Alle Artikel vonGerrit

Éric Vuillards »14. Juli«: So viele Berichte, so viele Fragen

Der junge Mann, der dem Leser vom Cover Éric Vuillards neuer Erzählung »14. Juli« mit einer Mischung aus Euphorie und Sorge entgegenschaut, hat seinen eigentlichen Ort auf Eugène Delacroixs klassischen Bild »Die Freiheit führt das Volk«. Bildzentrum ist die Marianne, Zentralsymbol des französischen Staates, doch das Cover richtet den Blick auf den linken äußeren Rand des Bildes, auf dem der Junge zu sehen ist. Mit dem Cover ist das Programm des Textes bereits beschrieben. Denn in »14. Juli« betreibt Éric Vuillard seine Historienprosa weiter und versucht sich an einer Beschreibung der französischen Revolution, die aus der revolutionären Masse wieder Individuen macht. Weiterlesen

Frank Biess‘ „Republik der Angst“: Angst, Angst, Angst sind alle meine Farben

Die „German Angst“ ist ein internationales Phänomen. Die angeblich leichtentzündliche, leicht zu hysterisierende Art der Deutschen hat weltweit von sich Reden gemacht. Grund genug für den Historiker Frank Biess der Deutschen Angst jünger Geschichte eine eigene historische Studie zu widmen, führt sie doch zwei Themen, die gerade en vogue sind, zusammen: Politische Emotionsforschung und die Rückschau auf das westliche Nachkriegsdeutschland. Doch kann man die Geschichte der Bundesrepublik als eine Geschichte der Angst erzählen, ohne Gefahr zu laufen, in allem nur Angst zu erkennen? Es gibt Anlass zum Zweifel. Weiterlesen

Auguste Hauschners „Der Tod des Löwen“: Böhmens Sonne ist im Niedergang

Ein Jahr ist es schon wieder her, da erinnerte sich die europäische, aber vor allem die deutsche Öffentlichkeit an vierhundert Jahre Dreißigjähriger Krieg. Ausgangspunkt wie Zentrum dieses Konflikts war die Stadt Prag, in deren Stadtmauern böhmische protestantische Stände auf katholische Herrscher stießen und aus dem Fenster warfen. Die Gewalt verließ diese Stadt nicht, dreihundert Jahre später war die Stadt schon wieder zu klein für zwei geworden: dieses Mal für Tschechen und Habsburgerdeutsche. Wer in die Geschichte Prags schaut, der entdeckt eine unruhige Stadt – das gilt auch für „Der Tod des Löwen“ von Auguste Hauschner. Weiterlesen

Oskar Panizzas „Menschenfabrik“: What would Hegel do?

Wenn es eine Mauer gab, Oskar Panizza ist kopfvorwärts in sie hineingelaufen. Der große Solitär der deutschsprachigen Literatur legte sich sympathischerweise mit den größten Autoritäten seiner Zeit an, was ihm Gefängniszeit und mehrere Exile einbrachte. Aus Bayern stammend kam Panizza in seinem Leben nirgendwo so richtig an, auch nicht im Kanon der deutschen Klassiker. Er blieb im Leben und in der Literatur Exot. Dass er endlich dem Status des Geheimtipps entrissen wird, dazu könnten auch Publikationen wie jene bei HoCa beitragen, so unsystematisch, willkürlich und kontextlos sie auch daherkommen mag. Dort ist nun nämlich Panizzas Erzählung „Die Menschenfabrik“ (entnommen aus dem Band „Dämmerungsstücke“) erschienen. Weiterlesen

Hans Dieter Zimmermanns „Theodor Fontane“: Der Romancier des diesjährigen Jubiläums

Er gilt als literarischer Spiegel Preußens“ heißt es am Anfang des Wikipedia-Eintrags zu Theodor Fontane, weshalb überall in hastig zusammenkopierten Texten zu Fontane im Internet die missglückte Formulierung auftaucht. Zum Spiegel Preußens macht Hans Dieter Zimmermann, dessen neue Fontane-Biographie nun pünktlich zu Fontys 100. Jahrestag erschienen ist, nicht, aber zumindest zu dessen Romancier. Doch was bedeutet eigentlich „Preußens Romancier“? Preußens wichtigster Romancier? Preußens Staatsromancier? Preußens einziger Romancier? Einen richtig innovativen Gedanken kriegt die Biographie nicht zu fassen und so liest sie sich wie ein Werk, das halt zum hundertsten Jahrestag irgendwie geschrieben werden musste. Weiterlesen

