Wurzellos: Natascha Wodins „Sie kam aus Mariupol“

Wodin: Sie kam aus Mariupol

Texte zwischen Fiktion und autobiographischem Schreiben haben Konjunktur. Nachdem Thomas Melles „Die Welt im Rücken“ im letzten Jahr auf der Shortlist des Deutschen Buchpreises stand und von vielen schon als sicherer Gewinner gehandelt wurde, wurde Natascha Wodin mit ihrem Buch „Sie kam aus Mariupol“ nun mit dem Preis der Leipziger Buchmesse ausgezeichnet. In der Begründung der Jury heißt es: „Dieses Buch trägt auch ausdrücklich nicht die Bezeichnung Roman. Doch an der Grenze von Fiktion und Nichtfiktion, wo es angesiedelt ist, betreibt es autobiografisches Schreiben mit einem hohen Maß an Selbstreflexion und romanhaftes Schreiben auf der Grundlage von Lidias Tagebüchern. In diesem genreüberschreitenden Sinn ist es unerhört zeitgenössisch.“ Zeitgenössisch – ja, sicher. Aber wie ist es um den literarischen Wert dieses Textes bestellt?

Die Recherche beginnt in einer Sommernacht im Jahr 2013 mit einer einfachen Suche im Internet: Natascha Wodin gibt den Namen ihrer Mutter Jewgenia Jakowlewna Iwaschtschenko ein, es ist nicht das erste Mal, aber diese Suche liefert ihr einen Treffer. Auf einer Seite, die sich der griechischen Minderheit rund um das Asowsche Meer widmet, ist der Name ihrer Mutter verzeichnet. Mithilfe des Hobby-Genealogen Konstantin begibt sich das Ich des Textes, das den gleichen Namen wie die Autorin trägt, auf die Suche nach der Geschichte ihrer Mutter, denn über sie weiß sie fast nichts.

Sie war keine Entwurzelte, sondern eine Wurzellose von Anfang an, schon geboren als Displaced Person.

Denn die Mutter starb früh. Sie wurde 1920 in Mariupol geboren, einer Stadt im Süden der Ukraine, wo sie 1943 heiratet, bevor sie 1944 zusammen mit ihrem Mann als Zwangsarbeiterin nach Leipzig deportiert wird. Nach Kriegsende flieht das Paar vor der Roten Armee nach Bayern, wo das Ich als erste Tochter Ende 1945 das Licht der Welt erblickt. Sie leben im Untergrund, denn als Displaced Persons, gerade aus den Arbeitslagern befreit, wollen sie nicht wieder in eines der wegen seiner schlechten Lebensumstände gefürchteten DP-Lager interniert werden. Als sie doch entdeckt werden, wird die kleine Familie – mittlerweile ist eine zweite Tochter geboren – nach einer Übergangsphase in eine Neubausiedlung umgesiedelt, die zwar bessere Lebensumstände bietet, allerdings als Ghetto in der Peripherie noch immer kein normales Leben bietet.

Die kleine Natascha wird gehänselt, geärgert, gequält: „Irgendwann durchschauten sie mich natürlich, und dann jagten sie mich erst recht, die kleinen Rächer des untergegangenen Dritten Reiches, die Kinder der deutschen Kriegerwitwen und Naziväter, sie jagten sämtliche Russen in meiner Gestalt, ich war die Verkörperung der Kommunisten und Bolschewiken, der slawischen Untermenschen, ich war die Verkörperung des Weltfeindes, der sie im Krieg besiegt hatte, und ich rannte, rannte um mein Leben.“ 1956 setzt die Mutter ihrem Leben ein Ende; das Ich ist zu diesem Zeitpunkt zehn Jahre alt, ihre Schwester ist vier. Was von der Mutter geblieben ist, sind wenige Schwarz-Weiß-Fotografien, eine russisch-orthodoxe Ikone und die titelgebende Information: „Sie kam aus Mariupol.“

