Zwischen Wedding und Gesundbrunnen: Georg Finks „Mich hungert“

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Mit „Mich hungert“ legt der Berliner Metrolit-Verlag einen Roman auf, der 1929 erstmalig erschien. Am 10. Mai 1933 stand er auf der ersten schwarzen Liste der „schönen Literatur“, die den Nazis als Grundlage für die Bücherverbrennung auf dem Berliner Opernplatz diente. Nach 1945 geriet es in Vergessenheit. Auch wenn es verboten war: wie kann ein Buch, das laut des Vorworts ein nicht nur deutscher, sondern in dreizehn Sprachen übersetzter internationaler Bestseller war, bis ins Jahr 2014 ohne Neuauflage bleiben? Wer die knapp dreihundert Seiten liest, kennt die Antwort: „Mich hungert“ ist schlicht kein literarisches Meisterwerk.

Neben dem Argument, dass der Roman schon bei seiner Ersterscheinung zum Bestseller wurde, begründet der Verlagsleiter Peter Graf die Entscheidung zur Neuauflage in der Vorbemerkung vor allem mit der mysteriösen Identität des Autors Kurt Münzer, der seinerzeit unter dem Pseudonym Georg Fink veröffentlichte, keine Information über seine Person an die Öffentlichkeit dringen ließ und sogar gefälschte fotografische Portraits in den Umlauf brachte, um sein Publikum im Unklaren über sich zu lassen. Das Argument scheint  zu sein: der Text ist auf doppelter Ebene [einerseits durch das „Vergessen“ des Textes über 85 Jahre, andererseits durch den phantomartigen Autor] gelöst vom Autor und wird damit als Zeitzeugnis autonomer und damit authentischer.

Mich hungert inszeniert sich als Erinnerungsroman aus der Ich-Perspektive Theodor Königs, als die Memoiren eines jungen Mannes, der sich seines bisherigen Lebens erinnert. Initiationsmoment ist dabei die erste bewusste Erinnerung: Theodor wird im Alter von 4 Jahren von seinem Vater zum Betteln geschickt, er hält seine Mütze den Passanten entgegen und flüstert „Mich hungert“, um das Mitgefühl zu wecken und die Liebe seines Vaters mit einem ordentlichen Verdienst zu gewinnen. „Mich hungert“ wird zu einer Art musikalischen ‚Thema‘ der Lebensgeschichte des Ichs, das mantraartig wiederholt wird.
Theodor, der Teddy gerufen wird, ist der 1903 geborene, älteste Sohn von Perdita Lachmann und Georg König. Zusammen mit seinen Geschwistern Henriette und Markus lebt er in ärmlichsten Verhältnissen in den Berliner Arbeitervierteln. Vater Georg, der Perdita seinerzeit nur heiratete, weil er sich das das Erbe der Tochter eines reichen jüdischen Müllers versprach, ist Trinker, Schläger und Krimineller, während Teddys Mutter mit allen Mitteln und permanenter Arbeit versucht, die Familie über Wasser zu halten. Und da Theodor mit der Mutter ein besonders enges Band verbindet, beginnt er früh, sie, beispielsweise durch den Verkauf von Tabak aus weggeworfenen Zigarettenstummeln, zu unterstützen und Verantwortung zu übernehmen. Das Ergebnis am Ende des Romans fällt ernüchternd aus : „Ja, mein Bruder ist ein Dieb und meine Schwester eine Hure.“

Theodor hingegen ist gut in der Schule, wird gefördert und erfährt Umgang mit der gutbürgerlichen Familie Falk, die sich ihm annehmen will; aber Theodor verweigert, er sei und bleibe ein Proletarier, der seine Familie nicht im Stich lassen könne. So träumt er von der Musik, die er für das Göttliche in der Welt hält, und schauspielert im Hinterhof. Er macht eine Lehre zum Buchhalter in der Papierfabrik der Falks, bleibt arm, wird aber nicht kriminell.
Volker Weidermanns Urteil in seinem Buch der verbrannten Bücher trifft recht genau den Leseeindruck, den dieser Roman weckt:

Sein Buch ist leider furchtbar. Rührselig. Kitschig. Gut gemeint. […] Es geht nicht recht voran. Nur Leiden, nur Gefühl.

