Zwischen den Welten: Feridun Zaimoglus „Siebentürmeviertel“

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Feridun Zaimoglu hat es mit seinem Siebentürmeviertel nicht auf die Shortlist des Deutschen Buchpreises 2015 geschafft. Trotzdem ist sein Roman von Relevanz und Aktualität: Zaimoglu erzählt die Geschichte eines Flüchtlings in einer multikulturellen Exilgesellschaft aus einer neuen Perspektive, die ihn von der Konkurrenz abgrenzt: der Asyl suchende Protagonist und Ich-Erzähler ist Deutscher.

Der sechsjährige Wolf flieht mit seinem Vater vor den Nationalsozialisten, sie finden Zuflucht im kulturellen Schmelztiegel Istanbul. Yedikule, das titelgebende Siebentürmeviertel, in dem das Ich aufwächst, entspricht den Stereotypen von Neukölln in Berlin: es ist ein Einwandererbezirk mit Banden- und Jugendkriminalität, in dem Menschen aus verschiedenen Kulturen mit verschiedenen Religionen aufeinander treffen. In zwei Romanteilen, die zeitlich zwischen 1939 und 1949 angesiedelt sind, und insgesamt neunundneunzig Kapiteln erzählt Zaimoglu vom Aufwachsen in einer fremden Kultur und dem Identitätskonflikt, der damit einhergeht. 

Die inhaltliche Handlungsebene des knapp achthundertseitigen Romans lässt sich nur grob zusammenfassen. Die neunundneunzig Kapitel, die die neunundneunzig muslimischen Namen Gottes tragen und, wie Zaimoglu in einem Interview sagte, „an die Perlen auf einer Kette“ erinnern sollen, erzählen zwar eine zusammenhängende, chronologische Geschichte, aber der Roman lebt vielmehr von den im Präsens wiedergegebenen Alltagsschilderungen, die das Leben im Siebentürmeviertel und die Gesellschaftsstrukturen erfahrbar machen.

Wolf und sein Vater Franz, der als sozialdemokratischer Lehrer Hitler beleidigte und deshalb in Deutschland verfolgt wurde, sind im Siebentürmeviertel bei Abdullah, seiner Frau Bayka, der Tochter Derya und dem Sohn Batur untergekommen. Franz muss die Gastfamilie jedoch bald verlassen, weil ihm eine Liebschaft mit der Tochter des Hauses unterstellt und die Familienehre damit in Gefahr gebracht wird. Wolf lässt er in Istanbul zurück. Nach dem Tod des gleichaltrigen Baturs wird der deutsche Gastsohn als Familienmitglied anerkannt und erzogen, und auch Wolf nimmt Abdullah und Bayka als Vater und Mutter an.

Ich bin ein Christ, der die große Körperwaschung vornimmt, die Taufe nach der Befleckung. Ich bin ein Christ,  der den Aberglauben der kleinen Leute im Viertel angenommen hat.
[…] Kind meines Viertels, Brüder meinen Brüdern. Deutsches Blut. Türkische Haut. Das bin ich.

Wolf, der von den Anderen „Hitlersohn“ und „Arier“ genannt wird, ist Teil der Kinderbande seines Viertels, die den jugendlichen „großen Brüdern“ nacheifert und sich mit den Gruppen benachbarter Bezirke misst und bekriegt. Es kommt zu blutigen Prügeleien und Kämpfen, die sich nicht nur auf die Kinder beschränken. Auch den Erwachsenen des Siebentürmeviertels dient Gewalt als legitime Antwort auf gesellschaftliche Konflikte und Auseinandersetzungen: Ehrenmorde und Selbstverstümmelungen stehen als Vergeltungsmaßnahmen beinahe an der Tagesordnung.

 

Hört ihr das? Keine Ausnahmen. Wer ausschert, wird von mir hart bestraft.
[… ] Die Sitte herrscht, sagt Vater streng.

Sitte, Würde und vor allem Ehre: das sind die regelgebenden Maßstäbe, nach denen sich die Gesellschaft im Mikrokosmos des Siebentürmeviertels organisiert. Gewaltenteilung gibt es hier nicht. Die uralten Traditionen geben die Gesetze vor, die von den Bewohnern durchgesetzt werden. Als ein Katzenmörder im Viertel umgeht, ermitteln die Bewohner selbst – eine Polizei gibt es nicht. Wird ein Täter gefasst, richten die Männer des Siebentürmeviertels selbst, ganz nach dem archaischen Motto „Auge um Auge, Zahn um Zahn“. Dass jedoch auch im Mikrokosmos des Siebentürmeviertels die Moderne anklopft, verkörpern verschiedene Frauenfiguren des Romans.

