Zurück zur (Ur-)Sprache: Marjana Gaponenkos „Wer ist Martha?“

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Der Moment, in dem Luca Lewadski im Alter von 96 Jahren erfährt, dass ein Karzinom in seiner Lunge gefunden wurde und seine Tage gezählt sind, eröffnet den zweiten Roman von Marjana Gaponenko. Die ersten vier Phasen des Sterbens sind jedoch schnell überwunden: Lewadski akzeptiert sein Schicksal und beschließt, die letzten Tage seines langen Lebens in Luxus zu schwelgen und in die Stadt seiner Kindheit zurückzukehren. „Wer ist Martha?“ ist nichts für Handlungsversessene, dieser Roman lebt von Dialogen, Symbolen und Metaphern. Der Protagonist von Gaponenkos Roman ist nicht Lewadski, sondern die Sprache.

Nach der Lungenkrebsdiagnose beschließt der ukrainische Ornithologe, sich luxuriös einzukleiden und seine kleine, mit Büchern befüllte Wohnung zu verlassen, um nach Wien zu reisen. Nach dem Freitod des Vaters zog seine aus Österreich-Ungarn stammende Mutter mit dem kleinen Luca Lewadski zu ihren Tanten nach Wien. Seine Erinnerungen an die österreichische Hauptstadt sind geprägt von Sachertorten und Besuchen im Musikverein.

Einen neuen Anzug zu kaufen war, zusammen mit dem Vorsatz, den Tod genüßlich in einem Grandhotel zu erwarten, eine der besten Ideen seines zu lang gewordenen Lebens gewesen.

Sein Leben im Wiener Imperial Hotel am Ring, nur wenige Schritte vom Musikverein entfernt, unterscheidet sich grundlegend von seinem bisherigen Leben in der ukrainischen Großstadt. Während er in den ersten Kapiteln seine Bücher anthromorphisiert und mit spricht, als seien sie seine Kinder, führt er in Wien lange Gespräche mit tatsächlichen Menschen, darunter sein palästinensischer Butler Habib und andere Hotelgäste, über sein Leben, die Gesellschaft und die Geschichte. Lewadski trifft auf Herrn Witzturn, der im gleichen Alter ist wie er selbst, und verbringt einen Tag mit ihm, der im Gesamtumfang das letzte Drittel des Buches ausmacht. Aber wie bereits erwähnt, geht es in „Wer ist Martha?“ nicht um das, was passiert, der Text besticht vielmehr mit dem Ton, den die junge Autorin für die die personale Perspektive ihres sterbenden, fast hundertjährigen Protagonisten findet.

Die EU ist ein Segen. Zugvögel, zum Beispiel, waren schon immer echte Europäer.

Omnipräsent ist – vom Buchcover bis zur letzten Seite – das Vogelmotiv. Lewadski, der „Professor emeritus des Zoologie“ ist und als bedeutender Ornithologe sein Leben lang Vögel erforschte, glänzt an vielen Stellen mit Spezialwissen über Arten und Spezies. Dem Philologen eröffnet sich ein anhand der Vogelmetapher kaum überschaubarer Symbolgehalt.
Die Begeisterung für die zugfreien Tiere, die einen Raum ohne Grenzen bewohnen, steht in Opposition zum Leben Lewadskis, der den Großteil seines Lebens hinter dem „eisernen Vorhang“ verbringt und dem es nur möglich wird, frei zu reisen, da er als Koryphäe seines Fachs auf wissenschaftliche Kongresse im Westen eingeladen wird. In den Rückblickskapiteln auf die 1930er Jahre sind es die ihre bisherigen Lebensräume verlassenden Vögel, welche Lewadskis Mutter bibelkonform als Warnung vor einer kommenden Sinntflut deutet, kurz bevor die Deutschen in der galizischen Heimat einfallen. Es sind die Raben, dessen „Sprache“ Lewadski besonders interessiert und die symbolisch an einsamen, unbewohnten Gegenden leben, genau wie der Ornithologe selbst. Und schließlich ist es eine Taube, die als Symbol der Liebe gedeutet werden kann, deren Tod in „Wer ist Martha?“ mit der Geburt des 96-Jährigen zusammenfällt und das einsame Leben ohne Liebe einläutet. Denn Lewadski bleibt ein Leben lang allein, ohne Frau und ohne Kinder.
Es ist kaum verwunderlich, dass der Protagonist selbst mit Charakteristika von Vögeln versehen wird: er „zwitschert“, „pickt“ und „fällt auf den Schnabel“.

