Alfred Bratts „Die Welt ohne Hunger“: Mit Maggi zum Weltfrieden

Das 20. Jahrhundert war das Jahrhundert der Masse. Mit dem Aufstieg des Industrieproletariats und der damit einhergehenden Urbanisierung gab es plötzlich eine gesellschaftliche Gruppe, die sich durch ihren sozialen Status als homogene Masse verstand und gleichzeitig das Produkt und Beförderer der Moderne wurde. Je mehr sich der Arbeiter als politisches Subjekt verstand, desto entschlossener brachte er seine Forderung vor. Gleichzeitig erkannte das 20. Jahrhundert, z.B. Canetti in seinem „Masse und Macht“, das gefährliche Potenzial, das ihnen inne liegt. Die Masse ist entzündlich, hoch emotional und verführbar. Damit die Masse nicht zu Fackel und Heugabel greift, musste das 20. Jahrhundert vor allem Antworten auf die verschärften Verteilungsfragen finden. Auch davon erzählt „Die Welt ohne Hunger“ von Alfred Bratt, das 1916 zum ersten Mal erschien und nun in der edition atelier neuaufgelegt wurde. Weiterlesen

Dichtung oder Wahrheit? Franziska Hausers „Die Gewitterschwimmerin“

Die diesjährige Longlist zum Deutschen Buchpreis barg kaum Überraschungen. Selten nominierte die Jury so viele Bücher aus den Frühjahrsprogrammen der Verlage, selten hatten so viele der zwanzig Romane von der Kritik so viele Vorschusslorbeeren geerntet: Gleich zwei der nominierten Bücher standen bereits auf der Shortlist zum Preis der Leipziger Buchmesse, Arno Geiger und Angelika Klüssendorf gehörten zu den Feuilletonlieblingen der vergangenen Monate.
Eines der wenigen Longlistbücher, die zum Zeitpunkt der Nominierung zwar schon erschienen waren, aber kaum Beachtung fanden, ist Franziska Hausers Familiensaga „Die Gewitterschwimmerin“. Gehört der Roman wirklich zu den besten Büchern des Jahres? Weiterlesen

Kein Blatt ist unbeschrieben: Mercedes Lauensteins „Blanca“

In jeder Jugend kommt der Punkt, an dem man am liebsten die sieben Sachen packen und von zu Hause weglaufen möchte. Einige verschwinden wirklich für ein paar Stunden, bei anderen bleibt das Ausreißen nur Gedankenspiel. Wenn das Ziel auch individuell variiert – es geht um die Reise, und die ist aufregend, abenteuerlich, alles andere als Alltag.
In Mercedes Lauensteins Roman „Blanca“ ist es die gleichnamige Protagonistin, die ganz allein nach Italien aufbricht: ein literarischer Roadtrip mit Höhen und Tiefen. Weiterlesen

David Lynchs/Kristine McKennas „Traumwelten: Bürgermeister von Fear City

David Lynch als vielseitig begabt zu beschreiben, wäre eine hanebüchene Untertreibung. Er ist Filme- und Serienmacher, Musiker, Schriftsteller, Geschäftsmann, bildender Künstler und spiritueller Führer. Obwohl die bildende Kunst seine erste Liebe war und er sich – so scheint es – dieser Leidenschaft mit zunehmenden Alter wieder mehr widmet, hat sich Lynch spätestens mit „Twin Peaks“ in das Herz der popkulturinteressierten Masse hineingedreht. Lynch, der mittlerweile 72 Jahre alt ist, ist in der letzten Lebens- und Werkphase angekommen. Klassischerweise ist das die Zeit, in der man Bilanz zieht. Das hat er nun in „Traumwelten“ getan, das – alles andere wäre höchst verwunderlich – auch aus der klassischen Form fällt. Weiterlesen

Ulrike Mosers „Schwindsucht“: Die Krankheit mit den vielen Namen

Krankheiten gibt es viele. Manche sind so alltäglich, dass sie vom Menschen stoisch ertragen werden, andere sind so besonders und selten, dass sie kaum ins öffentliche Bewusstsein gelangen. Und dann gibt es Krankheiten, die so verheerend sind und Gesellschaften radikal prägen, dass sie zu einem Zeitzeichen werden. Einst war es die Pest, die ganze Landstriche leerfegte, jüngst war es HIV, der Virus, der zu einem Umschlagpunkt einer sich sexuell-befreienden Gesellschaft gedeutet wurde. Krankheiten prägen den Menschen nicht nur auf basale Weise in seiner körperlichen Verfasstheit, sie prägen auch wie Gesellschaften über sich selbst nachdenken, wie Ulrike Moser in ihrem Buch „Schwindsucht“ darzustellen versucht. Weiterlesen

