Benjamin von Stuckrad-Barres „Ich glaub, mir geht’s nicht so gut, ich muss mich mal irgendwo hinlegen“: Die Welt von Gestern

Mit „Panikherz“ ist Benjamin von Stuckrad-Barre eigentlich in eine neue Werkphase eingestiegen. Er war Popstar, Jungschriftsteller, TV-Talker, Feuilletonist, Drogenabhängiger – und dann musste der Stuckrad-Barre-Zug irgendwann die Notbremse ziehen. Lebenswandel, Drogenentzug, Selbsterforschung: Das Ergebnis war „Panikherz“, das nicht nur Seelenstriptease, sondern auch Epochenwandel sein sollte. Stuckrad-Barre, der wie kaum ein anderer für das kulturelle Klima der späten 90er/frühen Nullerjahre stand, beendete die große Zeit der Ironiker. Es hieß nun Thomas Gottschalk statt Harald Schmidt, Udo Lindenberg statt Oasis. Den literarischen Wert von „Panikherz“ kann man in Frage stellen, kulturhistorisch war es höchst interessant. Was nun jedoch mit „Ich glaub, mir geht’s nicht so gut, ich muss mich mal irgendwo hinlegen“ aus den letzten Jahren hinterherschwappt, zeigt wie schnell das Werk Stuckrad-Barres gealtert ist.

Die Protagonisten dieser Sammlung kürzerer Feuilletons der letzten Jahre sind Boris Becker, Christian Ulmen oder Florian Henckel von Donnersmarck, mit denen er sich meist trifft oder sie begleitet. Mit Becker („Ganz wichtig jetzt: ihn siezen! Herr Becker! Nicht du, Boris, du. Das tut gut.“) schaut er noch mal das entscheidende Wimbledon-Spiel, Florian Henckel von Donnersmarck hat grad die Chance auf eine internationale Karriere mit „The Tourist“ in den Sand gesetzt. Andere Situationen zeigen ihn selbst während der Fußball-WM 2010 oder aber bei einem Madonna-Konzert: „Als Heterosexueller beim Madonna-Konzert, das ist natürlich eine einsame Angelegenheit.“

BB: Ich berühre fast seine Schulter, aber er dreht sich weg. Dem Gegner nicht ausweichen, das ist wichtig.

Was alle Geschichten verbindet, ist Stuckrad-Barres Stellung als privilegierter Beobachter, der das Geschehen immer – so die Behauptung – besonders gut überblickt und schmissig auf eine Formel bringen kann. Dazu gehört natürlich auch ein privilegierter Zugang zu gewissen Orten, wie dem Verlegerbüro von Helge Malchow im KiWi-Gebäude: „Blick nach links auf die Bahnhofsuhr, geradeaus auf das Gotteshaus: Was und wem die Stunde schlägt – Verleger Machow muss nur aus dem Fenster gucken.“ Der Autor nimmt den Leser in diesen Texten einmal mit durch alle kulturellen Epizentren.

Mit Rainald Goetz jedenfalls war man ja immer abwechselnd verstritten oder verliebt ineinander […]

Anderes wiederum ist eher literarischer Natur, so z.B. das kleine Dramolett, das er in einer Kulturredaktion aufführen lässt, die händeringend nach einem Aufmacher für die nächsten Tage sucht und wenig kreativ beim 80. Geburtstag Thomas Bernhards landet, nur um sich zu scheuen, auf die noch naheliegendere Idee zu kommen, darüber mit Claus Peymann zu sprechen: „Der Ressortleiter: … was haben wir noch? So langweilig wie euer Angebot kann die Welt doch gar nicht sein. Ihr müsst mehr rausgehen!“ In einem der letzten Texte räumt Stuckrad-Barre schließlich ganz das Feld und lässt Harald Schmidt eine Pointen-Stalinorgel über das vergangene Jahr ergehen.

Ob mein Nachbar die Schweinegrippe hat, weiß ich nicht […]

Die Qualität der einzelnen Texte schwankt natürlicherweise, doch was schon auffallend ist, dass kein so richtig glänzender dabei ist, was vielleicht daran liegt, dass die meisten dieser Texte aus einer merkwürdigen Zwischenzeit stammen, in der sich Stuckrad-Barre weder der arschcoolen Ironie der frühen Tage, noch seinem neugewonnen Enthusiasmus hingeben möchte, den er in „Panikherz“ gefunden hat. Stattdessen ist ihm vieles irgendwie wurscht: „Man kapiert bloß diesen neuen Film irgendwie nicht, aber das ist ja nicht weiter schlimm, hat Donnersmarck doch längst bewiesen, wozu er in der Lage ist.“ Doch da die literarische wie feuilletonistische Qualität oft fehlt, lässt sich auch die Relevanz vieler Texte nicht mehr erkennen.

So zum Beispiel, wenn er den TV-Pastor und professionellen Quacksalber Jürgen Fliege besucht, nachdem der grade aus einer Markus Lanz-Folge gemobbt wurde, in der sich Jutta von Dittfurth und Hellmuth Karasek über dessen Heilwässerchen lustig machen. Davon abgesehen, dass Stuckrad-Barre in dem kurzen Stück weder der Person Jürgen Fliege, noch dem Prinzip des Bildschirm-Geistlichen nur ein Stück näherkommt, auch muss der Leser von heute einiges an Konzessionen ausstellen, um das noch relevant zu finden. Dass die meisten hier versammelten Stücke einige Jahre zurückliegen: Geschenkt. Aber die beschriebene Episode war damals schon kaum ein müdes Gähnen wert, heute steht man davor wie vor einem vorantiken Artefakt, dessen Zeichen man nicht erkennt.

Fliege lügt! Tue er aber gar nicht. Er müsse sich am Markt orientieren, in der Spiritualität regiere, wie überall, der Markt, und Kirche sei ein Anbieter.

Das Problem von „Ich glaub, mir geht’s nicht so gut, ich muss mich mal irgendwo hinlegen“ (ein Titel, der schon selbstentlarvend ist, denn auch solch ewig langen und bemühten Titel sind auch irgendwann zwischen erster und vierter Merkel-Amtszeit ausgestorben) ist nicht das Alter, der Texte, die versammelt sind. Das Problem ist viel mehr, dass sie damals schon nicht gestochen haben und heute wie die Welt von Gestern wirken, eine fahle Erinnerung an eine Zeit, in der es noch funktioniert hat, sich über Spießer im Urlaub lustig zu machen („Welches Gericht wollen Sie zu Hause unbedingt mal nachkochen“.) Doch die Spießer haben mittlerweile die Sonnencreme aus der Hand genommen und mit dem „Merkel muss weg!“-Transparent ausgetauscht. Und so gibt es vielleicht doch einen Grund dieses Buch zu lesen: Es erinnert einen schmerzhaft daran, wie viel einen mittlerweile von der Welt von Gestern trennt.


Wir danken KiWi für das Rezensionsexemplar.