„Plötzlich schien es mir, als habe die Heimatlosigkeit meiner Mutter nicht erst in Deutschland begonnen, sondern schon in der Ukraine, als sei sie nicht irgendwann aus dem Nest gefallen, sondern habe nie eines gehabt, weil schon ihre Eltern Unbehauste gewesen waren.“

Mit Konstantins Hilfe erfährt das Ich, dass ihre Urgroßeltern Epifan und Anna von Ehrenstein – die Eltern von Jewgenias Vater Jakow – wohlhabende, großbürgerliche, ja sogar adelige Großgrundbesitzer waren, bis er „nach und nach dem Aklohol verfallen sein und sein ganzes Vermögen verloren haben“ soll.
Mehr noch als über den Vater ihrer Mutter erfährt das Ich über die Herkunft der Mutter ihrer Mutter, Matilda Iosifowna. Sie hat, so ergeben die Recherchen, italienische Wurzeln: ihr Vater Giuseppe de Martino stammte aus einer armen Steinmetzfamilie in Neapel. Als Schiffsjunge bereiste er die ganze Welt, arbeitet sich zum Kapitän hoch und landet schließlich in Mariupol, wo er sich in Teresa Pacelli, die minderjährige Tochter eines italienischen Kaufmannes verliebt und sie heiratet. Sie bekommen 16 Kinder, eines von ihnen ist Matilda, Jewgenias Mutter. Auch sie gehören zu den reichsten Familien Mariupols.

„ … die Erinnerung eines Kindes, die vielleicht gar keine Erinnerungen mehr waren, sondern bloßer Schaum, den die jahrzehntelangen Gärungsprozesse der Zeit in meinem Gedächtnis zurückgelassen hatten.“

Das alles erfährt und berichtet das Ich im ersten von vier Teilen, in die das Buch sich gliedert. Am spannendsten an dieser immer wieder eher undurchsichtigen bis verwirrenden Rekonstruktion der Familienverhältnisse der Mutter sind jene Passagen, in der das Ich ihre Entdeckungen mit ihren Kindheitserinnerungen vergleicht. Denn obwohl sie sich zunächst als unsichere Erzählerin inszeniert, deren Erinnerung keinen glauben schenken kann, stellen sie sich nach und nach alle als wahr heraus. In gewisser Weise entspricht dies dem Genre selbst, das sich von der Fiktion ab- und zum Nicht-Fiktiven hinwendet.

Was das Ich in der Familiengeschichte sucht, sind nicht nur Fakten, sondern vor allem Kontinuitäten, Parallelen zwischen den Leben ihrer Vorfahren und ihrem eigenen. So glaubt sie zwischenzeitlich, dass der Suizid sich als Familientradition über Generationen etabliert habe und entdeckt, dass Todesdaten übereinstimmen. „Erinnerungsarbeit im Widerstand gegen das eigene Zerbrechen“, nennt dies die Jury des Leipziger Buchpreises. Tatsächlich formuliert sich hier wohl eine zentrale These, die das Buch vertritt: Familiengeschichte, aber auch Geschichte im Ganzen, wiederholt sich. Ereignisse schreiben sich ein, werden in gewisser Weise „vererbt“, so zumindest möchte das Buch vermitteln.