Olga Tokarczuks „Unrast“: Wer rastet, der rostet

Ein ungewöhnlicher Vorgang: Da wird 2009 ein Buch bei Schöffling publiziert, bekommt gute Kritiken, Iris Radisch schreibt in der ZEIT darüber, dann fällt es wieder der Vergessenheit anheim und rund zehn Jahre später veröffentlicht es der Kampa Verlag noch einmal – weitgehend unverändert, zumindest lässt der Verlag nichts Gegenteiliges verlautbaren. Zwar ist der Kampa Verlag ein junger Verlag und Programmplätze müssen irgendwie gefüllt werden, trotzdem geht diese Vorgehensweise quer zu jedem heiligen Gesetz eines Buchmarktes, der immer nach dem neusten Hit giert. Sollte man Kampa daher loben, dass er sich dem schnellen Takt der zweijährlichen Publikationswellen – ein bisschen – entgegenstellt? Zumindest ist „Unrast“ ein Buch, das einen zweiten Blick verdient. Weiterlesen

Isabelle Lehns „Frühlingserwachen“: Die Autofiktion wird erwachsen

Das Leben ist gut – solange wir es nicht daran messen, wie wir es uns vorgestellt haben. Isabelle Lehn schreibt über eine Frau namens Isabelle Lehn. Poetisch, selbstironisch und umwerfend offen.“ So lautet die kurze und knappe Verlagsankündigung zu Isabelle Lehns neuem Buch „Frühlingserwachen“. „Isabelle Lehn schreibt über eine Frau namens Isabelle Lehn“ klingt erst mal kryptischer als es sein müsste. Bei anderen Verlagen hieße es an dieser Stelle schließlich irgendwas von schonungslosem Einblick in das Leben der Autorin. Bei Knausgård sprach der Verlag von „radikaler Ehrlichkeit“. Wozu also diese distanzierende Formulierung? Und wer ist diese Isabelle Lehn, von der Isabelle Lehn erzählt? Weiterlesen

Harald Jähners „Wolfszeit“: „Werden die Deutschen wieder frech?“

Die deutsche Gesellschaft entdeckt gerade ihre Vergangenheit neu. Kaum eine Woche vergeht, in der nicht irgendeine Serie, ein Spielfilm, ein Roman den Blick in die erste Hälfte des 20. Jahrhunderts richtet. Das nimmt dann mal so schlimme Züge wie bei „Stella“ oder „Werk ohne Autor“ an, mal geht es so biedermeierlich zu wie bei den „Kudamm“-Staffeln oder „Babylon Berlin“. Gerade die Weimarer Zeit wird gerne als die zentrale Chiffre für Krisenzeiten und gleichzeitige ekstatische gesellschaftliche Zustände herbeizitiert. Dagegen galt die BRD bislang als Insel der seligen Stabilität. Ein Bild, das nach und nach revidiert wird. Weiterlesen

Anna Giens & Marlene Starks „M“: Mit dem Strapon in die Welt schlagen

Ist Berlin-Neukölln der eigentliche Mittelpunkt Deutschlands? Kaum eine Woche vergeht, in der man nicht irgendetwas über den ehemaligen Arbeiter- und Migrantenbezirk Westberlins hört. Mal wird er als das neuste Beispiel einer voranschreitenden Gentrifizierung deutscher Innenstadtbezirke angeführt, mal ist er der Hort der hippen, digitalen Boheme und dann ist er immer wieder auch der Ort, an dem sich Deutschlands Kampf gegen kriminelle Clans entscheiden soll. Vermutlich ist Neukölln auch der einzige Ort, in dem man auf der niedrigschwelligen Ebene des Bezirksbürgermeisters bundesweite Prominenz erreichen kann. Im Herzen der jungen Berlinliteratur hat der Bezirk schon seit langem einen festen Platz und so streift auch die Ich-Erzählerin in „M“, dem Debütroman der Autorinnen Anna Gien und Marlene Stark, durch das Neuköllner Nachtleben. Weiterlesen

Kenah Cusanits „Babel“: Jenga!

Zu allen Zeiten war Babylon Projektionsfläche. Seit den biblischen Erzählungen vom israelitischen Exil und dem Turmbau zu Babel hat sich das Zentrum des Zweistromlandes tief ins kulturelle Gedächtnis der drei monotheistischen Religionen und deren Einflussregionen gebrannt. Bis jetzt hält sich der Mythos Babylon, wie neuere deutsche Serienproduktionen beweist. Jede Gesellschaft, jedes Jahrhundert scheint den Ort am Euphrat für sich neu zu entdecken und so legt sich kulturelle Schicht über Schicht. Wie man diese wieder abtragen kann, davon erzählt Kenah Cusanit in ihrem Debütroman „Babel“. Weiterlesen