Kategorie: Rezensionen

Wolfgang Wills »Athen oder Sparta«: Thukydidelum

Der Peloponnesische Krieg hat in diesem Jahr endgültig in die Populärkultur Einzug gehalten. Da führte nämlich der neuste Teil der »Assasins Creed«-Videospielreihe in den Konflikt der griechischen Antike ein. Einer der im Spiel keine Rolle spielt, ist der General und Historiker Thukydides, was insofern seltsam ist, als dass er nicht nur eine hohe Position in der Athenischen Elite einnahm, sondern auch mit seiner Geschichte des Peloponnesischen Krieges den zentralen Text lieferte, der das Bild dieses Konfliktes bis heute bestimmt. Diesem Text entlang ist der Althistoriker Wolfgang Will nun noch einmal gefolgt und erzählt den Peloponnesischen Krieg erneut. Weiterlesen

Ulrich Alexander Boschwitz‘ »Menschen neben dem Leben«: In Wirklichkeitsnähe gerückt

Mit »Der Reisende« erreichte nach Jahrzehnten der ungerechten Nichtverfügbarkeit ein Roman den deutschen Buchmarkt, dessen Autor, wie viele andere Autor*innen, den gewalttätigen Auseinandersetzungen des 20. Jahrhundert zum Opfer fiel. Das Buch war und ist eine echte Entdeckung, nicht nur weil es wortwörtlich wiederentdeckt wurde, sondern auch weil es dann auch glücklicherweise großartige Literatur war. Nun veröffentlicht der Klett-Cotta Verlag mit »Menschen nebem dem Leben« den zweiten und damit letzten überlieferten Roman von Ulrich Alexander Boschwitz. Zum Glück, denn der nationalsozialistischen Vernichtungswut gilt es jedes Werk zu entreißen, das zu retten ist. Leider findet man in diesen Roman jedoch einen Autor vor, der mehr im Strom seiner Zeit mitschwimmt, als seine Richtung zu bestimmen. Weiterlesen

Martin Beyers »Und ich war da«: Banalität des Buben

Das ist ein Text, der so nicht geschrieben werden darf«, donnerte es im Juni von der in Klagenfurt traditionell ebenerdigen Kritikerkanzel dem zuvor vorlesenden Martin Beyer entgegen. Jury-Vorsitzender Hubert Winkels war ganz und gar nicht damit einverstanden, was Beyer da aus seinem Auszug des nun erschienen Romans »Und ich war da« vorgelesen hat. Beyer, der eine Passage über die Hinrichtung der Widerstandsgruppe Scholl vorlas, wusste vermutlich, dass er mit dieser thematischen Setzung ein Risiko einging und erwischte dann auch noch einen Zeitpunkt, als die deutsche Literaturkritik gerade Takis Würger für seine schlimme Nazi-Schmonzette »Stella« in den Boden gerammt hatte. Nun also Martin Beyer, der sich Winkels Verdikt widersetzt und seinen Roman »Und ich war da« nun bei Ullstein veröffentlicht hat. Weiterlesen

Hendrik Otrembas »Kachelbads Erbe«: Hoffnungstotschlag

Der menschliche Entdeckergeist kann noch ein paar große Herausforderungen angehen: Die Heilung bislang noch tödlicher Krankheiten, die Eroberung des Weltraums, die Eindämmung des Klimawandels. Die größte und gleichzeitig älteste Herausforderung ist aber vermutlich die Überwindung der Endlichkeit. Seit sich der Mensch seiner eigenen Sterblichkeit gewahr wurde, hat er Überlegungen zur Unsterblichkeit angestellt – ob mit religiöser, esoterischer oder wissenschaftlicher Motivation, wie die Transhumanisten aus dem Silicon Valley. Da der Tod das literarische Thema par excellence ist, gibt es auch etliche Romane über Unsterblichkeitsphantasien – so wie der neue Roman von Hendrik Otremba: »Kachelbads Erbe«. Weiterlesen

Ma Jians »Traum von China«: Traum statt Trauma

Über Jahrzehnte gab es im Weltbewusstsein nur einen Traum, den amerikanischen. Er propagierte Aufstiegschancen für jeden, Freiheit von Unterdrückung und das Versprechen auf Selbstverwirklichung. Mit dem Aufstieg Chinas wird vom Präsidenten Xi Jinping ein weiterer Traum von Weltbedeutung formuliert: Wohlstand soll auch er bringen, aber vor allem soll er China wieder zu alter Größe verhelfen. Jahrhundertelang war das Kaiserreich China das wohl mächtigste Land der Welt, was in der europäischen Wahrnehmung deshalb häufig vergessen wird, weil sich das Reich der Mitte herzlich wenig für die größenwahnsinnigen Europäer interessierte. Dann folgte das schmachvolle 19. Jahrhundert, in dem China mehrfach von den Kolonialmächten gedemütigt wurde. Nun, nach der rasanten Aufstiegsgeschichte des 20. und 21. Jahrhunderts, ist China wieder kurz davor Weltmacht zu werden. Weiterlesen

