Kategorie: Gegenwartsliteratur

Katerina Poladjans »Hier sind Löwen«: Dark Side of the Moon

Die Weltliteratur ist voller Bücher über Büchermenschen: Schriftstellerinnen, Bibliothekarinnen, Archivarinnen, Literaturwissenschaftlerinnen, Buchhändlerinnen. Meist tritt Literatur dann in Selbstreflexion und überdenkt ihre inneren wie äußeren Umstände. Daraus kann ganz große Literatur wie zum Beispiel bei Canettis »Die Blendung« werden oder es wird so anstrengend wie wenn Thomas Mann über Goethe schreibt. Buchrestauratorinnen sind jedoch selten dabei. In »Hier sind Löwen« von Katerina Poladjan tritt genau eine solche Figur aufs Tableau. Weiterlesen

Jaroslav Rudiš »Winterbergs letzte Reise«: Lonely Planet Kakanien

Mittel- und Osteuropa ist ein topographischer Raum, der über Jahrhunderte in deutscher Sprache verzeichnet wurde. Gerade Tschechien bzw. Böhmen schien seit der Herrschaft der Habsburger geradezu deutsches Kernland, obwohl das Deutsche eher Sache der ständischen Eliten war. Mit der Gewalt, mit der Deutsche und Österreicher das 20. Jahrhundert überzogen, zerrissen sie die Bande, die Europa mit ihrer Sprache überzogen. Zurück blieb die Erinnerung an einen deutsch-kakanischen Sprachraum, von dem »Winterbergs letzte Reise« erzäht. Weiterlesen

Sibylle Bergs »GRM«: »Wohlstand für viele und Elend für die Low Performer«

Kaum ein Buch wurde in diesem Jahr so stark antizipiert und dann auch so frenetisch durchgejubelt wie der neueste Roman von Sybille Berg, »GRM«. Das mag am Text liegen, es liegt aber sicherlich auch an der Person Bergs, die in der öffentlichen Wahrnehmung als ähnlich lässige Rebellin gilt wie eine Virginie Despentes – und das obwohl sie sich mit SPIEGEL Online und Jan Böhmermann eingelassen hat. Sibylle Berg ist überall: Kolumnistin, Theaterregisseurin, Schriftstellerin. Vielleicht prädestiniert sie auch das dafür nun mit »GRM« einen Text vorzulegen, der sich in das Herz der Finsternis unserer Gegenwart hineinwagt. Weiterlesen

Am Weltenrand: Helene Bukowskis „Milchzähne“

Postapokalyptische Romane kommen eigentlich nie aus der Mode, und trotzdem könnte man meinen, es erscheinen immer dann besonders viele neue dystopische Endzeit-Texte, wenn Zeitgeist und Gesellschaft verunsichert sind, sich in ihren Grundfesten bedroht fühlen. Dass gerade die Deutschen mit ihrer ‚German Angst‘ als besonders nervös gelten, hat unlängst Frank Biess in seiner Studie „Republik der Angst“ gezeigt, und so überrascht es kaum, dass gerade in den letzten Monaten einige Postapokalypsen den deutschsprachigen Literaturmarkt prägen. Nach Juan S. Guses Roman „Miami Punk“ kommt „Milchzähne“, der Debütroman von Helene Bukowski, mit seinen 250 Seiten fast schmal daher – und entfaltet ein postapokalyptisch-feministisches literarisches Endzeitgewitter, das sich sehen lassen kann. Weiterlesen

Éric Vuillards »14. Juli«: So viele Berichte, so viele Fragen

Der junge Mann, der dem Leser vom Cover Éric Vuillards neuer Erzählung »14. Juli« mit einer Mischung aus Euphorie und Sorge entgegenschaut, hat seinen eigentlichen Ort auf Eugène Delacroixs klassischen Bild »Die Freiheit führt das Volk«. Bildzentrum ist die Marianne, Zentralsymbol des französischen Staates, doch das Cover richtet den Blick auf den linken äußeren Rand des Bildes, auf dem der Junge zu sehen ist. Mit dem Cover ist das Programm des Textes bereits beschrieben. Denn in »14. Juli« betreibt Éric Vuillard seine Historienprosa weiter und versucht sich an einer Beschreibung der französischen Revolution, die aus der revolutionären Masse wieder Individuen macht. Weiterlesen

