„Wir waren Fischer“: Chigozie Obiomas „Der dunkle Fluss“

Obioma_Der dunkle Fluß

Als das Literarische Quartett am 2. Oktober 2015 neu aufgelegt wurde, war „Der dunkle Fluss“ von Chigozie Obioma das erste Buch, das vorgestellt wurde. Während Maxim Biller den Debütroman des nigerianischen Exilautors vor allem inhaltlich verteidigte, kritisierte Christine Westermann die „wackelige“ Übersetzung von Nicolai von Schweder-Schreiner. Das von Volker Weidermann gezogene Resümee am Ende der Sendung: „Ein gerechtes Unentschieden“. Zeit, sich diesen Text über eine self-fulfilling prophecy in einer Stadt im Südwesten Nigerias in den 1990er Jahren, die aus der Kinderperspektive des neunjährigen Ben erzählt wird, näher anzusehen.

Wir waren Fischer.
Meine Brüder und ich wurden im Januar 1996 Fischer, nachdem unser Vater aus Akure weggezogen war, einer Stadt im Südwesten Nigerias, wo wir unser ganzes Leben zusammen verbracht hatten.

Obioma eröffnet seinen Roman, wie es im Autoren-Lehrbuch steht: Gleich der zweite Satz liefert dem Leser die wichtigsten Informationen über das Handlungspersonal („Meine Brüder und ich“), erzählte Zeit („Januar 1996“) und Handlungsort (Akure, „einer Stadt im Südwesten Nigerias“). Auch die Erzählinstanz wird eingeführt: Es berichtet ein Ich über Ereignisse, die in der Vergangenheit anzusiedeln sind. Das „Jetzt“ des Textes, von dem aus sich das Ich zurückerinnert, bleibt dagegen undefiniert, bis auf der vorletzten Seite genau jene zwei ersten Sätze des Romans einen Geständnismonolog vor Gericht einleiten, der den Roman durch die Wiederholungsstruktur rahmend beendet. Alles, was das Ich über dreihundert Seiten berichtet, läuft retrospektiv betrachtet auf die Erklärung eines spezifischen Ereignisses hin. Es kann Obioma zu gute gehalten werden, dass man dieses Muster aufgrund der Subtilität, mit der der Autor auf die finale Szene zusteuert, erst auf den letzten Romanseiten erkennt.

Worum es inhaltlich geht, deuten die ersten beiden Sätze des Romans ebenfalls voraus: „Der dunkle Fluss“ erzählt von der Entzweiung der Geschwister, die sich darin andeutet, dass das erste Wort des Romans das kollektive „Wir“ ist, welches gleich im zweiten Satz in ein „Ich“ und „die Anderen“ („meine Brüder“) aufgelöst wird.

[…] ihr könnt Fischer sein, aber eben in einem anderen Sinne. Nicht wie jemand, der in einen dreckigen Sumpf wie dem Omi-Ala fischt, nein, Fischer des Geistes. Männer der Tat.

Benjamin, das erzählende Ich, ist der viertgeborene Sohn seiner Eltern. Zusammen mit seinen drei älteren Brüdern Ikenna, Boja und Obembe verbringt er jede freie Minute, die vier sind unzertrennlich. Es gibt zwar noch zwei jüngere Geschwister, David und Nkem, aber diese finden aufgrund des großen Altersunterschieds – während Ike, der Erstgeborene, zum Handlungszeitpunkt fast 15 Jahre und Ben 9 Jahre alt ist, sind David und Nkem erst 3 Jahre und 1 Jahr alt – kaum Erwähnung. Da sie als Angehörige der Ibo, einer ethnischen Minderheit, diskriminiert und auf dem Fußballplatz ausgeschlossen werden, beschließen sie, ihre Zeit als Fischer zu verbringen. Dies gefällt den Eltern gar nicht: der Fluss, an dem sie Kaulquappen fischen, ist gefährlich und sagenumwogen, aber noch viel schwerer wiegt, dass Vater Eme Großes mit seinen Söhnen vorhat: nicht einfache Fischer, sondern Ärzte, Anwälte, Piloten und Professoren sollen aus ihnen werden, sie sollen nach Kanada gehen und dort studieren, nachdem sie die bestmögliche Schulbildung in Nigeria erhalten haben. Um dies zu finanzieren, arbeitet der Vater ohne Unterlass und lässt sich schließlich, wie der zweite Satz des Romans verrät, versetzen, um die Karriere bei der Nigerianischen Bank voranzutreiben. Seine Erziehungsmethoden waren bis dato streng: Wer schlechte Noten bekommt und aus der Reihe tanzt, wird mit dem Ledergürtel oder der bloßen Hand geschlagen.

