Wolfgang Herrndorf als Maler

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Malende und zeichnende Schriftsteller gibt es einige. Im Wiener Schubert-Geburtshaus kann man die Gemälde und Studien von Adalbert Stifter bewundern, der sich überwiegend als Landschaftsmaler versuchte und in dessen kunstbilderisches Werk in der Motivik nicht selten mit der seines literarischen Werks übereinstimmt. Das Grass-Haus in Lübeck zeigt Tuschzeichnungen und Bilder von Günter Grass, der seine Buchumschläge teils selbst gestaltete und das Wort bzw. die Schrift als Element in seine Malerei einzubinden versuchte.

Noch bis zum 16. August kann man sich im LiteraturHaus Berlin einen Ausschnitt aus Wolfgang Herrndorfs kunstbildnerisches Werk ansehen. Die Ausstellung „Bilder“ präsentiert Karrikaturen, Zeichnungen und Ölbilder von dem seit 2010 bekannten und 2013 verstorbenen Schriftsteller von Tschick. Im Gegensatz zu Stifter oder Grass war die Kunst für Herrndorf jedoch nicht ein Hobby neben dem Schreiben; bevor er 2002 seinen Debütroman In Plüschgewittern publizierte, arbeitete Wolfgang Herrndorf, der an der Nürnberger Akademie der Bildenden Künste Malerei studiert hatte, als Maler, Zeichner und Illustrator.Er publizierte – teils unter einem Pseudonym – in dem Satire-Magazin Titanic und gestaltete Umschläge für den Berliner Haffmanns Verlag. Die im Berliner Literaturhaus ausgestellten Werke sind voller Humor, in den zwei Räumen des Kleinen Saals wird viel gelacht. Besonders beeindruckend wirken die Selbstportraits Herrndorfs sowie die Stilimitationen großer Künstler, an denen er sich versucht – und beweist (von mittelalterlichen Darstellungsweisen über die Vermeer, van Eyck und Dürer bishin zu Picasso ahmt Herrndorf alle großen Künstler und Epochenstile nach).

Der Entstehungszeitraum der ausgestellten Kunstwerke unterscheidet Herrndorf als malenden Schriftsteller von seinen Kollegen: die Bilder entstehen ausschließlich vor dem Millenium und damit vor dem Schreiben. Die Verwirklichung in beiden Disziplinen, das parallele künstlerische Schaffen in Malerei und Literatur, sei nach Herrndorf nicht möglich. Als Perfektionist gibt Herrndorf das Malen auf, als er zu schreiben beginnt, da er fürchtete, wer sich der Malerei nicht voll und ganz widme, der verliere das Gefühl für Farbe und Perspektive. Durch das gegebene „Nacheinander“ von künstlerischem und literarischem Werk ergeben sich nicht (wie beispielsweise bei Stifter) automatische Bezüge in der Motivik, aber intermediale Werkbezüge können nicht automatisch ausgeschlossen und sollten in Zukunft nähergehend untersucht werden. Sein Gefühl für die Farben und Perspektiven stellt Wolfgang Herrndorf in den ausgestellten Bildern in jedem Fall unter Beweis. Hier gibt es mehr zu sehen.

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