Philipp Schönthalers »Der Weg aller Wellen«: Unknown Identity

Wann hört Gegenwartsbeschreibung auf, wann fängt Dystopie an? Die Frage drängt sich bei der Lektüre von Philipp Schönthalers  »Der Weg aller Wellen« auf, denn seine Version einer aus dem Ruder laufenden Silicon Valley-Gesellschaft ist so nah an der Realität, dass die Grenzen verschwimmen. Tatsächlich bewirbt der Verlag das Buch auch gar nicht als Dystopie, die Rezeption möchte sie dennoch darin erkannt haben. Hat die Zeit die Dystopie überholt? Leben wir in einer Dystopie? Weiterlesen

Ocean Vuongs »On Earth We’re Briefly Gorgeous«: Friction and Fiction

Was kann eine solche Rezension leisten, außer den Begeisterungssturm noch einmal ertönen zu lassen? Nichts. Aber in seltenen Fällen ist dies auch gerechtfertigt, denn ein Buch wie »On Earth We’re Briefly Gorgeous« taucht nur sehr selten auf dem Horizont der Gegenwartsliteratur auf. Sowohl die amerikanische wie auch die deutsche Rezeption überschlägt sich im Lob, was auf der anderen Seite zu erwarten war, als dass es eine allgemeine Sehnsucht nach frischen Stimmen gibt, auf der anderen Seite aber auch verblüffen darf, da Vuongs Text sich den üblichen Strickmustern entzieht. Ocean Vuong hat zuerst als Lyriker auf sich aufmerksam gemacht, was vielleicht eine Erklärung dafür sein könnte, dass er es schafft, einen gleichzeitig leisen wie lauten Text zu kreieren. Weiterlesen

Steffen Kopetzkys »Propaganda«: Boys will be Boys

Während der Zeiten der Studentenproteste ’68 gab es einen beliebten Kampfspruch: »USA SA SS«. Das Verhalten Amerikas, gerade in Hinblick auf den Vietnamkrieg, sollte damit in die Nähe der Gräuel der Nationalsozialisten gerückt werden. Linke Renegaten wie Henryk M. Broder oder Götz Aly haben darin im Nachhinein einen psychologischen Reflex gesehen, die eigene Schuld den einstigen Siegermächten überzustülpen. Zwar kommt man nicht umhin, den Vietnamkrieg in der Nachbetrachtung als einer der schrecklichsten kriegerischen Auseinandersetzung der Post-Zweite-Weltkriegs-Epoche zu nennen, doch diesen Schlachtruf gerade aus deutschen Mündern zu hören, hat etwas Infames. Rund fünfzig Jahre später erklingt er erneut – dieses Mal aus den Buchdeckeln des neuen Romans von Steffen Kopetzky: »Propaganda«. Weiterlesen

Dana von Suffrins »Otto«: Dürfen die das?

Als am 20. August die Longlist zum Deutschen Buchpreis verkündet wurde, waren wieder die Social Media-Abteilungen der Verlage gefragt: Jubelbilder mussten her. Am meisten jubeln durfte S. Fischer, aber auch der Hanser Verlag konnte zufrieden sein. Sogar Wallstein durfte einmal kurz aufjuchzen, denn sie hatten das Kunststück vollbracht, sich mit einem der schlechtesten Romane der letzten Zeit auf die begehrten Plätze zu setzen. Nur Kiepenheuer & Witsch dürfte begossen in die Wäsche geschaut haben, als der Börsenverein in ihrem Fall schwarzen Rauch aufstiegen ließ. Und so machte der Verlag das einzig konsequente: Er präsentierte über Facebook und Twitter die wortwörtlichen leeren Hände. Das kann mal passieren, ist in diesem Fall aber ärgerlich, weil sie einen Roman im Petto gehabt hätten, der in diese Hände gehörte: »Otto« von Dana von Suffrin. Weiterlesen

Steven Blooms »Mendel Kabakov und das Jahr des Affen«: Biographie vs. Geschichte

Der ältere jüdische New Yorker Mann hat über Jahrzehnte die amerikanische Kultur geprägt, von Woody Allen bis Larry David, von Philip Roth bis Paul Auster. Auffällig: Der alte New Yorker Mann scheint besonders obsessiv über sich selbst oder andere, ähnliche alte Männer erzählen zu müssen. Und so ist die amerikanische Literatur- und Filmgeschichte voll von alten, männlichen Künstlern, Professoren, Schriftstellern, Regisseure etc. in New York. Da macht auch Steven Blooms »Mendel Kabakov und das Jahr des Affen« keine Ausnahme. Weiterlesen