Kategorie: Rezensionen

Ulrike Mosers „Schwindsucht“: Die Krankheit mit den vielen Namen

Krankheiten gibt es viele. Manche sind so alltäglich, dass sie vom Menschen stoisch ertragen werden, andere sind so besonders und selten, dass sie kaum ins öffentliche Bewusstsein gelangen. Und dann gibt es Krankheiten, die so verheerend sind und Gesellschaften radikal prägen, dass sie zu einem Zeitzeichen werden. Einst war es die Pest, die ganze Landstriche leerfegte, jüngst war es HIV, der Virus, der zu einem Umschlagpunkt einer sich sexuell-befreienden Gesellschaft gedeutet wurde. Krankheiten prägen den Menschen nicht nur auf basale Weise in seiner körperlichen Verfasstheit, sie prägen auch wie Gesellschaften über sich selbst nachdenken, wie Ulrike Moser in ihrem Buch „Schwindsucht“ darzustellen versucht. Weiterlesen

Marina Perezaguas „Hiroshima“: Little Boy, Little Girl

Perezagua-Hiroshima

Der 6. August 1945, an dem „Little Boy“ in die Welt kam, veränderte den Lauf der Geschichte: Die erste militärisch eingesetzte Atombombe, die ein Flieger der US Air Force über Hiroshima abwarf, beendete nicht nur den vorangegangen atomaren Rüstungswettlauf zwischen Nazi-Deutschland und den Alliierten, sondern schlug ein neues, trauriges Kapitel der Kriegsführung auf. „Hiroshima“, der Debütroman der spanischen Autorin Marina Perezagua, erzählt die Geschichte einer Überlebenden. Weiterlesen

Gabriele Tergits „Etwas Seltenes überhaupt“: „Wunderbar, nicht?“

Ähnlich wie Irmgard Keun oder Vicky Baum musste Gabriele Tergit erst in Vergessenheit geraten, um schließlich wiederentdeckt werden zu können. Tergit, die eigentlich Elise Reifenberg hieß, gehörte zu ihrer Zeit zur Berliner intellektuellen High Society. Sie publizierte im Berliner Tageblatt, das zum damals einflussreichen Mosse-Verlag gehörte, sie war bekannt mit den Größen der deutschsprachigen Literatur. Der Weg ins Exil war schließlich nicht nur ihrem kritischen Geist, sondern auch ihren Judentum geschuldet, das sie über Umwege nach Israel, dann schließlich nach London führte. Trotz einiger Besuche ist Tergit nach dem Krieg nie wieder in Deutschland heimisch geworden. Nun bemüht sich der Schöffling & Co. Verlag zumindest darum, dass ihr Werk wieder einen Platz in Deutschland findet. Weiterlesen

Rachel Khongs „Goodbye, Vitamin“: Das Jahr des Vergessens

Khong_Goodbye Vitamin

Die Digitalisierung hat viel mehr verändert als den Medienkonsum und die etablierten Kommunikationsformen: Die örtliche Ungebundenheit und der stetige technische Fortschritt haben auch dazu geführt, dass sich die Lebensmodelle der Generationen auseinander entwickelt haben. War es früher noch üblich, mit Ende zwanzig zu heiraten und mit dem unbefristeten Arbeitsvertrag in der Tasche an der Familienplanung zu feilen, ist es heute die Ungewissheit, die das Leben der Endzwanigergeneration beschäftigt. Denn wer möchte sich schon binden, wenn man potenzielle Partnerinnen und Partner mit einem Swipe nach links oder rechts wie einen Modekatalog durchblättern kann? Wer möchte sich beruflich festlegen, wenn feste Arbeitsverträge die Ausnahme sind, weil niemand sicher ist, welche Jobs morgen gebraucht werden? Dass heute mit dreißig längst nicht alles entschieden ist, sondern das neue Jahrzehnt Anlass zur eigenen Neuerfindung wird, davon erzählt Rachel Khongs Roman „Goodbye Vitamin“. Weiterlesen

Alexander Schimmelbuschs „Hochdeutschland“: „This is not an exit.“

Wohin treibt der Neoliberalismus? Und wohin reißt er die Gesellschaft mit sich? Hinter dem Zusammenbrechen der nahöstlichen Nicht-Ordnung der Nachkriegsära und den daraus resultierenden Fluchtbewegungen ist fast in Vergessen geraten, dass in den frühen Zehnerjahren ein ganz anderes Problem die meisten Gesellschaften vor eine existenzielle Bewährungsprobe stellte: ein heiß gelaufener Finanzkapitalismus. Wer die verheerende Wirkung dieses Finanzcrashs und die verfehlte politische Reaktion darauf besichtigen möchte, sollte beim nächsten Griechenlandurlaub mal einen kurzen Zwischenaufenthalt in den Außenbezirken Athens und Thessalonikis einplanen. Doch die nächste Krise ließ nicht lange auf sich warten und so atmeten New York, London und Frankfurt auf: Es darf wieder auf den Putz gehauen werden. Weiterlesen