Mich hungert ist eine anstrengende Lektüre, nicht, weil das Buch nur Leid kennt, sondern weil die Schilderung des Leides eindimensional bleibt. Die Ich-Perspektive würde eine vielschichtigere Schilderung des Protagonisten ermöglichen, der – an seinen Lebensumständen unschuldig – auch Wut oder Verzweifelung zeigen könnte. Theodor bleibt aber leider eine flache, blasse Figur. Warum also diese Neuauflage?

Zwischen Wedding und Gesundbrunnen blüht es, und die Armen lächeln.

Kurt Münzers Text ist, eben wie Alfred Döblins im gleichen Jahr erschienenes Berlin Alexanderplatz ein Berlinroman. Ganze Straßenzüge und Viertel werden hier durchstreift, die heute noch besucht werden können und die sich gegenwärtig in hippe Szeneviertel zu gentrifizieren scheinen. Im Hintergrund klingen die „Wilden Zwanziger“ nach, wenn die Theater- und Tänzerbühnen geschildert werden. Die Figurenrede der „Proletarier“ wird in Berliner Dialekt wiedergegeben; kurzum: der Schauplatz ist ein zweiter Protagonist des Buches.

Ja, so arm sind die Armen: sie träumen nicht einmal.

Ganz im Sinne des literarischen Zeitgeistes der zwanziger Jahre ist Mich hungert ein neusachlicher Text, der sich einem detailreichen, realistischen Erzählstil bedient. Die Begründung für diesen Realismus ist plausibel: „Proletarierkinder haben keine Fantasie, sie sind ganz real.“ Und so sind die Wiedergabe des Jargons, der Adressen und der Lebensmittelpreise ein Zeitdokument, das natürlich kein objektiver Bericht, sondern Fiktion ist, aber Spuren der Vergangenheit enthält. In dieser Hinsicht bleibt dieser Roman jedoch nur einer von Vielen, der – um nur ein Beispiel zu nennen – Berlin Alexanderplatz in seiner Detailtreue deutlich unterliegt.

Einzigartiger macht Mich hungert dagegen die Schilderung des Jüdischseins im proletarischen Milieu und des Alltagsantisemitismus im Berlin der Zwanziger Jahre. Es liest sich erschreckend, wie Theodor von seinen Mitschülern und seinem eigenen Vater als „Drecksjud“ beschimpft und ausgeschlossen wird.

Alle sahen mich mit Mutters Augen an. Mit meinen eigenen. In allen war etwas von Mutters Leid, Verbannung, Verstoßung, zu schwere Last, Scham und Angst.

„Ich kenne Gott nicht“, sagt Theodor an einer Stelle, und in die Synagoge geht wahrlich niemand. Aber alles jüdisch konnotierte scheint als Hoffnungsschimmer in der Trostlosigkeit der erzählten Realität: die jüdische Mutter hält schützend die Hand über ihren Sohn und arbeitet sich für ihn buchstäblich zu Tode, die Menschen im jüdischen Scheunenviertel sind dem bettelnden Theodor gegenüber gnädiger als anderswo. Sicher nicht zuletzt deshalb wurde der Roman von den Nazis verbrannt und verboten. Und gerade weil Mich hungert eines der „verbrannten Bücher“ ist, ist es wichtig, dass es neu verlegt und damit wieder leicht zugänglich gemacht wird. Ob dieser Roman im zweiten Anlauf in den Kanon aufgenommen wird, bleibt aufgrund seiner literarischen Durchschnittlichkeit jedoch zweifelhaft.

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