Alle Artikel vonTabitha

Who’s watching? „Die Hochhausspringerin“ von Julia von Lucadou

Höher, schneller, weiter: Im Big Data-Zeitalter ist so gut wie alles messbar. Vom Schritt- und Stockwerkzähler am Handgelenk oder im Smartphone über die Smartwatch, die nicht nur die körperliche Betätigung, sondern auch Puls und Schlafrhythmus dokumentiert, bis zur Auswertung der eigenen ’sozialen Performance‘ in den sozialen Netzwerken über Likes und Shares – der Mensch des 21. Jahrhunderts ist gläsern, vor sich selbst, aber auch vor anderen. Wohin das führen könnte erzählt Julia von Lucadou in ihrem Roman „Die Hochhausspringerin“. Weiterlesen

Dichtung oder Wahrheit? Franziska Hausers „Die Gewitterschwimmerin“

Die diesjährige Longlist zum Deutschen Buchpreis barg kaum Überraschungen. Selten nominierte die Jury so viele Bücher aus den Frühjahrsprogrammen der Verlage, selten hatten so viele der zwanzig Romane von der Kritik so viele Vorschusslorbeeren geerntet: Gleich zwei der nominierten Bücher standen bereits auf der Shortlist zum Preis der Leipziger Buchmesse, Arno Geiger und Angelika Klüssendorf gehörten zu den Feuilletonlieblingen der vergangenen Monate.
Eines der wenigen Longlistbücher, die zum Zeitpunkt der Nominierung zwar schon erschienen waren, aber kaum Beachtung fanden, ist Franziska Hausers Familiensaga „Die Gewitterschwimmerin“. Gehört der Roman wirklich zu den besten Büchern des Jahres? Weiterlesen

Kein Blatt ist unbeschrieben: Mercedes Lauensteins „Blanca“

In jeder Jugend kommt der Punkt, an dem man am liebsten die sieben Sachen packen und von zu Hause weglaufen möchte. Einige verschwinden wirklich für ein paar Stunden, bei anderen bleibt das Ausreißen nur Gedankenspiel. Wenn das Ziel auch individuell variiert – es geht um die Reise, und die ist aufregend, abenteuerlich, alles andere als Alltag.
In Mercedes Lauensteins Roman „Blanca“ ist es die gleichnamige Protagonistin, die ganz allein nach Italien aufbricht: ein literarischer Roadtrip mit Höhen und Tiefen. Weiterlesen

Marina Perezaguas „Hiroshima“: Little Boy, Little Girl

Perezagua-Hiroshima

Der 6. August 1945, an dem „Little Boy“ in die Welt kam, veränderte den Lauf der Geschichte: Die erste militärisch eingesetzte Atombombe, die ein Flieger der US Air Force über Hiroshima abwarf, beendete nicht nur den vorangegangen atomaren Rüstungswettlauf zwischen Nazi-Deutschland und den Alliierten, sondern schlug ein neues, trauriges Kapitel der Kriegsführung auf. „Hiroshima“, der Debütroman der spanischen Autorin Marina Perezagua, erzählt die Geschichte einer Überlebenden. Weiterlesen

Rachel Khongs „Goodbye, Vitamin“: Das Jahr des Vergessens

Khong_Goodbye Vitamin

Die Digitalisierung hat viel mehr verändert als den Medienkonsum und die etablierten Kommunikationsformen: Die örtliche Ungebundenheit und der stetige technische Fortschritt haben auch dazu geführt, dass sich die Lebensmodelle der Generationen auseinander entwickelt haben. War es früher noch üblich, mit Ende zwanzig zu heiraten und mit dem unbefristeten Arbeitsvertrag in der Tasche an der Familienplanung zu feilen, ist es heute die Ungewissheit, die das Leben der Endzwanigergeneration beschäftigt. Denn wer möchte sich schon binden, wenn man potenzielle Partnerinnen und Partner mit einem Swipe nach links oder rechts wie einen Modekatalog durchblättern kann? Wer möchte sich beruflich festlegen, wenn feste Arbeitsverträge die Ausnahme sind, weil niemand sicher ist, welche Jobs morgen gebraucht werden? Dass heute mit dreißig längst nicht alles entschieden ist, sondern das neue Jahrzehnt Anlass zur eigenen Neuerfindung wird, davon erzählt Rachel Khongs Roman „Goodbye Vitamin“. Weiterlesen