Heimat Babylon: Aura Xilonens „Gringo Champ“

Die soziokulturellen Konzepte von Heimat und Leitkultur scheinen überholt. Zu konformistisch, zu konservativ kommen die Begriffe daher, haben in den letzten Monaten einen faden, völkischen Beigeschmack entwickelt. Unlängst erschienene und viel diskutierte Bücher wie Max Czolleks „Desintegriert euch!“ oder der Sammelband „Eure Heimat ist unser Albtraum“, der gleich nach dem Erscheinen vergriffen war, zeugen davon. Was literarisch erwachsen kann, zeigt ausgerechnet eine junge Mexikanerin in ihrem Debütroman, der nun in einer sensationellen deutschsprachigen Übersetzung von Susanne Lange bei Hanser erschienen ist. Weiterlesen

Olga Tokarczuks „Unrast“: Wer rastet, der rostet

Ein ungewöhnlicher Vorgang: Da wird 2009 ein Buch bei Schöffling publiziert, bekommt gute Kritiken, Iris Radisch schreibt in der ZEIT darüber, dann fällt es wieder der Vergessenheit anheim und rund zehn Jahre später veröffentlicht es der Kampa Verlag noch einmal – weitgehend unverändert, zumindest lässt der Verlag nichts Gegenteiliges verlautbaren. Zwar ist der Kampa Verlag ein junger Verlag und Programmplätze müssen irgendwie gefüllt werden, trotzdem geht diese Vorgehensweise quer zu jedem heiligen Gesetz eines Buchmarktes, der immer nach dem neusten Hit giert. Sollte man Kampa daher loben, dass er sich dem schnellen Takt der zweijährlichen Publikationswellen – ein bisschen – entgegenstellt? Zumindest ist „Unrast“ ein Buch, das einen zweiten Blick verdient. Weiterlesen

Isabelle Lehns „Frühlingserwachen“: Die Autofiktion wird erwachsen

Das Leben ist gut – solange wir es nicht daran messen, wie wir es uns vorgestellt haben. Isabelle Lehn schreibt über eine Frau namens Isabelle Lehn. Poetisch, selbstironisch und umwerfend offen.“ So lautet die kurze und knappe Verlagsankündigung zu Isabelle Lehns neuem Buch „Frühlingserwachen“. „Isabelle Lehn schreibt über eine Frau namens Isabelle Lehn“ klingt erst mal kryptischer als es sein müsste. Bei anderen Verlagen hieße es an dieser Stelle schließlich irgendwas von schonungslosem Einblick in das Leben der Autorin. Bei Knausgård sprach der Verlag von „radikaler Ehrlichkeit“. Wozu also diese distanzierende Formulierung? Und wer ist diese Isabelle Lehn, von der Isabelle Lehn erzählt? Weiterlesen

Marie Darrieussecqs „Unser Leben in den Wäldern“: Auge um Auge

Der Wald ist – wie schon öfter an dieser Stelle beobachtet – eine der zentralen Topographien der deutschsprachigen Literatur: mal magisch-romantisch, mal schaurig-grausam, meist ein Ort der Einsamkeit, selten jedoch Schauplatz von Zukunftsszenarien. Anders bei Marie Darrieusecq: In ihrem neuen dystopischen Roman „Unser Leben in den Wäldern“ wird der Wald Rückzugsraum für diejenigen, die sich von der Gesellschaft lossagen und dem herrschenden System zu entkommen versuchen. Weiterlesen

Anna Giens & Marlene Starks „M“: Mit dem Strapon in die Welt schlagen

Ist Berlin-Neukölln der eigentliche Mittelpunkt Deutschlands? Kaum eine Woche vergeht, in der man nicht irgendetwas über den ehemaligen Arbeiter- und Migrantenbezirk Westberlins hört. Mal wird er als das neuste Beispiel einer voranschreitenden Gentrifizierung deutscher Innenstadtbezirke angeführt, mal ist er der Hort der hippen, digitalen Boheme und dann ist er immer wieder auch der Ort, an dem sich Deutschlands Kampf gegen kriminelle Clans entscheiden soll. Vermutlich ist Neukölln auch der einzige Ort, in dem man auf der niedrigschwelligen Ebene des Bezirksbürgermeisters bundesweite Prominenz erreichen kann. Im Herzen der jungen Berlinliteratur hat der Bezirk schon seit langem einen festen Platz und so streift auch die Ich-Erzählerin in „M“, dem Debütroman der Autorinnen Anna Gien und Marlene Stark, durch das Neuköllner Nachtleben. Weiterlesen