Als am Flussufer der als Wahnsinniger bzw. Seher stadtbekannte Abulu prophezeit, dass Ikenna durch die Hand eines Fischers sterben wird, wendet er sich von seinen Brüdern ab, weil er in einem von ihnen den eigenen Mörder vermutet. Er lehnt sich gegen die Mutter auf, widersetzt sich den Regeln der Familie, läuft davon und greift schließlich selbst einen jüngeren Bruder Boja an. Obembe und Ben machen Abulu verantwortlich und rächen sich an ihm. Ben wird gefasst und muss sich in letzter Konsequenz vor dem Gericht verantworten, bevor er als Zehnjähriger für acht Jahre ins Gefängnis geht.

Du vergleichst immer alles mit Tieren, Ben.

Im Zentrum des Romans steht der Konflikt zwischen der mythischen Tradition des Landes und der rationalistischen Weltanschauung, die durch die Kolonialisierung nach Nigeria kam. Personell repräsentiert sich die Opposition in den Figuren der Eltern: während die Mutter Adaku die traditionelle Kleidung der Ibo trägt und vor allem durch ihren Aberglauben charakterisiert wird, ist der Vater Eme ein weltlicher Geschäftsmann, der nach westlichem Vorbild nach gesellschaftlichem Aufstieg durch Bildung strebt. Als der Vater die Familie verlässt, kehren auch die Söhne zurück zur mythischen Weltanschauung der Mutter. Nur weil sie abergläubisch auf die Prophezeihung Abulus hören, entzweien sich die Brüder. Dies prägt auch den Erzählstil selbst. Der Text ist geprägt von Symbolen und Tier-Analogien, die einen mythischen Raum eröffnen und „Der dunkle Fluss“ passagenweise als Märchen wirken lassen.

Auch durch seine explizitien Verweise auf das historisch wichtige Jahr 1993 wird „Der dunkle Fluss“ zu einem Roman über das Land Nigeria. Durch einige Zufälle treffen die Brüder drei Jahre vor den Ereignissen am Fluss und vor dem Verlust des Vaters auf den Präsidentschaftskandidaten Abiola, der die vier Ibo-Geschwister zu kleinen Berühmtheiten im Süden des Landes macht, in dem er sie und ein Foto mit ihnen im Wahlkampf verwendet. Im Gegenzug erhalten sie alle Stipendien der Partei. Obwohl er die Wahl gewinnt, wird sein Sieg durch die Militärdikatur annuliert und damit auch die Hoffnungen Brüder zunichte gemacht. An die Stelle von dem heldengleichen, Hoffnung versprechenden Abiola tritt der Vater, der ebenfalls für die Bildung seiner Söhne kämpft, aber an der traditionellen Weltanschauung scheitert.

Der Konflikt zwischen der traditionellen und der westlichen Weltanschauung in einer postkolonialisierten Gesellschaft wird auf verschiedenen Ebenen diskutiert und veranschaulicht. Dennoch lässt sich eine klare Positivierung des „Westlichen“ und des Rationalismus ausmachen. Der Aberglaube führt über die Angst in den Wahnsinn und dann zur Katastrophe. Das Mythische wird klar aus der Lebenswelt verbannt, aber doch nicht ganz verworfen: im Fiktiven, hier vor allem im Erzählstil, findet es seine Daseinsberechtigung. „Der dunkle Fluss“ von Chigozie Obioma ist ein politisches Buch mit mythischem Erzählmodus: eine Kombination, die den Roman lesenswert macht.

1 Kommentare

  1. Hallo Zeilensprünge,

    danke für die Empfehlung! Das klingt ja spannend. Bücher über Nigeria interessieren mich gerade sehr – überhaupt nehme ich mir vor, mehr Literatur aus afrikanischen Ländern zu lesen, da gibt es einiges zu entdecken.
    Meine Empfehlung: Die Autorin Chimamanda Ngozi Adichie („Americanah“, „Purple Hibiscus“)

    Herzliche Grüße,
    die Bücherflocke

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