hinweg gewischt bin. Ich könnte aber, wenn ich ehrlich bin und in der Lage wäre, meine Vorstellung irgendwie abzubilden, das Dorf in meinem Buch nicht detailgetreu darstellen. Es gibt kein real existierendes Vorbild dafür, weder im Ganzen, noch für die eben genannten Bruchstücke.

Die Fremde ist in Ihrem Roman Verheißung und Bedrohung zugleich. Welche Literatur macht Sie zu einem Fremden?

Der Schriftsteller, in dessen Werken ich mich immer zugleich bedroht und geborgen, fremd und vertraut gefühlt habe, ist eindeutig Kafka. Wie er den Leser vor eine unbegreifliche und doch irgendwie bekannte Welt stellt, ist für mich die Fremdheitserfahrung schlechthin.

Vielbeachtete Werke der Gegenwartsliteratur haben einen starken Hang zum Chronistischen und Autobiographischen (z.B. Karl Ove Knausgård). Wie bewerten Sie das?

Zunächst einmal muss ich sagen, dass ich von Knausgård selbst nichts gelesen habe, nur Rezensionen über seine Bücher. Grundsätzlich glaube ich, dass es immer eine große Sehnsucht nach dem vermeintlich „Echten, Wahren, Authentischen“ in der Literatur gegeben hat, und diese Sehnsucht in unserer Instant-Zeit sicher nicht schwächer geworden ist. Wenn man das dann über das Autobiographische verkauft, bekommt das ja direkt dieses Wahrheitssiegel, „ist ja echt so passiert, muss dann ja stimmen“. Dabei kann das Autobiographische doch viel stärker inszeniert sein als das Erfundene, und das Erfundene „wahrer“ und „echter“ als das Autobiographische. Für mich persönlich liegt im Authentischen kein Wert und keine Bedeutung an sich. Ich lasse mich lieber von einer gut ausgedachten Konstruktion überraschen, betrügen, herausfordern oder anlügen, als vom echten Leben langweilen.

Worin liegt der Reiz, über Dorfgemeinschaften zu schreiben?

Ganz klar, im Abgeschlossenen, Hermetischen nach Außen und in der vollkommenen Offenheit nach Innen. Jeder Mensch in einer solch engen, sich gegenseitig beobachtenden und kontrollierenden Gemeinschaft ist innerhalb dieser Gemeinschaft ja eine öffentliche Person, es gibt, in der Art, wie sich das Dorf in meinem Buch darstellt, nichts Privates, keine Rückzugsmöglichkeiten. Und wenn dann in diese ganz dichte, engmaschige Dorfsubstanz ein fremdes Element mit Gewalt eindringt, werden Prozesse in Gang gesetzt, die je nach Perspektive zerstörerisch oder befreiend sein können.


Fotonachweis: (c) Tomas Rodriguez

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