Zeitgeist-Studien: Mirna Funks „Winternähe“

Funk

Winternähe heißt der in diesem Sommer erschienene Debütroman von Mirna Funk, der von Lola, einer jüdischen Berlinerin in ihren frühen Dreißigern, ihrer Familie und der Suche nach ihrer Identität erzählt, die sie zunächst in Tel Aviv, später in Bangkok zu finden hofft. Winternähe ist ein Text über Selbstfindung und Genealogie, aber vor allem ein Gesellschaftspanorama, das den Zeitgeist [die erzählte Zeit reicht von 2012 bis 2014] in junger, ungezwungener Sprache einfängt und neueste Geschichte literarisiert. Zu dieser Zeit hielt sich Funk selbst in Israel auf und berichetete für das Magazin Interview; die Schilderungen in Tel Aviv können durchaus als Zeitzeugnis gelesen werden. „Winternähe“ – mit diesem titelgebenden Neologismus umschreibt Mirna Funk in ihrem literarischen Debüt „ein Band“, dass „alle haben zu jemandem oder irgendwas“ und das den gewordenen Menschen mit einem Stück Vergangenheit, einer Erinnerung oder Erfahrung, verbindet. 

Funks Roman gliedert sich in drei Teile, die dem jeweiligen Handlungsort zugeschrieben sind: Berlin, Tel Aviv und Bangkok. Der auktoriale Modus nähert sich zeitweise einer personalen Perspektive und der Protagonistin Lola an, wird jedoch sonst größtenteils gradlinig eingehalten. Nicht nur durch die allwissende Erzählinstanz, sondern auch durch Dialoge, direkte Rede und Monologe wird die Geschichte dem Leser vermittelt und rangiert so im Modus zwischen Mittelbarkeit und Unmittelbarkeit. Der Ton ist von Anglizismen und umgangssprachlichen Floskeln geprägt.

Ausgangspunkt für Lolas Reise nach Tel Aviv ist der latente Antisemitismus, den sie in ihrer Heimatstadt Berlin, wo sie als Fotografin arbeitet, erfährt. Für sie scheinen sich in einer neuen, gesellschaftlich akzeptierten Form von antijüdischen Äußerungen die Prophezeihungen der verstorbenen Großmutter und Dachau-Überlebenden zu bewahrheiten, die vor der antisemitischen Stimmung in Deutschlands warnte. So sind beispielsweise die „geldgierigen Juden“ an der Gentrifizierung und der hohen Mieten in Berlin Schuld, die Israelis hätten nichts aus dem Holocaust gelernt und ihre Palästina-Politik sei gleichbedeutend mit dem Genozid des Zweiten Weltkriegs. In einem Interview mit der Jüdischen Allgemeinen Zeitung sagt Mirna Funk: „In jedem Roman lassen sich autobiografische Züge finden, in meinem natürlich auch. Alle antisemitischen Übergriffe, die Lola widerfahren, habe ich zum Beispiel selbst erlebt.“
Interessant ist Lolas These zur unterschiedlichen Zeitwahrnehmung von Deutschen und deutschen Juden, die sie in einer Diskussion mit einem solchen „Alltags-Antisemiten“ formuliert und eine mögliche Erklärung für den Konflikt sein könnte:

Für euch ist das alles gefühlte dreihundert Jahre her. Warum aber ist das alles für mich gerade erst passiert? […] Warum bin ich mein ganzes Leben mit diesen Geschichten groß geworden, von Menschen, die überlebt haben, von Menschen, die ihre gesamte Familie verloren haben, und ihr nicht? […] Ich kann dir sagen, warum. Weil eure Großeltern nicht reden! Weil sie euch nichts erzählt haben. Zum Beispiel, wie es so war als SS-Offizier oder warum sie Hitler gewählt haben. Wie sie dabei zuschauten, als ihre Nachbarn abgeholt wurden, oder wie sie die verdammten Leichen aufeinandergestapelt haben. Ihr seid alle mit Großeltern aufgewachsen, die geschwiegen haben, und deshalb glaubt ihr, dass das alles Schnee von gestern ist.

Um den Bogen zur nicht enden wollenden Diskussion über Ralf Rothmanns Im Frühling sterben zu schlagen: Hier wird die Geschichte des bis zum Angesicht des Todes schweigenden Vaters Walter Urban erzählt, des Waffen-SS-Mitglieds, das die Leiden des Krieges erlebt. Die „unschuldige Schuld“, die seiner Figur jedoch zugesprochen wird, scheint, wenn man die Reaktionen auf dieses Buch betrachtet, jedoch nicht zu einem besseren Bewusstsein zu führen, es löst vielmehr Mitleid aus und bestärkt so Individuen wie Toni, mit dem Lola im dritten Romankapitel diskutiert und die behaupten: „Ich fände es cool, wenn die Israelis und auch die Juden endlich verzeihen würden. Ich fände es cool, wenn sie sagen würden, so, siebzig Jahre sind eine lange Zeit, uns reicht es jetzt auch langsam. Vergeben und vergessen.“ [Weiterführende Kritik an Ralf Rothmanns Roman gibt es in unserer Rezension hier und auch in der NZZ von Roman Bucheli.]

