Zwischen Brooklyn und Berlin: Deborah Feldmans „Überbitten“

Feldman-Überbitten

Als „Unorthodox“ im vergangenen Jahr im Secession Verlag erschien, konnte Feldman auch hierzulande, wo sie mittlerweile lebt, eine große Leserschaft und die Kritik mit ihrem Bericht über die Kindheit, Jugend und den Ausstieg aus der ultraorthodoxen, chassidischen Satmar-Gemeinde begeistern. Seitdem ist sie als regelmäßiger Gast in Fernsehtalkshows zu sehen. Wer wissen will, was alles zwischen der Abkehr von ihrer Gemeinde im Jahr 2010 und dem Auftritt bei Markus Lanz passierte, kann nun in Feldmans neuem Buch „Überbitten“ nachlesen, was es bedeutet, alles hinter sich zu lassen und sich selbst zu finden.

Was, fragte ich mich, als ich mich einmal in die hintere rechte Ecke von St. Ignatius Loyola setzte, was, wenn Gott doch noch da ist?

Nach dem Austritt aus der ultra-orthodoxen Satmar-Gemeinde im New Yorker Stadtteil Williamsburg ergründet Feldman in „Überbitten“ die verschiedenen Spielarten von religiösem Leben außerhalb der Gemeinschaft, in der sie aufwuchs. So trifft sie unter anderem auf Jacob Weisman, einen aus den Südstaaten der USA stammenden jungen Mann, der zum Judentum konvertierte, oder ihre Kommilitonin Sharon, die – ebenfalls aus den Südstaaten stammend – streng christlich erzogen wurde. Beide beobachtet sie beim Brechen der strengen Regeln ihrer jeweiligen Glaubensgemeinschaften: So hat Jacob, der seine Überzeugung für den jüdischen Glauben stets betont und Feldman um ihr „wahrhaftigeres“ Judentum beneidet, Sex mit seiner Freundin, obwohl ihm dies die Halacha als unverheiratetem Mann streng verbietet. Als Collegefreundin Sharon schwanger wird, treibt sie das Kind auf Druck ihrer streng christlichen Familie gegen ihren eigenen Willen und auch gegen die Regeln der Gemeinde ab, da sie sonst als unverheiratete Mutter – dies sei die größere Schande – verstoßen werden soll. Das Fazit: Vereinbar sind diese ultraorthodoxen Lebenskonzepte mit einem modernen, selbstbestimmten Leben nicht.

Wie Ultraorthodoxie Leben zerstört und wie sinnfrei einige der Regeln der Satmar-Gemeinde sind, verdeutlicht Feldman anhand der Geschichte um den Garten der Großmutter mitten in der Betonwüste Williamsburg, der sich gleichzeitig als Erinnerungsraum an die verlorene europäische Heimat erweisen wird. Im Garten der Großmutter wuchsen Nutz- und Zierpflanzen, bis sie eines Tages eine Loganbeere übersieht, ihn aber nicht entfernen darf: „Schlagartig war mir ihre Bestürzung klar. Es war zu spät, um jetzt noch irgendetwas dagegen tun zu können – es wäre ihr möglich gewesen, sie auszureißen, als sie noch ein Sproß gewesen war, aber ein Baum, der Früchte tragen würde, durfte weder geschnitten noch gestuzt werden. Es ist wider das jüdische Gesetz, einen Früchte tragenden Baum irgendwie an seinem Wachstum zu hindern.“

Auf der Suche nach der eigenen Identität begibt sich Feldman erst auf eine Reise durch das ihr fremde Heimatland, den USA, später auf die Suche nach den Wurzeln ihrer Großmutter, die aus einem kleinen Dorf im heutigen Ungarn stammt. Sie reist dabei quer durch Europa – mal allein, mal in Begleitung –, und analysiert in der Rolle einer genauen Beobachterin nicht nur ihre persönliche, durch ihre Herkunft bedingte Beziehung zu den Orten, die als „verbrannte Erde“ in der Satmar-Gemeinde als nicht betretbar galten, sondern auch die Aspekte modernen jüdischen Lebens in europäischen Gemeinden.

Ausgerechnet in Berlin findet sie schließlich einen Zufluchtsort, eine neue Heimat und beantragt am Ende sogar die deutsche Staatsbürgerschaft, die ihr wegen deutscher Vorfahren, denen eben jene Staatszugehörigkeit wegen ihres jüdischen Glaubens verweigert wurde, zusteht. Wer Feldmans Instagram-Kanal verfolgt, konnte das Verfahren und den glücklichen Ausgang in den vergangenen Monaten übrigens in Echtzeit verfolgen.

Wie auch schon in „Unorthodox“ wird auch in „Überbitten“ die Erzählung stark an Lektüreerfahrungen und -eindrücke verknüpft. Kein Wunder: Sie selbst sehe sich, so bekundet Feldman an einer Stelle in „Überbitten“, in erster Linie als Leserin und nicht als Schriftstellerin. Auch dies ist ein Grund, warum sie sich schließlich in Berlin zu Hause fühlt: sie nimmt die deutsche Hauptstadt als besonders bibliophil wahr, an jeder Ecke gäbe es Buchhandlungen und Antiquariate.
Am Ende der 700 Seiten kommt Feldman ausgerechnet durch eines der chassidischen Riten ihrer Gemeinde ins Reine mit sich selbst – „Überbitten“ hat sie ihr Buch genannt; ein Ausdruck, der im jiddischen ‚iberbetn’ heißt und auf die Geste anspielt, mit der Entschuldigung bereits die Freisprechung von Schuld verbunden ist:

„Wenn einer annahm, er haben gegen einen Mitmenschen gesündigt, näherte er sich diesem einfach und brachte seine Absicht zum Ausdruck, sich überzubeten, womit die grundlegende Verpflichtung des Verzeihens demjenigen bereits auferlegt worden war, dem er sich genähert hatte. Und dem war so, weil der Talmud besagt, dass Gott sich seinen Untertanen barmherzig zeige nicht erst wenn ein Gebet erfolgt, sondern bereits in dem Augenblick, da sich die Lippen öffnen, um dieses zu sprechen – was bedeutet, dass das Erbarmen erfolgt, noch bevor der Ruf nach dessen Erweckung laut wird.“

Wer „Exodus“, den zweiten Memoir-Band von Deborah Feldman, der 2015 in den USA erschein, bereits kennt, dem wird einiges in „Überbitten“ bekannt vorkommen. Weniges aus diesem Band, der nicht auf deutsch erschienen ist, fehlt, das meiste hat aber in mehr oder weniger veränderter und erweiterter Form Eingang in „Überbitten“ gefunden. Die letzten 200 Seiten erzählen von der Zeit nach der Veröffentlichung von „Exodus“, dem Umzug nach Berlin, dem ersten Besuch in Israel und antisemitischen Erfahrungen in Deutschland.

Feldmans Analysen sind dabei stets kritisch, differenziert und klug. Nicht nur ihre bewegte Lebensgeschichte, die eindrucksvolles Zeugnis einer Emanzipationsgeschichte sind, sondern vor allem auch ihre Beobachtungen und Überlegungen zur Bedeutung und Beschaffenheit des jüdischen Lebens in Europa in Vergangenheit und Gegenwart machen „Überbitten“ absolut lesenswert.


Wir danken dem Secession Verlag für das Rezensionsexemplar.

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