Wolfgang Koeppens „Amerikafahrt“: Republikanische Pracht

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Die Geschichte Wolfgang Koeppens ist die des Verstummens. Der Autor aus Greifswald galt unter seinen Zeitgenossen als einer der avanciertesten Nachkriegsschriftsteller, obgleich sein literarischer Werdegang schon in der Weimarer Republik begann. Mit Marcel Reich-Ranicki hatte Koeppen einen wortmächtigen Fürsprecher an seiner Seite; eine Verbindung, die in der Nachbetrachtung unterschiedlich bewertet wurde. Während die einen Reich-Ranicki für seine Errungenschaften um Koeppen preisen, haben andere dem Großkritiker stets vorgehalten, das Verstummen des Autors mit seinem ständigen Drängen auf den nächsten großen Roman noch befördert zu haben. Wer es mit einfachen psychologischen Schlüssen hält, könnte vermuten, der Grund für Koeppens spätere Konzentration auf Reiseberichte ist genau in diesem Spannungsverhältnis erwachsen: die Reise als Flucht vor einem Kulturbetrieb, der ständig Erwartungen an einen Autoren herantrug, die dieser nicht mehr erfüllen konnte oder wollte. Einer der Texte dieser Zeit ist Koeppens „Amerikafahrt“, die Reise eines Enthusiasten.

In seinem Aufsatz Der Fall Koeppen beschrieb Reich-Ranicki den Unterschied, der Koeppen von anderen Nachkriegsautoren trennte: „In einer Zeit, in der die meisten deutschen Nachkriegsautoren noch im Banne Hemingways standen, griff Koeppen zu anderen angelsächsischen Vorbildern: von Joyce bis Faulkner. In einer Zeit, in der noch das Kriegserlebnis die Thematik beherrschte – Bölls Wanderer, kommst du nach Spa… war 1950, sein Wo warst du, Adam? 1951, Anderschs Kirschen der Freiheit 1952 erschienen – attackierte Koeppen in den Tauben im Gras die bundesrepublikanische Welt, in deren Leben er bereits – man schrieb das Jahr 1951 – jene Kennzeichen entdeckte, die erst mehrere Jahre später deutlich sichtbar werden sollten.“ Man kann darin durchaus zwei verschiedene Bewältigungskonzepte sehen. Ein Böll wollte den Schrecken des vergangenen Kriegs mit einem nüchternen Realismus auf den Leib rücken, Koeppen knüpfte an jene Traditionen der Moderne an, die die Nationalsozialisten auslöschen wollten, um der Gegenwart auf die Schliche zu kommen.

In Paris auf dem Bahnhof St. Lazare, dicht bei Balzacs alter Rue d’Amsterdam, blühte Frankreich, spannte sich von Pfeiler das Netz der Hirngespinste, faulte Geschichte.

Diese moderne Tradition hat Koeppen auch im Gepäck, als er nach Amerika reiste: „Und Franz Kafka, der Amerika nie erreichte, doch von Amerika den wahrsten Traum hatte, erblickte »die schon längst beobachtete Statue der Freiheitsgöttin wie in einem plötzlich stärker gewordenen Sonnenlicht, ihr Arm mit dem Schwert ragte wie neuerdings empor, und um ihre Gestalt wehten die freien Lüfte«.“ Franz Kafka ist für Koeppen der überzeugendste Augenzeuge der amerikanischen Wirklichkeit, ohne jemals tatsächlicher Augenzeuge gewesen zu sein. Das brauchte jemand wie Kafka, der die Moderne wie kein anderer verstand, auch nicht. Für Koeppen gehören die USA und Kafka untrennbar zusammen, dafür musste der Prager Schriftsteller nie amerikanischen Boden betreten: „Die Halle war Amerika und war doch wie von Franz Kafka aus Prag, ein Raum so schwingenden Daches, so weitgestreckter Maßlosigkeit, daß er sich aufzulösen und ganz unwirklich zu sein schien.“

Dieser Mut schuf Amerika. Dieser Mut schafft Amerika noch heute.

