Zwischen Exil und Heimat: Shida Bazyars „Nachts ist es leise in Teheran“

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Shida Bazyar ist in ihrem Debütroman etwas Besonderes gelungen: Sie erzählt einerseits eine Flüchtlingsgeschichte, die ihren Text – wie es auch der Buchumschlag stolz verkündet – „hochaktuell“ macht, andererseits ist „Nachts ist es leise in Teheran“ aber nicht nur Flüchtlingsgeschichte, sondern ein Generationen- und ein gesellschaftspolitischer Epochenroman. Aus den verschiedenen Ich-Perspektiven der Mitglieder einer iranischen Familie, die aufgrund von politischer Verfolgung in den 1980er Jahren ins deutsche Exil flieht, erzählt Bazyars Roman vom Bedürfnis nach Freiheit, von der Sehnsucht nach der Heimat, davon, wie es ist, in der Fremde zu leben, und davon, wie es ist, nach Hause zu kommen.

Gegliedert ist Nachts ist es leise in Teheran in fünf Abschnitte, zwischen denen jeweils zehn Jahre liegen und die aus den verschiedenen Ich-Perspektiven der Familienmitglieder erzählt werden. Die Kapiteltitel geben Aufschluss über das Wer und das Wann; den Anfang macht der (spätere) Familienvater Behsad im Jahr 1979, aus dem Jahr 1989 erzählt Mutter Nahid, 1999 ist es die sechszehnjährige Tochter Laleh, die die Narration übernimmt und ihr jüngerer Bruder Morad erzählt als Student im Jahr 2009. Der Epilog ist Tara, die jüngste Tochter der Familie, zugeschrieben, zu welchem Zeitpunkt sie erzählt, bleibt unklar.

Die Revolution wird jede Woche älter, und sie hat doch noch längst nicht angefangen.

1979: Der Schah hat das Land verlassen, die Revolution scheint ihre Ziele erreicht zu haben. Aber der 27-jährige Behsad, der als Lehrer arbeitet und in der Revolution gekämpft hat, muss im Untergrund bleiben, denn nicht die Kommunisten, zu denen er gehört, konnten sich durchsetzen; die Revolution im Iran 1979 wurde zur Islamischen Revolution. Zusammen mit seinen Freunden Sorab und Peyman arrangieren sie Gruppentreffen und arbeiten an der „wirklichen“ Revolution, doch die Vorbereitungen werden von den Geheimdiensten und neuen Machthabern unterbunden. Weil er sich in Nahid verliebt hat, entscheidet er sich gegen den Untergrund.

Was zwischen 1979 und 1989 passiert, erfährt der Leser nur am Rande aus der Sicht von Nahid. Zusammen mit Bahsad, den sie geheiratet hat, und ihren zwei Kindern Laleh und Morad, sind sie ins Exil nach Deutschland gegangen, nachdem ihr Freund Peyman, der selbst heiratete und zwei Söhne bekam, verhaftet wurde. Das Leben in Deutschland ist nicht einfach für das Ehepaar. Während Laleh und Morad spielend die Sprache im Kindergarten und der Schule lernen, fällt den Erwachsenen die Integration schwerer. Sie verbringen die meiste Zeit vor dem Radio oder dem Fernseher, wo sie Nachrichten aus der Heimat verfolgen. Obwohl sie Anschluss finden, bleiben ihnen die Deutschen und ihre Probleme fremd. Was sie von Protest, Demonstration und Revolution halten, deckt sich nicht mit dem, was die beiden Iraner in ihrer Heimat erlebt haben.

Ganz tief in meinem Gehirn, wo die vergessenen Träume gespeichert sind, habe ich es schon einmal gesehen.

Und auch Laleh, die 1999 mit sechszehn Jahren gut integriert scheint, wird immer wieder mit Vorurteilen und Klischees konfroniert; beim UN-Modell in der Schule muss sie selbstverständlich den Iran übernehmen, obwohl sie sich nicht für Politik interessiert. In den Sommerferien besucht sie mit ihrer Mutter und ihrer neunjährigen Schwester Tara ihre Familie in Teheran und bleibt auch in der vermeintlichen Heimat fremd. Hier nimmt man sie wegen ihres Akzents und ihrer Körpersprache als Ausländerin wahr. Morad, der Mo genannt wird, ist 2009 Geografiestudent und lebt in einer WG mit Tobias, dessen Hauptproblem seine Beziehung mit Freundin Maryam ist. Während sich alle an den Bildungsstreiks beteiligen, verfolgt Mo die Grüne Revolution im Iran, obwohl er eigentlich nicht viel über die Heimat seiner Eltern und sein Geburtsland weiß:

Sie redet so selbstverständlich von 1979, als sei sie dabei gewesen. Was sie wohl sagen würde, wenn sie wüsste, dass ich vorgestern noch gegooglet habe, wann die Islamische Revolution genau war.

Auch er ist wie Laleh in den Augen seiner Kommilitonen „der Iraner“. Nicht primär deswegen, sondern vielmehr wegen seiner Eltern fühlt er sich verantwortlich für das, was im Iran geschieht, ist rast- und ruhelos, bis er selbst demonstrieren geht und sich beteiligt.