Eine gemeinsame Ursprache scheint physiologisch und philologisch unbestreitbar.

Lewadskis kühne These passt zu der Nähe, die zwischen ihm und den Vögeln entworfen wird: er ist überzeugt, dass alle Lebewesen eine gemeinsame Ursprache teilen, aus der sich die verschiedenen Kommunikationsformen entwickelt haben. Wie bereits festgehalten: Die Sprache ist der Protagonist in „Wer ist Martha?“. Im Topos der Ursprache spiegelt sich dies auf inhaltlicher Ebene, aber auch in der Verfasstheit des Romans selbst lässt sich eine Konzentration auf den Klang der Worte beobachten. Gapanenko oganisiert das Narrativ auffällig oft durch Gleichklänge, die Alliterationen und Anaphern können nicht gezählt werden. Auch Lautmalereien finden sich („Plomm“, „Puff“) im Romantext. Hierzu können im weitesten Sinne auch die schriftlichen Wiedergaben der Vogelsprache und -gesänge gerechnet werden.

Lewadski blätterte genüsslich die Seiten des Wörterbuchs um.

Kra, Kre, Kro, Kron, Kronoj
Gra, Gres, Gros, Grons, Gronones
Krae, Krea, Kraa, Krona, Kronas
Krao, Kroa, Kroä, Kronä, Kronas
Kraon, Kreo, Kroo, Krono, Kronos

[…] Schlicht und bescheiden stand der zusammengekratzte Inhalt der Rabensprache auf 27 Seiten verteilt, still und gewaltig.

Martha, nach deren Identität der Romantitel fragt, ist – wie könnte es anders sein – ein Vogel, um genauer zu sein, eine Wandertaube. In einem amerikanischen Zoo starb sie am 1. September 1914, Lewadskis Geburtstag, als die Letzte ihrer Art. Genau wie Martha ist auch der Protagonist des Romans durch sein hohes Alter ein Letzter seiner Art. Die Rückwendung in die Zeit der Jugend und Kindheit durch die Erinnerungskapitel, aber auch auf Handlungsebene in Form der Rückkehr nach Wien, ist als Reaktion auf die Diagnose zu verstehen; die Erinnerung an die frühesten Jahre wird mit dem Sterbeprozess aktiv verschränkt. Die Botschaft scheint zu sein: So fern man sich dem Tod in der Blüte seiner Jugend fühlt, die Lebensabschnitte sind eng verbunden und gehören zusammen. Deshalb wird es dem Text möglich, voller Lebensfreude und Humor zu erzählen.

Geht man von den Figuren und dem Handlungsraum aus, so ist dieses Buch ist eine Mischung aus Elias Canettis „Blendung“ und „Menschen im Hotel“ von Vicki Baum. Auch in seiner Metaphernvielfalt und der Verschränkung von Halluzination, Traum und Realität, erinnert „Wer ist Martha?“ an Canettis Meisterwerk. Die sprachliche Ausgestaltung gleicht dem „goldenen Saal“ des Musikvereins, den Lewadski besucht, sie ist voller Oramente und feiner Details, die manch einem Leser zu opulent erscheinen mögen, doch wer sich auf die Gesamtkomposition „Wer ist Martha?“ einlässt, wird ihn als Hallraum der Sprache zu schätzen wissen.