Kategorie: Tagebuch

Götz Aly (Hrsg.): Siegfried Lichtenstaedter – Prophet der Vernichtung: U.R. Deutsch

Finanzbeamten hängt nicht der Ruf nach, über prophetische Fähigkeiten zu verfügen. Doch an diesem Siegfried Lichtenstaedter war so gut wie nichts gewöhnlich. Denn der studierte Orientalist trat neben seiner beruflichen, eher spröden Tätigkeit als kluger, weitsichtiger Essayist auf und gilt – so zumindest die Verlagsankündigung des S. Fischer Verlags, wo nun Schriften Lichtenstaedters unter Herausgeberschaft von Götz Aly erschienen sind – als derjenige, der „den Holocaust vorhersagte“. Die Lektüre der nun wiederaufgelegten Texte scheinen diesen Eindruck zu bestätigen. Denn Lichtenstaedter wusste als jemand, der sich intensiv mit dem Zusammenbruch des osmanischen Reiches beschäftigte: Der Verlauf des 20. Jahrhunderts wird sich an der Frage entzünden, ob ein gesellschaftlicher Friede zwischen Mehrheitsregimen und Minderheitengruppen möglich sein wird. Weiterlesen

Karl Schefflers Berlin: Aufs falsche Pferd gesetzt

Berlin verändert nicht nur sich selbst, Berlin verändert auch das Gesicht der Bundesrepublik. Anstelle des verschlafenen, aber sympathischen Provinznestes Bonn ist die Millionenstadt Berlin getreten und das hatte Folgen: Mit magnetischer Wirkung zog die neue Hauptstadt politische Spieler, kulturelle Einrichtungen und Wirtschaftsunternehmen an und beendete damit eine jahrzehntelang bestehende föderale Ordnung Deutschlands, die sich nicht nur auf das Politische beschränkte. Das Berlin unserer Tage ist längst nicht mehr nur die unschuldige Partyspielwiese junger Schweden und Spanier, sondern ein Ort, an dem kulturelle und politische Macht kulminiert. Es lohnt daher unbedingt, über diese Stadt und was sie mit dem Rest Deutschlands anstellt, Überlegungen anzustellen. Florian Illies, Feuilletonist und Autor des Verkaufserfolgs „1913“, hat sich für dieses Vorhaben etwas ausgedacht: Er hat Karl Schefflers „Berlin – ein Stadtschicksal“ wieder ausgegraben, um zu zeigen, wie scharf die Kritikerklinge Schefflers auch nach hundert Jahren noch ist und wie Berlin immer noch an denselben Problemen laboriert. Doch leider hat er es versäumt, Scheffler genau zu lesen. Weiterlesen

Joseph Roth im „Völkerlabyrinth“ – Reisen in die Ukraine und nach Russland

Es gibt Städte, in denen es nach Sauerkraut riecht. Dagegen hilft kein Barock.

1926 machte sich Joseph Roth für die „Frankfurter Zeitung“ auf eine Reise in das seit neun Jahren sowjetisch regierte Russland. Für den 1984 in Brody geborenen Schriftsteller bedeutete dies eine dreifache Rückkehr. Eine Rückkehr in die Landschaft seiner Kindheit, eine Rückkehr an die Front des Ersten Weltkriegs, in dem er als Infanterist in der österreichischen Armee gedient hat und eine geistige Rückkehr in die verlorengegangene Peripherie des K.u.K.-Reiches.

Dabei herausgekommen sind episodische Schilderungen eines bis heute unbekannten europäisch-asiatischen Raumes. Weiterlesen