Shida Bazyars Erzählstrategie ist absolut gelungen und effektvoll: sie lässt nicht nur alle Familienmitglieder in der Ich-Perspektive zu Wort kommen, sondern spitzt zusätzlich die Erzählsituation zu, indem die Narration beinahe als innerer Monolog daherkommt. An keiner Stelle werden die Dialoge zwischen dem erzählenden Ich und anderen Figuren direkt wiedergegeben, alles scheint durch die subjektive Position des jeweiligen Ichs gefiltert. Jedes Kapitel hat ein „Heute“, ein „Jetzt“, das Ausgangspunkt ist. Trotzdem überwiegen in vielen der Kapitel die Rückblenden und Erinnerungen: In Behsads Kapitel sind es Erinnerungen an die Kindheit und Jugend, bei Nahid sind es Rückblenden in das zurückgelassene Teheran und die Zeit der Flucht, bei Lalehs werden Erinnerungen aus frühester Kindheit wieder wach, wenn sie zurückkehrt. Der Effekt: Die Perspektive macht es auch möglich, leichtfüßig zwischen dem erzählten Jetzt und Erinnerungen hin- und herzuspringen und so ein assoziatives Geflecht von Erinnerungen, Sinneseindrücken und Gedanken zu schaffen, das kunstvoll und poetisch ausgearbeitet ist. Darüber hinaus rücken alle Familienmitglieder nah an den Leser heran, da keine ‚fremde‘, dritte Instanz zwischen Figur und Leser steht.

Die Romanstruktur ermöglicht, dass alle Familienmitglieder aus verschiedenen subjektiven Sichtweisen zu unterschiedlichen Zeitpunkten dargestellt werden, ein vielfältiges Bild der Figuration gezeichnet wird und in ihrer kunstvollen Verknüpfung aus Nachts ist es leise in Teheran ein Generationenroman wird. So erscheint der Familienvater Behsad in jeder iranischen Kontextualisierung – sei es aus seiner eigenen Sicht im Abschnitt 1979, bei den Erinnerungen seiner Frau Nahid 1989 an ihre Heimat und auch bei Lalehs Besuch im Iran 1999 – als Held der Revolution, als Märtyrer, während er selbst in Deutschland (ab Kapitel 2) zunehmend sprachlos zu werden scheint. Es gibt kaum Gespräche zwischen den Kindern und ihrem Vater, der sich nicht integriert, sondern die Nähe zum Iran sucht, in dem er nächtelang aufgenommene Radionachrichten über die Lage im Iran hört. Im Laufe des Romans wird klar: Während ihn die Familie in Teheran für einen heldenhaften Märtyrer der Revolution hält, hält er sich selbst für einen Feigling, der ins Exil geflohen ist und damit die Revolution verriet. Jene Haltung spiegelt sich im Verhalten seines Sohnes Mo, der sich 2009 während der Grünen Revolution schuldig fühlt, weil er nicht dabei ist, und erst Erleichterung findet, als er selbst mit seiner kleinen Schwester Tara in Hamburg demonstrieren geht.

Obwohl Nachts ist es leise in Teheran über eine relativ lange Zeitspanne von 30 Jahren erzählt, übernimmt sich Bazyar nicht, denn die vier Abschnitte sind in sich nur Momentaufnahmen der jeweiligen Jahre. Die gewählten Zeitpunkte – vor allem 1979 und 2009 – markieren den Text als Epochenroman über die jüngere iranische Geschichte. Es sind die Schicksalsjahre des Landes, welche die Revolution, die damit einhergehenden gesellschaftlichen Veränderungen und Restriktionen, die langsame Wiederannäherung mit dem Westen und die erneuten Proteste der Grünen Revolution durch die subjektive Wahrnehmung der (Exil-)Iranischen Familie erzählen. Dieser Roman ist vor allem „hochaktuell“, wenn man an das im Januar 2016 geschlossene Atomabkommen und das damit verbundene Versprechen auf „eine neu anbrechende Ära“ und der Hoffnung auf „demokratische Öffnung“ denkt.

Weil dieser Roman so vielschichtig ist, ist er großartig, zeitlos und hat das Potenzial, noch in Jahren über seine jetzige Tagesaktualität hinaus relevant zu sein. Er erzählt eben nicht nur eine Fluchtgeschichte, von Leben im Exil in Deutschland und dem „zwischen den Welten“ der zweiten Generation. Shida Bazyar hat mit Nachts ist es leise in Teheran ein brilliant strukturiertes und poetisches Debüt vorgelegt, das eine Familiengeschichte mit einer sehr lebendigen, facettenreichen Figuration ist. Ganz nebenbei schafft sie es, die Geschichte des Iran zu erzählen und trägt so dazu bei, dass Vorurteile und Klischees, wie sie die Deutschen im Text vorbringen, abgebaut werden können.


Wir danken Kiepenheuer & Witsch für das Rezensionsexemplar.