Zu weiteren Erkenntnissen über das schwierige Verhältnis zwischen deutschen Nicht-Juden und jüdischen Deutschen kommt Lola später im Roman, wenn sie einer Gedenkfeier von linksradikalen israelischen Künstlern zu Ehren eines ermordeten palästinensischen Jungen in Tel Aviv beiwohnt und dort alle Opfer der israelischen Gaza-Offensive vorgetragen werden:

Zu viele tote Menschen, zu viele Namen. Was bleibt, ist die Erinnerung. Das haben die Deutschen immer missverstanden und tun es auch noch heute. Den Überlebenden ging es nie darum, Schuldgefühle auszulösen oder den gemeinen Deutschen auf alle Zeiten zu verdammen, sondern an die Toten zu erinnern. Es ist das Eingedenken, dieses Erinnerungsgebot zwischen Gott und den Menschen, das das Judentum und seine Tradition prägt. Die Deutschen kennen kein Eingedenken, auch weil es zwischen Gott und den Menschen im Christentum gar keinen Dialog gibt. Alles vergessen. So schnell wie möglich Alles weghobeln. Alles glattschmirgeln. Aber zu erinnern bedeutet, in Einklang mit der Vergangenheit, der Gegenwart und der Zukunft zu leben. Zu erinnern bedeutet, zu verstehen, dass wir Gewordene sind […].

Das „Gewordensein“ einer Person tritt durch die „Winternähe“ hervor, jenem spürbaren Band, welches das Individuum mit Geschichte, Erfahrung und Erinnerung verbindet. Im Falle Lolas ist dies die Kriegserfahrung in Israel und der Raketenbeschuss in Tel Aviv, die Winternähe ihres israelischen Liebhabers Shlomo ist der versehentliche Mord an einem palästinensischen Kind während seiner Armeezeit.
Mit inneren Monologen weist Lola in Winternähe nicht nur auf das problematische Verhältnis und den latenten Antisemitismus der Gegenwartsgesellschaft hin, sondern sucht alternative Erklärungsmodelle für den Konflikt, oder zumindest Ansätze solcher, die weiter führen als die Vorurteile der Masse.

Zu einem zeitgenössischen Roman wird Funks Winternähe nicht nur durch den aktuellen Gesellschaftsdiskurs, den der Text inhaltlich verhandelt, sondern auch durch den Einfluss der neuen sozialen Medien, die vor allem im ersten Berlinkapitel omnipräsent sind und maßgeblich die Handlung vorantreiben: Lola verdient ihr Geld unter anderem auch mit ihrem Instagram-Account, der Ausgangskonflikt und die Gerichtsverhandlung gehen auf eine Facebook-Posting zurück, die Protagonistin lernt ihre Liebschaften über Tinder kennen. Den Gegenpol zu der beschleunigten Kommunikation bildet Lolas Vater, der zurückgezogen mit seiner neuen Familie im australischen Dschungel lebt und die Kommunikation mit seiner Tochter gänzlich verweigert.

In der schwierigen Vater-Tochter-Beziehung liegt wohl unter anderem auch Lolas Identitätskrise begründet. Als Halbjüdin, deren Mutter nicht-jüdisch ist, gilt sie nach der Halacha als ebenso Nicht-Jüdin, obwohl sie als solche von ihren Großeltern erzogen wurde. Die Unsicherheit und Ausgrenzung, die daraus zusätzlich zum deutschen Antisemitismus entwächst, lässt Lola permanent nach genealogischen Parallelen und Gemeinsamkeiten im Verhalten zu ihren Eltern und Großeltern suchen, um sich ihrer Identität zu vergewissern. Die Trennung der Eltern und die Flucht des Vaters von Ost-Berlin nach West-Berlin sowie der Umzug der Mutter nach Hamburg nach der Wende ließen Lola bei ihren Großeltern aufwachsen.

Mirna Funks Winternähe ist ein Roman, der der Zeitgeist der letzten zwei Jahre zu konservieren weiß. Wen Berlin-Kitsch à la „Lola setzte sich in die Ringbahn und fuhr sechs Stunden im Kreis.“ und Anglizismen wie „Der-Holocaust-ist-over“ oder „[…] dass es ihr scheißegal sei, ob […] Manuela braindead wäre“ nicht stören, der kann von Lolas Beobachtungen viel über die gegenwärtige deutsche Gesellschaft, die Gefahr eines neu aufkeimenden Antisemitismus und den Nahost-Konflikt lernen.