Während auf den ersten 150 Seiten des Buches die inhaltlich wichtigsten Eckdaten verhandelt werden, sind sie stilistisch die schwächsten des Buches. So lässt sich das Ich dazu verleiten, neben der Recherche ihrer Familiengeschichte auch die prachtvollen Sonnenaufgänge über dem mecklenburgischen Schaalsee, wohin sie sich zur Arbeit zurückgezogen hat, kitschig und plakativ zu beschreiben. Auch die Schilderung des Rechercheprozesses und seinen überraschenden Erfolgen misslingt – vor allem, weil das ich permanent erschaudert, vor Erfurcht schwindelt oder einen kurzen Herzstillstand erleidet, wenn sie die neuste E-Mail liest. Eine solch übermäßige Verwendung des Wortes „plötzlich“ liest man sonst nur in Schulaufsätzen oder schlechten Regionalkrimis.
Während im ersten Teil die Erzählerstimme ihre Recherchen und deren Ergebnisse schildert, nimmt sie sich in den folgenden drei Teilen eher zurück, schaltet sich ab und zu kommentierend ein. Sie rekonstruiert zunächst die Geschichte ihrer Tante Lidia, der älteren Schwester ihrer Mutter, deren Memoiren sie am Ende des ersten Teiles erhält. Hier wird „Sie kam aus Mariupol“ literarisch. Es sind die stärksten Passagen des Buches. Begleitet wird dieser Wandel der Erzählperspektive durch einen Tempuswechsel ins Präsens, der die Analogisierung zwischen Damals und Jetzt, die 100 Jahre trennen, narrativ aufzuheben scheint.

„Das Buch verspricht eine klaffende literarische Lücke zu schließen“, wird Wolfgang Schneider von der FAZ auf dem Umschlag von „Sie kam aus Mariupol“ zitiert. Tatsächlich stellt wohl auch die Autorin selbst diesen Anspruch an ihr Buch. Sowohl zu Beginn als auch am Ende weist sie darauf hin, dass es kaum Literatur über das Schicksal der Ost-Zwangsarbeiter gäbe und legitimiert damit ihren eigenen Text:

Bücher über den Holocaust füllten Bibliotheken, aber die nicht-jüdischen Zwangsarbeiter, die die Vernichtung durch Arbeit überlebt hatten, schweigen.

Von den zwanzig Lagern des ATG ist nur ein Außenlager des KZ Buchenwald dokumentiert, in dem fünfhundert ungarische Jüdinnen untergebracht waren, die für die ATG gearbeitet haben. Über dieses Lager gibt es umfangreiches Material, auch eine Gedenktafel wurden auf dem einstigen Lagergelände angebracht. Über die etwa zweitausend anderen, zumeist slawischen Zwangsarbeiter der ATG wird kein einziges Wort verloren, geschweige denn hat man auch ihnen eine Gedenktafel angebracht.

Das fehlende Bewusstsein für das Schicksal der Zwangsarbeiter aus Osteuropa, das Wodin anhand ihrer Familiengeschichte in ihrem Buch rekonstruiert, ist sicherlich kritisierbar, jedoch schwingt in diesen Sätzen beinah ein fast vorwurfsvoller Unterton an der Erinnerungskultur der Shoah mit, die im Kontext deplaziert wirken.

Vergleicht man „Sie kam aus Mariupol“ mit „Vielleicht Esther“ von Katja Petrowskaja, einem Text, der ebenfalls eine Hybridform zwischen Fiktion und ‚Realität’ ist und die Rekonstruktion der Familiengeschichte der Autorin erzählt, schneidet Wodin schlechter ab: Auch in dieser Zwischenform kann man mit literarischen Mitteln erzählen, auf die Wodin fast vollkommen verzichtet. Die Familien-Fotografien, die dem Text beigegeben sind, werden – anders als bei Petrowskaja – nicht ins poetische Konzept des Textes eingebunden, sondern haben einzig eine illustrierende Funktion. Auch „Vielleicht Esther“ verhandelt die Beschaffenheit und Verlässlichkeit von Erinnerungen und dem Familiengedächtnis – während Wodin sich aber selbst erklärt und analysiert, weiß Petrowskaja dies literarisch zu vermitteln.
Ob „Sie kam aus Mariupol“ zurecht mit dem Preis der Leipziger Buchmesse ausgezeichnet wurde, sei dahingestellt. Eine Lektüre, die viel über den Geist der Gegenwartsliteratur und über den Literaturbetrieb verrät, ist es jedoch allemal.


Wir danken Rowohlt für das Rezensionsexemplar.