Wlada Kolosowas „Fliegende Hunde“: Im russischen Rione

Seit einigen Jahren hat die Gegenwartsliteratur weltweit ein neues Lieblingsmotiv entwickelt: Immer mehr Erfolgsromane erzählen von weiblichen Frauenfreundschaften, irgendwo zwischen tiefster Verbundenheit und immerwährender Rivalität. Bei Ferrante heißen sie Lila und Lenù, bei Zadie Smiths  Roman „Swing Time“ sind es die Ich-Erzählerin und Tracey, „The Mothers“, das grandiose Debüt der Amerikanerin Brit Bennett, das Ende April bei Rowohlt in deutscher Übersetzung erscheinen wird, erzählt von Nadia und Aubrey – bei Wlada Kolosowas Debütroman „Fliegende Hunde“ heißen die Protagonistinnen Lena und Oksana.

Anlass für den Erzählakt ist die Trennung der beiden besten Freundinnen, die sich seit Kindertagen kennen: Der Roman setzt am ersten Morgen ohne Lena ein. Sie ist nach Shanghai gereist, um dort als Model zu arbeiten. Oksana bleibt im fiktiven russischen Örtchen Krylatowo, einer Satellitensiedlung vor den Toren Sankt Petersburgs zurück, wo der Hintern der 17-Jährigen die „größte Sehenswürdigkeit“ ist. Um ihrer Freundin näher zu sein, will sie gerade diesem mit einer geschmacklosen Diät auf den Leib rücken, die als Persiflage auf Schönheitsideale der Modewelt gelesen werden kann: In der Leningrad-Diät dürfen die Mädchen, die mit ihrer krankhaften Magersucht nicht hinterm Berg halten, nur das und soviel essen, wie die Leningrader während der dreijährigen Belagerung, bei der über eine Million Menschen vor Hunger ums Leben kamen.

In dem Internetforum, das durch Aufnahmerituale den teilnehmenden Mädchen ein gewisses Elitebewusstsein vermitteln und ganz nebenbei auch vor der breiten öffentlichen Empörung schützen soll, gibt es Rezepte für „Grasküchlein, gebacken in Industrieöl, Mehl aus Eichenrinde, Tapetenkleistergelee mit Nelken und Lorbeerblatt und Pappmaché-Buletten“.
Das Motiv ist in seiner Ungeheuerlichkeit hart an der Grenze des guten Geschmacks, verdeutlicht aber gleichzeitig die Absurdität des Magerwahns. Oksana kann am Ende den Quarkpuffern mit Schmand und Himbeermarmelade ihrer Mutter nicht widerstehen. Sie hält sich nicht wirklich an die strengen Diätgesetze, sucht aber trotzdem die Anerkennung der anderen Userinnern, in dem sie regelmäßig Rezepte aus der Blockade postet, die sie in der Bibliothek recherchiert oder sich von Lenas dementen Großmutter, die nebenan wohnt und selbst in Leningrad war, geben lässt.

Lena macht in Shanghai währenddessen ähnlich degradierende Erfahrungen. Ihr Agent Rafik, der sie in den kommenden drei Monaten in Shanghai vermitteln soll, fragt sie nicht nur nach ihren Maßen, sondern nach chronischen Krankheiten und ihrer Jungfräulichkeit. Dass er sich ihrer bemächtigen will, verheimlicht er nicht einmal:

„Das geht dich nichts an.“
„Mich geht alles etwas an.“

Die figurativen und topographischen Konstellationen des Romans erinnern auffällig stark an Elena Ferrantes Erfolgsromane. Obwohl „Fliegende Hunde“ nicht in Italien, sondern in Russland angesiedelt ist, handelt es sich um die immer gleiche, austauschbare Welt der Vorstadt einfacher Verhältnisse:

„Ihr Heimatort war eine Satellitensiedlung, wie sie um jede russische Metropole wucherte – nur drei Kilometer außerhalb der Stadtgrenze von Sankt Petersburg, aber Lichtjahre davon entfernt: sechstausend Einwohner, fünf Straßen, drei Geschäfte, eine Bushaltestelle.“

In der tristen Vorstadtwelt leben zwei Freundinnen, von der eine zurückbleibt, während die andere entkommen kann: Bei Ferrante gelingt Erzählerin Lenù der Aufstieg klassischerweise durch Bildung, bei Kolosowa kann Lena – man beachte auch die Namensähnlichkeit – durch ihr Aussehen den ‚russischen Rione‘ verlassen. Während die „genialen Freundinnen“ von Ferrante sich in die Bücher der Bibliothek flüchten, sucht Oksana eben dort nach neuen Blockade-Rezepten und nicht zuletzt nach Buchumschlägen, die sie in Pappmaché-Buletten verwandeln und verspeisen kann.

Treibt man diesen Vergleich auf die Spitze, könnte man behaupten: Kolosowa greift die klassischen Motive des Bildungsromans auf, um sie zu brechen und – auf andere Weise, aber mit gleichem Ergebnis wie Ferrante – zu zeigen. Weibliche Emanzipation ist in besonderer, und zwar in gewaltsamer Weise geprägt durch gesellschaftliche und vor allem männliche Erwartungen.

Im Angesicht der Weltgeschichte war ihr Gewicht vielleicht unbedeutend, im Hinblick auf ihre eigene Geschichte war es lebensbestimmend.

„Fliegende Hunde“ ist außerdem ein klassischer Coming of Age-Roman. Im Gegensatz zu Ferrante erzählt Kolosowa nicht ganze Lebensgeschichten, sondern von lediglich drei Monaten, den die 17-Jährigen getrennt verbringen und sich voneinander entfernen. Während Oksana zu Hause gegen zusätzliche Kilos ankämpft, um ihrer Freundin näher zu sein, und mit Mammut ausgeht, einem Mitschüler und dem einzigen, „dem man nachsagte, dass er ‚echten Dreck’ am Stecken habe“, verbringt Lena Zeit mit Steve, einem Fotografen, der ihr im Tausch gegen ein bisschen Liebe gute Kontakte in die Modebranche verspricht.

Im Liegen verstanden sie sich am besten.

Eigentlich aber, so wird schnell deutlich, fühlen sich Oksana und Lena nicht wirklich zu den Männern in ihrem Leben, sondern vielmehr zueinander hingezogen. Ihre Freundschaft hat auch eine körperlich-sexuelle Komponente, die sich beide jedoch nicht eingestehen wollen. „Fliegende Hunde“ ist auch ein Roman über das Entdecken der eigenen Sexualität. Was es bedeutet, in Russland homosexuell zu leben, das lässt der Roman dabei nur erahnen.

Strukturell ist Kolosowas erster Roman unauffällig. Die Kapitel widmen sich immer abwechselnd Oksana und Lena, die Sprache ist jung, aber nicht künstlich jugendlich. Stilistisch „Fliegende Hunde“ besticht durch seinen schwarzen Humor. Überzeugend ist der Roman vor allem auf inhaltlicher Ebene: Kolosowas Erstling reiht sich nahtlos in die literarische Debatte über Freundschaft zwischen Frauen ein, kommentiert bereits verwendete Motive, denkt sie weiter und bereichert den literarischen Diskurs, der immer auch eine feministische Dimension hat, durch neue Perspektiven. Eigentlich schreibt Wlada Kolosowa als Journalistin Reportagen. Dass sie nun einen Roman geschrieben hat, ist ein echter Gewinn.


Wir danken Ullstein für das Rezensionsexemplar.

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