Robert Seethalers „Das Feld“: Der Mensch ist ein Mensch ist ein Mensch

Der Tod ist der Literatur kein Unbekannter. Gestorben wird eh dauernd, genauso wie getrauert. Weil die Literatur das Reich der Fiktion ist, so sehr sich die Autobiographisten auch dagegen wehren, kennt die Literatur auch Tote, die nicht zum Schweigen gebracht werden. Zuletzt sorgte der Totentanz des großen amerikanischen Schriftstellers George Saunders, „Lincoln in the Bardo“, für Aufsehen, der damit direkt den Man Booker Prize gewann. Saunders erzählte von Präsident Lincoln, der am Grab seines Sohnes trauert und um den sich eine ganze Gesellschaft Toter schart, die von ihrem Schicksal kündet. In „Lincoln in the Bardo“ wird daraus eine kluge Geschichte über ein amerikanisches Trauma und wie eine Gesellschaft sich darum formiert. Weiterlesen

Klaus Modicks „Keyserlings Geheimnis“: Jahrhundertaktuelle Literatur

Manche germanistischen Gemeinplätze stimmen dann doch: Wenn ein Schriftsteller einen anderen Schriftsteller porträtiert, weist der ausgestreckte Zeigefinger auch immer auf ihn zurück. Derjenige, der Spiel vielleicht am besten beherrschte, war Thomas Mann, der einfach so oft über Goethe geschrieben hat, bis Deutschland endlich begriff, dass es in Thomas Mann wohl Goethes rechtmäßigen Wiedergänger erkennen musste. Klaus Modick ist nicht Thomas Mann und Eduard von Keyserling ist nicht Goethe, dennoch wird man auch bei der Lektüre von Modicks neustem Roman „Keyserlings Geheimnis“ das Gefühl nicht los, dass hier jemand auf den Schultern des mittlerweile in Vergessenheit geratenen Schriftsteller seine eigene Ästhetik verteidigen möchte. Weiterlesen

Leander Steinkopfs „Stadt der Feen und Wünsche“: Irgendwie auch uncool

Vermutlich hat keine Nation, zumindest keine europäische, ein derart neurotisches Verhältnis zu seiner Hauptstadt wie Deutschland. Diejenigen, die nicht dort wohnen, zeigen sich genervt vom Berliner Selbstverständnis, sich als Nabel der Welt zu verstehen, Berliner hingegen sind vor allem von Berlinern genervt und werden dadurch getrennt, dass sich die eine Hälfte in einer naiven Berlinbegeisterung ergeht, während die anderen peinlich genau darauf achtet, besonders abgeklärt zu sein. Weil Berlin für irgendjemanden immer eine Qual zu sein scheint, häufen sich die Tiraden, die gegen diese Stadt geschrieben werden. In den Chor der Misstöne reiht sich nun Leander Steinkopf mit seiner Erzählung „Stadt der Wünsche“ ein. Weiterlesen

Anja Kampmanns „Wie hoch die Wasser steigen“: Babylon Kapitalismus

Der Kapitalismus macht die Welt groß. Und gleichzeitig ganz klein. Arbeiten können die Gutausgebildeten mittlerweile fast überall. Ein Jahr in Shanghai, dann Berlin, vielleicht als nächstes Kuala Lumpur? Gleichzeitig schrumpft die Arbeit, ohne soziales Gefüge irgendwo in einer fremden Stadt, die Welt manchmal bis auf ein kleines Bürocubical zusammen. Eine Gesellschaft, die Arbeit und Sozialgefüge, so trennt, produziert laufend Orientierungslosigkeit. Die allumgreifenden Diskussionen um Begriffe wie Heimat oder Identität zeugen davon. Was macht das mit den Menschen? Anja Kampmann hat mit dieser Frage im Gepäck in „Wie hoch die Wasser steigen“ große Literatur gemacht. Weiterlesen

Josefine Rieks‘ „Serverland“: Archäologie der Zukunft

Vielleicht werden in ein paar Jahrzehnten Historiker behaupten, die Entwicklung und weltweite Verbreitung des Internets hat einen größeren gesellschaftlichen Wandel ausgelöst als die industrielle Revolution. Doch längst hat sich die Sicht auf das weltweite Informationsnetz gewandelt. Stand am Anfang noch der emanzipative Gedanke im Fokus – freier Austausch von Ideen, das Zusammenwachsen der Welt etc. –, ist das Internet in der öffentlichen Wahrnehmung längst zu einem Werkzeug von Repression und Überwachung geworden. Die Großfirmen des Silicon Valleys, die sich liberal und freiheitsliebend geben, sind eine unheilige Allianz mit Sicherheitsdiensten eingegangen. Wie viel Freiheit, aber auch wie viel Unfreiheit schafft das Internet? Diese Frage stellt Josefine Rieks in ihrem Debütroman aus der Rückschau: Denn in „Serverland“ ist das Internet abgeschaltet. Weiterlesen