Zeruya Shalev: Der dunkle Pathos des Schmerzes

Shalev

Die Frage, inwieweit ein einzelner Moment unser Leben verändern kann, berührt das menschliche Dasein bis ins Essentiellste. Daher würde man annehmen, dass auch jeder Mensch in gleichen Maßen davon betroffen ist. Allerdings gibt es Orte auf dieser Welt, in der das Schicksalshafte mit weitaus größerer Wahrscheinlichkeit in das Leben treten kann. Ein solcher Ort ist Israel: Immer wieder erschüttert von Terroranschlägen könnte hier das Nachdenken darüber, was das Narrativ des eigenen Lebens eigentlich zusammenhält, nicht virulenter sein. Diesem Thema hat sich Zeruya Shalev in ihrem neusten Roman „Schmerz“ versucht anzunähern.

Da schwebte eine schmale, geflügelte Tragbahre auf sie zu, und sie wurde auf Händen getragen und daraufgelegt, und in diesem Moment, in dem sie von dem brennenden Asphalt gehoben wurde, wurde der Schmerz geboren.

Die Familie, in die sie diese Thematik einbettet, ist die der Ich-Erzählerin Iris, die zehn Jahre vor der Romanhandlung Opfer eines Anschlags geworden ist, der sie in Form körperlicher Schmerzen bis in die Handlungsgegenwart verfolgt. Um sie herum drapiert sind ihre Kinder Alma und Omer, ihr Ehemann Micki und ihre eigene Mutter, die an Demenz erkrankt zu sein scheint. Alma ist Kellnerin in Tel Aviv und lässt sich mit zwielichtigen Männern ein, Omer ist mehr unbeteiligter Gast in Iris‘ Leben und die Ehe mit Micki ist längst auf eine lauwarme Betriebstemperatur heruntergebrannt. Doch die Pflege ihrer Mutter bringt Iris wieder mit Eitan Rosenfeld zusammen, ihre große Liebe vor der Ehe mit Micki. Plötzlich scheint sich die Möglichkeit zu ergeben, einen längst verlorengeglaubten Faden wieder aufzunehmen.

Es gibt alle möglichen Arten der Distanz, sagt er, schade, dass du nur eine kennst, guten Morgen.

Fäden – im Sinne von Lebenssträngen und Narrativen – sind das bestimmende Motiv dieses Textes. In immer wiederkehrenden Reflexionen thematisiert der Roman inwiefern es möglich ist, an abgerissene Phasen des Lebens wieder anzuknüpfen. Iris‘ Problem besteht darin, auf beiden Seiten blind zu sein: Die Verbindung zu ihrer Kindheit ist durch die Demenz der Mutter gestört, eine Befragung zu ihrer Herkunft nicht mehr möglich. Ihre Zukunft wird gleich aus zwei Richtungen gefährdet. Die eigene Lebensplanung steht vor der Entscheidung zwischen Micki und Eitan, daneben muss sie zusehen, wie sie sich immer weiter von Tochter Alma distanziert.

Eite Rosenfeld, ihre erste Liebe, und bis zu einem gewissen Grad auch ihre letzte, denn seither hat sie nie wieder dieses vollkommene Gefühl erlebt, gegen das man sich nicht wehren kann.

In diesem Geflecht von reißenden und zusammengeflickten Fäden kann man selbstverständlich noch mehr entdecken. Natürlich geht es auch um die Beschaffenheit des Staates Israel und seiner konfliktreichen Gegenwart. Das Gefühl der Fremdheit, das jeder einzelne in der Familie früher oder später verspürt, wird mit der Fremdheit parallelisiert, die die Konfliktparteien innerhalb und außerhalb Israels voneinander trennt. Iris‘ Schmerz – hervorgerufen durch ein politisches Attentat – ist zwangsläufig auch der Schmerz Israels. Dennoch kann man Shalevs „Schmerz“ auch als Versuch lesen, auch in Israel ein Recht auf unpolitischen Schmerz für sich in Anspruch zu nehmen. So sehr das politische auch Teil des Alltags ist – Alma hat gerade erst ihren Militärdienst abgeleistet – die Konflikte, denen sich Iris stellen muss, sind so basal, dass eine Verengung auf das politische Subjekt Unrecht wäre.

Die Realität des Staates Israel stellt uns vor eine nicht endende Herausforderung – wie verhalten wir uns dem Fremden gegenüber, dem Fremden, der unter uns lebt.

Doch so viele Kreise Zeruya Shalev auch um den Schmerz als uraltes Thema der menschlichen Existenz ziehen mag, man kann sich spätestens nach den ersten hundert Seiten nicht dem Eindruck verwehren, dass die Versenkung in den Schmerz allzu oft in schwarzen Kitsch umschlägt. Es sind Sätze wie „Die Vergangenheit zerbricht die Zukunft, die Vergangenheit verwandelt die Zukunft in Asche […]“, die die Vermutung wecken, dass der Roman weniger mit klugen Beobachtungen zu den Auswirkungen schmerzhafter Erfahrungen aufwartet, als mit einem reichen Tableau an Schmerzvokabeln evozieren soll, wie sich Schmerz anfühlt. Doch dadurch erreicht der Text ein Maß an Pathos, das den Reflexionen im Weg steht. Eine statistische Erhebung darüber, wie häufig im Roman die Worte „Wunde“, „Narbe“, „Zerrissenheit“ oder „Zerstörung“ vorkommen, würde erhellen, wie stark Shalev auf Effekt schreibt.

Im Rückblick erscheint jedes Detail schicksalhaft […]

Neben dem überbordenden Maß an pathetischer Bildsprache wurden in mehreren Besprechungen die überladenden Syntaxkonstruktionen bemängelt. Nun muss das Offensichtliche angesprochen werden, das in Besprechungen fremdsprachiger Texte trotzdem oft zu kurz kommt: So sehr wir einen Text von Zeluya Shalev lesen, ist er für den Leser auch ein Text der Übersetzerin Mirjam Pressler, die erst vor Kurzem für ihre Übersetzung von Amos Oz ausgezeichnet wurde. Deswegen lässt sich hier nicht genau bestimmen, ob der Text im Original besser funktioniert. Die deutsche Übersetzung besteht jedoch aus mäandernden Gedanken, die in ihrem punktlosen Fortgang zunehmend zusammenhangslos und undeutlich werden.

Wie Shalevs Roman dennoch auf hauptsächlich positive Resonanz stößt, dafür liefert Iris Radischs Feuilletonstück in der Zeit eine mögliche Erklärung: Weniger als eine Besprechung des Romans interessiert Radisch die Schriftstellerin, die selbst Opfer eines Attentats geworden ist. Aus diesem biographischen Schlüsselmoment der Autorin könnte man schließen, dass sie über die Begebenheiten in „Schmerz“ besonders authentisch schreiben könnte. Doch so sehr einem die Autorin auch persönlich in ihrem Schicksalsschlag sympathisch sein kann, ist das für die Kritik an ihrem Roman keine Kategorie. Insofern nimmt man ihr nach der Lektüre ab, zu wissen, wie sich Schmerz anfühlt. Der Leser, der sich dem Roman jedoch nicht nur empathisch, sondern auch intellektuell annähert, wird ihn unbefriedigt zuklappen.


Wir danken dem Berlin Verlag für das Rezensionsexemplar.

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