Marina Perezaguas „Hiroshima“: Little Boy, Little Girl

Perezagua-Hiroshima

Der 6. August 1945, an dem „Little Boy“ in die Welt kam, veränderte den Lauf der Geschichte: Die erste militärisch eingesetzte Atombombe, die ein Flieger der US Air Force über Hiroshima abwarf, beendete nicht nur den vorangegangen atomaren Rüstungswettlauf zwischen Nazi-Deutschland und den Alliierten, sondern schlug ein neues, trauriges Kapitel der Kriegsführung auf. „Hiroshima“, der Debütroman der spanischen Autorin Marina Perezagua, erzählt die Geschichte einer Überlebenden. Weiterlesen

Gabriele Tergits „Etwas Seltenes überhaupt“: „Wunderbar, nicht?“

Ähnlich wie Irmgard Keun oder Vicky Baum musste Gabriele Tergit erst in Vergessenheit geraten, um schließlich wiederentdeckt werden zu können. Tergit, die eigentlich Elise Reifenberg hieß, gehörte zu ihrer Zeit zur Berliner intellektuellen High Society. Sie publizierte im Berliner Tageblatt, das zum damals einflussreichen Mosse-Verlag gehörte, sie war bekannt mit den Größen der deutschsprachigen Literatur. Der Weg ins Exil war schließlich nicht nur ihrem kritischen Geist, sondern auch ihren Judentum geschuldet, das sie über Umwege nach Israel, dann schließlich nach London führte. Trotz einiger Besuche ist Tergit nach dem Krieg nie wieder in Deutschland heimisch geworden. Nun bemüht sich der Schöffling & Co. Verlag zumindest darum, dass ihr Werk wieder einen Platz in Deutschland findet. Weiterlesen

Rachel Khongs „Goodbye, Vitamin“: Das Jahr des Vergessens

Khong_Goodbye Vitamin

Die Digitalisierung hat viel mehr verändert als den Medienkonsum und die etablierten Kommunikationsformen: Die örtliche Ungebundenheit und der stetige technische Fortschritt haben auch dazu geführt, dass sich die Lebensmodelle der Generationen auseinander entwickelt haben. War es früher noch üblich, mit Ende zwanzig zu heiraten und mit dem unbefristeten Arbeitsvertrag in der Tasche an der Familienplanung zu feilen, ist es heute die Ungewissheit, die das Leben der Endzwanigergeneration beschäftigt. Denn wer möchte sich schon binden, wenn man potenzielle Partnerinnen und Partner mit einem Swipe nach links oder rechts wie einen Modekatalog durchblättern kann? Wer möchte sich beruflich festlegen, wenn feste Arbeitsverträge die Ausnahme sind, weil niemand sicher ist, welche Jobs morgen gebraucht werden? Dass heute mit dreißig längst nicht alles entschieden ist, sondern das neue Jahrzehnt Anlass zur eigenen Neuerfindung wird, davon erzählt Rachel Khongs Roman „Goodbye Vitamin“. Weiterlesen

Alexander Schimmelbuschs „Hochdeutschland“: „This is not an exit.“

Wohin treibt der Neoliberalismus? Und wohin reißt er die Gesellschaft mit sich? Hinter dem Zusammenbrechen der nahöstlichen Nicht-Ordnung der Nachkriegsära und den daraus resultierenden Fluchtbewegungen ist fast in Vergessen geraten, dass in den frühen Zehnerjahren ein ganz anderes Problem die meisten Gesellschaften vor eine existenzielle Bewährungsprobe stellte: ein heiß gelaufener Finanzkapitalismus. Wer die verheerende Wirkung dieses Finanzcrashs und die verfehlte politische Reaktion darauf besichtigen möchte, sollte beim nächsten Griechenlandurlaub mal einen kurzen Zwischenaufenthalt in den Außenbezirken Athens und Thessalonikis einplanen. Doch die nächste Krise ließ nicht lange auf sich warten und so atmeten New York, London und Frankfurt auf: Es darf wieder auf den Putz gehauen werden. Weiterlesen

Robert Seethalers „Das Feld“: Der Mensch ist ein Mensch ist ein Mensch

Der Tod ist der Literatur kein Unbekannter. Gestorben wird eh dauernd, genauso wie getrauert. Weil die Literatur das Reich der Fiktion ist, so sehr sich die Autobiographisten auch dagegen wehren, kennt die Literatur auch Tote, die nicht zum Schweigen gebracht werden. Zuletzt sorgte der Totentanz des großen amerikanischen Schriftstellers George Saunders, „Lincoln in the Bardo“, für Aufsehen, der damit direkt den Man Booker Prize gewann. Saunders erzählte von Präsident Lincoln, der am Grab seines Sohnes trauert und um den sich eine ganze Gesellschaft Toter schart, die von ihrem Schicksal kündet. In „Lincoln in the Bardo“ wird daraus eine kluge Geschichte über ein amerikanisches Trauma und wie eine Gesellschaft sich darum formiert. Weiterlesen