Wolfgang Wills »Athen oder Sparta«: Thukydidelum

Der Peloponnesische Krieg hat in diesem Jahr endgültig in die Populärkultur Einzug gehalten. Da führte nämlich der neuste Teil der »Assasins Creed«-Videospielreihe in den Konflikt der griechischen Antike ein. Einer der im Spiel keine Rolle spielt, ist der General und Historiker Thukydides, was insofern seltsam ist, als dass er nicht nur eine hohe Position in der Athenischen Elite einnahm, sondern auch mit seiner Geschichte des Peloponnesischen Krieges den zentralen Text lieferte, der das Bild dieses Konfliktes bis heute bestimmt. Diesem Text entlang ist der Althistoriker Wolfgang Will nun noch einmal gefolgt und erzählt den Peloponnesischen Krieg erneut.

Nun ist das allgemeinhin ein Problem für Historiker*innen, wenn historische Quellen wie die von Thukydides eine so singuläre Rolle einnehmen. Zwar gibt es auch andere historische Texte, Komödien etc., die einen Beitrag zum Gesamtbild beitragen, aber ähnlich wie man die Perserkriege kaum ohne Herodot denken kann, gibt es keinen Peloponnesischen Krieg ohne Thukydides. Man kann einen Historiker ohne wirkliche Alternativen nur schwer widerlegen, allerdings zwingt eine solch missliche Quellenlage eigentlich zur Distanz. Umso erstaunlicher ist es, dass der Autor sich für eine Form der Nacherzählung entschieden hat, in dem die Ereignisse der kriegerischen Auseinandersetzung noch mal konsumierbar für die Leser*innen vorgeführt werden.

Der Peloponnesische Krieg ist so eng mit Thukydides verbunden wie der Gallische mit Caesar.

Will hält sich nicht lange mit den Voraussetzungen des Krieges auf, sondern umreißt sie zügig: Die griechische Welt der Antike kommt aus den Auseinandersetzungen mit dem Perserreich eigentlich gestärkt hervor. Vor allem der Attische Seebund, der die Perser bei Salamis entscheidend geschlagen hatte, konzentrierte immense Macht. Doch einst als Verteidigungsbündnis geschlossen wurde der Seebund immer mehr Mittel Athenischer Imperialpolitik, was Aggression nach Außen und Repression nach Innen zur Folge hatte. Mit dem Machtzuwachs Athens kam der Peloponnesische Bund ins Spiel, der unter der Führung Spartas den Aufstieg der Nachbarn argwöhnisch beobachtete.

Der Krieg besitzt auch eine innere Vorgeschichte. Sie trägt den Namen Perikles.

Die wichtige Unterscheidung, die Thukydides aufmacht und die Will betont, ist die der Anlässe und Gründe: »Er hatte damit die für die weitere Geschichtsschreibung so wichtige und auch heute noch oft verkannte Unterscheidung von Anlässen (Megara, Kerkyra, Poteidaia) und Gründen (Dualismus) etabliert.« So können nach Thukydides Kriege viele verschiedene und kontingente Anlässe haben, aber Gründe finden sich häufig dort, wo elementare Schieflagen in der Machtarithmetik auftauchen. Ein Krieg zwischen den beiden Parteien scheint dann unvermeidbar, weil sich keine der Seiten der Hegemonie des anderen beugen möchte.

Athens Überlegenheit beruhte auf zwei Faktoren: der Flotte und dem Geld, das sich in den Kassen der Stadt angesammelt hatte.

Der Autor folgt der Länge seines Textes auf den Spuren, die historisch überliefert sind: Er schildert die verschiedenen Phasen des Krieges, in denen es erst so scheint, dass die finanzielle Überlegenheit und der strategische Vorteil einer großen Schiffsflotte die Athener am Ende siegreich aus dem Konflikt hervorgehen ließen würde, bis zu dem Punkt, an dem sie die Frontlinien bis nach Sizilien verschieben und dort eine krachende Niederlage erleiden müssen. Er schildert, wie von nun an Sparta mit seinen Verbündeten die Überhand gewinnt, erklärt wie das persische Reich mit in den Konflikt hineingezogen wird und wie schließlich der Attische Seebund auseinanderfliegt, nur um später in abgespeckter Form wiederaufzuerstehen.

Wenn denn jemand für einen Friedensschluß war, dann nur aus dem Grund, den nächsten Krieg erfolgreicher führen zu können.

Wer Wolfgang Will aufmerksam liest, bekommt einen Krieg beschrieben, der einige Parallelen zum Dreißigjährigen Krieg aufweist: ein brutaler Konflikt unter Brüderstaaten, in denen äußere Kräfte mit eingreifen, in dem Städte immer wieder von der einen und dann der anderen Seite erobert werden (»Es war ein konfuser Krieg, in dem sich die Fronten stetig verschoben und verwischten.«) und der irgendwann anfängt, sich selbst zu ernähren: »Der Krieg war stets auch ein Geschäft.« Immerhin dauerte dieser Krieg in seinen verschiedenen Phasen von 431 v. Chr. bis 404 v. Chr. fast genauso lange.

Da sie die Insel nicht erobern konnten, erklärten sie sie für erobert.

Doch bei all der genauen Quellenkenntnis schafft es der Autor (oder er will es nicht) leider nur selten, von der reinen Nacherzählung zur Analyse zu kommen. Sein Text folgt den historischen Quellen sklavisch, ohne einen Schritt hinter sie zurückzutreten. Fragen, wie sie beispielsweise Historiker wie Herfried Münkler interessieren, nämlich welche Konfliktmuster sich aus dem Peloponnesischen Kriege ableiten können, sind für Wolfgang Will scheinbar genauso uninteressant, wie die Frage, wie groß die Integrität der Quellen eigentlich ist, denen man da aufsitzt.

›Verloren die Hölzer. Mindaros tot. Die Männer hungern. Wissen nicht, was tun.‹

Nur ab und an tippt der Autor eine andere Ebene an, z.B. wenn er über das Selbstverständnis der Griechen spricht: »Die Griechen selbst nahmen ihn zunächst, obwohl sie sich in vielem als Einheit empfanden und gegen die Barbaren abgrenzten, nicht als einen Krieg unter Angehörigen eines Volkes war. […] Daß es sich tatsächlich aber um eine Stasis, also einen Bürgerkrieg im Großformat, handelte, erkannte erst das 4. Jahrhundert, das sich der Folgen stärker bewußt war.« Doch dadurch wird auch nicht verständlicher, wieso »Athen oder Sparta« mit seinem eigenen Stoff nicht in den Dialog tritt, sondern nur dessen Papagei sein möchte.