Koeppen hingegen machte diesen entscheidenden Schritt über den Atlantik und wie bei vielen der Nachkriegsschriftsteller ist New York ein zentraler Dreh- und Angelpunkt seiner Reisen. Max Frisch war begeisterter New Yorker, Fritz J. Raddatz erzählte von rauschenden Verlagspartys in Manhattan, Uwe Johnson hat der Stadt an der Ostküste in den Jahrestagen ein ganzes Monument errichtet. In „Amerikafahrt“ – der Name legt es nahe – bleibt es jedoch nicht bei einem Besuch dieser Metropole, seine Reise führt ihn von einer Küste zur anderen, durch die zwei großen Städte im Westen, Los Angeles und San Francisco, in die Hitze Salt Lake Citys und den Schlachthöfen Chicagos. Doch dem Autor geht es nicht um bloße Beschreibungen, kein literarischer Baedeker soll am Ende stehen, sondern das Ziel, das amerikanische Alleinstellungsmerkmal herauszuarbeiten.

Sie sahen im Westen, sie sahen mit dem Sonnenlauf das Heil. Forderten sie Gewissensfreiheit, Gedankenfreiheit, Glaubensfreiheit, oder war die Freiheit im Kurs gesunken, verlangten sie allein nach Brot oder schon nach dem Traumauto der Illustrierten?

Dabei leitet den Text zunächst kein vorrangiges Interesse. Geschildert werden Straßenszenen, Architektur, klimatische Phänomene, soziale Konfikte, Diskriminierungen, Atmosphäre: „Dabei leugnete die Straße, durch die wir fuhren, die Weltstadt. Die Straße mimikrierte; sie spielte Alt-Amsterdam, sie war urgemütlich, allerlei Katzen und Käfigvögel und mischrassige Hunde schauten aus staubigen freundlichen Fenstern, kleine Läden boten Grünzeug feil, Altkram und billigen Lebensbedarf.“ Während nahezu jeder Satz Zeugnis von Koeppens sprachlicher Wucht ist, ist der Erkenntnisgehalt seiner Beobachtung von unterschiedlicher Qualität. Der Autor kommt als Enthusiast, was ihn nicht blind für die Schattenseiten des amerikanischen Traums macht – „In New Orleans war etwas verdorben worden, in New Orleans stimmte die Straße traurig.“ -, aber ihn doch zu oft und zu niedlich über „kleine Neger“ oder über das Weiß des Weißen Hauses schreiben lässt, das ihm als romantische Idee von Unschuld gilt.

Die Stimme Walt Whitmanns war über den Häusern.

Doch man muss „Amerikafahrt“ als den Text eines Mannes verstehen, der ein Kind des frühen europäischen 20. Jahrhunderts ist. Koeppen, der 1906 geboren ist, hat vieles erlebt: den militaristischen Kaiserkult, eine totgeborene Demokratie und schließlich den Führerwahn. In den USA erkennt er ein Land, das keine Menschen verehrt, sondern eine Idee, seine Monumente sind keinem Monarchen, sondern dem Volk gewidmet: „Das Weiße Haus stand nobel unter alten Bäumen. Es war kein Königsschloß, es war eher das Heim eines wohlhabenden und kultivierten Mannes.“ Zutritt zu dieser Gesellschaft gewährt nicht die richtige Abstammung, sondern die richtige Währung: „Welche Sprache du auch sprichst, und sei es keine, der Dollar reiht dich ein, macht dich gleich. Ich hörte das Wort Dollar auf allen Wegen, ich hörte es in armer und reicher Umgebung, es wurde immer mit Andacht ausgesprochen. Du bist Konsument und wirst umworben.“

Im Handelsblatt wurde Lebertran angeboten: garantiert geschmacklos.

Vor allem aber begeistert den Autor das hochgehaltene Bildungsideal, repräsentiert in wahren Buchtempeln: „In der Bibliothek des Kongresses stand ich in dem Hohen Tempel des Alphabetentums. Als junger Mensch hatte ich von einem solchen Bücherschloß geträumt, allmählich hatte ich den Traum begraben; doch hier in Amerika, in Washington, erfüllte er sich: ich weilte in der idealen Bücherei.“ Das mag einem gegenwärtigen Leser mit dem Amerika-Bild von heute vielleicht zu golden vorkommen, beweist jedoch nur ein weiteres Mal, dass der Autor Wolfgang Koeppen die Zeichen der Zeit verstanden hat. Auch wenn Koeppens Reiseberichte bislang wenig Beachtung geschenkt wurde, eine erneute Erkundung könnte dieses historische Urteil revidieren.

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