„Nach einer wahren Geschichte“: Polanski verfilmt Delphine de Vigan

Von epischen, mehrteiligen Blockbustern wie dem Herrn der Ringe, bei denen ein nicht unbedeutender Teil der Kinobesucher die literarischen Vorlagen wohl nicht gelesen hat, über die deutschsprachigen Bestseller der vergangenen Jahre, darunter „Die Vermessung der Welt“, „Tschick“ oder „In Zeiten des abnehmenden Lichts„: Was sich als Buch verkaufen lässt, verkauft sich auch als Film – oder? Das dachte sich wohl auch Roman Polanski, der mit „Nach einer wahren Geschichte“ nun einen der erfolgreichsten französischen Romane der vergangenen Jahre verfilmt hat. Weiterlesen

Hakan Tezkans „Den Kern schluckt man nicht“: Wie der Vater, so der Sohn?

Der Text, mit dem Hakan Tezkan im Jahr 2015 beim 23. open mike antrat, war mit „Wolf“ übertitelt. Gewonnen haben damals andere, aber entmutigen ließ Tezkan, der am Deutschen Literaturinstitut studierte, sich davon nicht. Nun veröffentlicht er, knapp zweieinhalb Jahre nach seiner Lesung im Heimathafen Neukölln, seinen nur knapp über 100 Seiten kurzen Debütroman „Den Kern schluckt man nicht“ im Elif Verlag. Weiterlesen

Verbotene Liebe? Lisa Kreißlers „Das vergessene Fest“

Der Wald ist eines der bedeutendsten, wenn nicht das zentrale topographische Motiv der deutschen Literaturgeschichte. Von den Brüdern Grimm über Kleist bis zu Gegenwartsautorinnen und -autoren wie Reinhard Kaiser-Mühlecker oder Jovana Reisinger bietet er Raum für Romantik und Idylle, für Archaisches und Mythisches, aber auch für Furcht und Schrecken. In Lisa Kreißlers neuem Roman ist der Wald all dies zugleich. Weiterlesen

Wlada Kolosowas „Fliegende Hunde“: Im russischen Rione

Seit einigen Jahren hat die Gegenwartsliteratur weltweit ein neues Lieblingsmotiv entwickelt: Immer mehr Erfolgsromane erzählen von weiblichen Frauenfreundschaften, irgendwo zwischen tiefster Verbundenheit und immerwährender Rivalität. Bei Ferrante heißen sie Lila und Lenù, bei Zadie Smiths  Roman „Swing Time“ sind es die Ich-Erzählerin und Tracey, „The Mothers“, das grandiose Debüt der Amerikanerin Brit Bennett, das Ende April bei Rowohlt in deutscher Übersetzung erscheinen wird, erzählt von Nadia und Aubrey – bei Wlada Kolosowas Debütroman „Fliegende Hunde“ heißen die Protagonistinnen Lena und Oksana. Weiterlesen

Hans Joachim Schädlichs „Felix und Felka“: Malende Touristen

Künstlerromane liegen seit über 200 Jahren im literarischen Dauertrend: Von Ludwig Tieck über Gottfried Keller, von Émile Zola über Hermann Hesse bis hin zu den Bestsellern unserer Zeit – Kehlmanns „Ich und Kaminski“ oder zuletzt „Max“ von Markus Orths  – schildert die Literatur das Schicksal von bildenden Künstlern, mal umfassend als Bildungsroman, mal ausschnittartig in Fragmenten. Hans Joachim Schädlichs neuer Roman widmet sich nun einem Künstlerpaar: Felix Nussbaum und Felka Platek. Weiterlesen