Kategorie: Rezensionen

Michail Bulgakows „Die weiße Garde“: Die Epochen-Turbine

Es gibt eine Handvoll Romane, die das Tor zur Moderne ganz weit aufgerissen haben: Romane wie „Berlin Alexanderplatz“ von Döblin, „Ulysses“ von Joyce oder „Mrs. Dalloway“ von Virginia Woolf. Sie alle eint, dass sie die Art, wie Gesellschaften ihre Realität wahrnehmen grundsätzlich in Frage stellen, dass sie Abbildbarkeit anders denken und dass sie sich von einem Erzähler verabschieden, der von der kühlen Distanz seines auktorialen Feldherrenhügels aus erzählt. Zwar entwickeln sich neue Literaturformen nie über Nacht und Ansätze dieser Verschiebungen lassen sich immer schon früher entdecken, dennoch strahlen diese Romane etwas Epochemachendes aus. Weiterlesen

‚Sei doch nicht gleich so hysterisch‘: Katharina Adlers „Ida“

Die Couch von Dr. Sigmund Freud gehört als Symbol der Psychoanalyse zum festen Interieur des 20. Jahrhunderts. Ziel der Therapie bei Freud ist es, die Lebensgeschichte des zu Behandelnden zu vervollständigen, eventuelle Lücken oder Widersprüche, die nach Freud ein möglicher Grund für die Symptome sein können, aufzulösen. Eine seiner prominentesten Patientinnen, Ida – besser bekannt als Dora –, bricht die ‚Redekur‘ im Jahr 1900 nach knapp drei Monaten vorzeitig ab. Katharina Adler hat sich nun Freuds Therapiemodell zum Vorbild genommen und die Lebensgeschichte von Ida Bauer, ihrer Urgroßmutter, in ihrem Debütroman vervollständigt. Weiterlesen

Elias Canetti: „Ich erwarte von Ihnen viel“ – Briefe 1932-1994: „I whish I had a god whom I could thank for this.“

Elias Canetti war eine historische Anomalie. Als einer der wenigen überlebte er als jemand die Schrecken des Zweiten Weltkriegs, der im Wien der Vor- und Zwischenkriegszeiten mit Persönlichkeiten wie Karl Kraus oder Hermann Broch verkehrte und lebte noch lange genug, um den Wiederaufbau des Westens und schließlich den Fall des Eisernen Vorhangs zu erleben. Canetti war eine Brückengestalt, der wie ein Phantom einer verlorengegangenen Kultur weiterlebte. Canetti hätte mit seiner Möglichkeit, vom Davor zu künden, eine der zentrale Gestalten der Nachkriegszeiten werden können, ein Elder Statesman unter den Literaten. Stattdessen zwang ihn das Leben und er selbst sich in die Isolation. Wie er jeder Öffentlichkeit aus dem Weg ging, davon kündet nun ein neuer Briefband, der – von Sven Hanuschek und Kristian Wachinger herausgegeben – jüngst im Hanser Verlag erschienen ist. Weiterlesen

Delphine de Vigans „Loyalitäten“: Wer vom Ich sprechen kann

Die französische Schriftstellerin Delphine de Vigan ist mit Romanen bekannt geworden, die gemeinhin als autobiografisch gelten: Von „Das Lächeln meiner Mutter“ bis zu ihrem verfilmten Bestseller „Nach einer wahren Geschichte“ – ihre Romane tangieren durch die Parallelen zwischen ihrem Lebenslauf und denen ihrer Figuren immer auch den Authentizitätsdiskurs der Gegenwartsliteratur. Als Frau ist sie dabei neben ihren männlichen Kollegen Knausgård, Glavinic oder Meyerhoff die Ausnahme und beinahe die einzige Autorin, die über authentisches Erzählen mit explizit weiblicher Erzählstimme nachdenkt. In ihrem neuen Roman „Loyalitäten“ nimmt de Vigan gleich vier Erzählperspektiven ein. Weiterlesen

Steffen Menschings „Schermanns Augen“: In diesem Lager ist das 20. Jahrhundert inhaftiert

Das Projekt, das 20. Jahrhundert zu erzählen, war auch immer ein Projekt, Räume zu erzählen. Die krisengeschüttelte Gesellschaft der Jahrhundertwende war eine Gesellschaft des Sanatoriums, das wie im „Zauberberg“ in Agonie liegend, der sicheren Katastrophe entgegensah. Die Poststrukturalisten, allen voran Michel Foucault, erkannten dann das Gefängnis als den zentralen Ort, an dem die Repressions- und Disziplinarkräfte einer modernen Gesellschaft offenbar werden. Ein weiterer zentraler Ort des 20. Jahrhundert ist das Lager, das seine Verwandtschaft zum Gefängnis aufweist, aber eine ganz eigene Erzähltradition begründete. In diese Erzähltradition stellt sich nun auch Steffen Menschings „Schermanns Augen“. Weiterlesen