Pelin spuckt aus und sagt: Von der Ehre wird mir übel.

Wolfs Schwester Derya und seine Mitschülerin Pelin, in die er sich verliebt, sind die präsentesten selbstbestimmt agierenden Frauenfiguren in Zaimoglus Roman. Die „eisernen Mädchen“, wie sie von den anderen Bewohnern genannt werden, schneiden sich die Haare kurz und heiraten nicht, sie sagen, was sie denken. Gegen den Ehrenkodex verstoßen sie öffentlich jedoch nicht – sie wissen ja, was ihnen droht.
Und obwohl sich Wolf zu diesen sich emanzipierenden Frauen hingezogen fühlt, hält vor allem er sich strikt an die Regeln von Sitte und Ehre, deren Einhalten durch Vater Abdullah gesichert wird. Im zweiten Teil des Romans wandelt der Vater sich vom angesehenen Eisenbahnarbeiter, der er im ersten Teil ist, zum gefürchteten Sittenpolizist, der an Morden und Gewalttaten beteiligt sein soll. Das Viertel scheint sich aufzulehnen, aber der Sprung in die Moderne gelingt nicht – die Feindschaften und der Kampf um die Ehre wird am Ende der achthundert Seiten an die nächste Generation, und damit an Wolf, weitergegeben. Der Deutsche überidentifiziert sich in der Hoffnung auf Assimilation mit dem Siebentürmeviertel.

Nicht nur aufgrund des Umfangs, sondern vor allem Aufgrund der Menge der Figuren und der eigentümlich anmutenden Sprache ist Zaimoglus Siebentürmeviertel eine – vor allem im Bezug auf die anderen Longlist-Kandidaten – vergleichsweise sperrige Lektüre. Das beigegebene Personenverzeichnis hilft, in Stimmenmeer des Siebentürmeviertels den Überblick über die Verwandtschaftsbeziehungen und Herkünfte einzelner Figuren zu behalten.

Die Sprache, die in der ZEIT als „überhöhtes, weihevolles Raunen“ beschrieben wurde, klingt vor allem fremd, weil sie andersartig strukturiert ist. Aber gerade hier liegt die Brillanz des Romans: das Ich, aus dessen Perspektive der Leser die erzählte Welt des Siebentürmeviertels kennenlernt, ist ein Kind mit deutscher Muttersprache, das nur mit türkisch sprechenden Menschen verkehrt. Alle Dialoge, die hier auf deutsch wiedergegeben werden, ereignen in der Logik des Romans naturgemäß auf türkisch, das Wolf gerade erst erlernt. Auf alle Abweichungen und deutschsprachigen Wortwechsel, beispielsweise zwischen Wolf und Franz, wird explizit hingewiesen. Die Andersartigkeit der Sprachbeschaffenheit zwischen dem Deutschen und Türkischen gibt der Roman wieder: er imitiert die Rhythmisierung und den Metaphernreichtum und versucht sich – wiederum in einer fremden Sprache – der erzählten Welt anzupassen.

Leider kommt aufgrund der Konzentration auf den Mikrokosmos des Viertels die politische Lage Istanbuls zwischen 1939 und 1949 etwas zu kurz, und sicherlich hätte man an der einen oder anderen Stelle etwas kürzen können, aber: Feridum Zaimoglus Siebentürmeviertel ist eine nicht einfache, aber lohnenswerte Lektüre, für alle, die erfahren möchten, was es heißt, in einer fremden Kultur aufzuwachsen.


Aus Gründen der Transparenz sei an dieser Stelle darauf hingewiesen, dass diese Besprechung auf einem Rezensionsexemplar basiert, das uns von Kiepenheuer & Witsch freundlicherweise kostenfrei zur Verfügung gestellt wurde. Dies hat selbstverständlich keinen Einfluss auf die Rezension des Romans. 

2 Kommentare

  1. Ich habe es immerhin bis Seite 80 im Buch schon geschafft. Aber nach Deinen Worten werde ich hübsch weiterlesen.

  2. Pingback: Feridun Zaimoglus „Evangelio“: Vorsicht, leicht entzündlich! – Zeilensprünge.

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