Schrei nach Liebe? Lukas Rietzschels „Mit der Faust in die Welt schlagen“

Kaum ein Buch hat in diesem Literaturherbst so viel Aufmerksamkeit erfahren wie der Roman von Lukas Rietzschel. Buchhändler und Blogs wurden bereits Monate vor Veröffentlichung mit „Mit der Faust in die Welt schlagen“ beschickt, der Verlag lud Presse und BloggerInnen zu einem Tagesausflug samt Autor nach Sachsen ein, zum Erscheinungstermin gab es ein überdimensionales Schaufenster im Berliner Kulturkaufhaus Dussmann im Coverdesign und vor allem gab es jede Menge Presse. Das alles ist insofern überraschend, da es sich um einen Debütroman handelt. Rietzschels Buch wird als „das Buch der Stunde“ gehandelt – zu Recht? Weiterlesen

Michael Lentz‘ „Schattenfroh“: Gegen das Verstummen anschreiben

Michael Lentz‘ „Schattenfroh“ gehörte mit zu den großen Favoriten für den diesjährigen Deutschen Buchpreis – nur um dann nicht mal auf der Longlist zu stehen. Das kann man der Jury vielleicht nicht mal verübeln, schließlich ist „Schattenfroh“ sicherlich eins der herausforderndsten Bücher der letzten Zeit, obwohl man natürlich immer hofft, dass die Leute, die darüber entscheiden, welche Werke beachtet, ins Rampenlicht gestellt und ausgezeichnet werden, ein Sensorium dafür haben, wo Saisonware aufhört und große Literatur anfängt. Zu letzterem gehört „Schattenfroh“ in jedem Fall, auch oder gerade weil man sich daran die Zähne ausbeißt, verzweifelt und sich eine blutige Nase holt. Weiterlesen

Who’s watching? „Die Hochhausspringerin“ von Julia von Lucadou

Höher, schneller, weiter: Im Big Data-Zeitalter ist so gut wie alles messbar. Vom Schritt- und Stockwerkzähler am Handgelenk oder im Smartphone über die Smartwatch, die nicht nur die körperliche Betätigung, sondern auch Puls und Schlafrhythmus dokumentiert, bis zur Auswertung der eigenen ’sozialen Performance‘ in den sozialen Netzwerken über Likes und Shares – der Mensch des 21. Jahrhunderts ist gläsern, vor sich selbst, aber auch vor anderen. Wohin das führen könnte erzählt Julia von Lucadou in ihrem Roman „Die Hochhausspringerin“. Weiterlesen

Lisa Hallidays „Asymmetry“: Kein Anschluss unter dieser Nummer

Philip Roth hatte jahrelang teuflische Rückenschmerzen. Philip Roth zog im hohen Alter nach New York. Philip Roth war jüdisch und kam aus New Ark. Roth liebte Essen aus dem Deli. Er hatte ein Faible für die europäischen Schriftsteller, allen voran Kafka und Thomas Mann. Philip Roth hatte wohl selbst damit gerechnet, dass er irgendwann mal den Nobelpreis erhält. Und Philip Roth hatte einen feinen Humor. All das wusste man über Philip Roth und es bestimmte sein öffentliches Bild. Man meinte dies auch zu wissen, weil Roth diese Themen immer wieder selbst in seinen Romanen thematisiert hat und dutzende Figuren geschaffen hat, allen voran Nathan Zuckerman, die immer wieder zu Alter Egos erklärt wurden. Roth öffentliches Bild war also immer ein Amalgan aus der historisch verbürgten Person und verschiedenster literarischer Figuren. So scheint es folgerichtig, dass der US-amerikanische Schriftsteller in Lisa Hallidays „Asymmetry“ nach seinem Tod als Figur wieder auftaucht. Weiterlesen

Alfred Bratts „Die Welt ohne Hunger“: Mit Maggi zum Weltfrieden

Das 20. Jahrhundert war das Jahrhundert der Masse. Mit dem Aufstieg des Industrieproletariats und der damit einhergehenden Urbanisierung gab es plötzlich eine gesellschaftliche Gruppe, die sich durch ihren sozialen Status als homogene Masse verstand und gleichzeitig das Produkt und Beförderer der Moderne wurde. Je mehr sich der Arbeiter als politisches Subjekt verstand, desto entschlossener brachte er seine Forderung vor. Gleichzeitig erkannte das 20. Jahrhundert, z.B. Canetti in seinem „Masse und Macht“, das gefährliche Potenzial, das ihnen inne liegt. Die Masse ist entzündlich, hoch emotional und verführbar. Damit die Masse nicht zu Fackel und Heugabel greift, musste das 20. Jahrhundert vor allem Antworten auf die verschärften Verteilungsfragen finden. Auch davon erzählt „Die Welt ohne Hunger“ von Alfred Bratt, das 1916 zum ersten Mal erschien und nun in der edition atelier neuaufgelegt wurde. Weiterlesen