Jörg Schröder erzählt Ernst Herhaus „Siegfried“: Echtholzliteratur

Vom Mythos leben und nicht von der Stückzahl.«, so brachte Jörg Schröder irgendwann mal seine eigene Strategie auf den Punkt. Tatsächlich scheint im deutschen Literaturbetrieb kaum jemand ein so intimes Verhältnis zum Mythos zu haben wie Schröder, obwohl es am Anfang seiner Karriere den Eindruck machte, als würde er es mit den Stückzahlen auch ganz gut hinbekommen. Schließlich war er derjenige, der auf die Idee kam, „Die Geschichte der O“ in Deutschland herauszubringen und landete damit nicht nur einen Kassenschlager, sondern rettete auch gleich den angeschlagenen Melzer Verlag. Als irgendwann, nach langer Reise durch die Wirren des Verlagswesens, die Verkaufserfolge ausblieben, machte Jörg Schröder das einzig konsequente: Er machte sich selbst zum Geschäftsmodell.

Mythen zeichnen sich dadurch aus, dass sie andere Mythen anziehen. So erzählte Verleger Klaus Schöffling auf der Geburtstags-Lesung in Berlin zum Siegfried wie ihm in der Badewanne aufgegangen wäre: Dass dieses Buch nicht mehr lieferbar (einst war es in Schröders März Verlag erschienen, dann noch mal bei rowohlt) ist, sei eine Zumutung. Also rief Schöffling Schröder an, die beiden vereinbarten ein Erscheinen zum 80. Geburtstag Schröders und fertig. Der Verleger, die Badewanne, der Heureka-Moment: Es will alles so gut passen zu diesem Jörg Schröder, der doch selbst aus einer Zeit erzählt, als Buchmacher noch eine gewitzte Idee und naiver Wagemut reichten, um die Literaturwelt aus den Angeln zu heben.

Ich war etwas gewitzt und ließ einen dumpfen Spruch los: „Naja, der Marx ist der auf den Kopf gestellte Hegel.“

Was nun mit diesem Siegfried vorliegt, ist eine Fassung, die dem letzten Stand entspricht, was bei Jörg Schröder jedoch auch immer bedeutet: Dem letzten Stand der Gerichtsurteile. Als das Buch 1972 das erste Mal erschien, hagelte es Gerichtsverfahren, angestrengt durch jene, die sich verunglimpft sahen. Das Ergebnis ist, dass eines der späteren Kapitel, in dem Schröder beschreibt, wie der März Verlag implodierte, einem Schweizer Käse voller Schwärzungen gleicht, obgleich die Ausmerzungen das Gemeinte nun nicht unbedingt zum Verschwinden bringt. Um Lücken zu füllen, hat sich Barbara Kalender, Schröders Lebensgefährtin, durch die Akten und Archive gewühlt und dem Text eine sehr aufgeräumte und ausführliche Vita hintenangestellt, die nicht nur Schröders Leben und Wirken skizziert, sondern so viel Raum eingeräumt bekommt, dass sie auch ins Anekdotische abdriften kann und viele Bilder zeigen darf.

Meine früheste Erinnerung: Reval bei Colberg, ein Ostseebad, ein Urlaub mit Mutter und Vater Kurt. Am Strand stand ein Bus der Wehrmacht.

Wenn man über den Mythos Jörg Schröder bzw. Siegfried spricht, dann kommt man auch nicht umhin die Form zumindest zu erwähnen, in der sich dieses Buch präsentiert. Es heißt da nämlich nicht so simpel wie sonst: Autor = Jörg Schröder, sondern Jörg Schröder erzählt Ernst Herhaus den Siegfried. Was diese Konstellation suggeriert, ist erst mal klar: Der Mythos vermittelt sich vor allem über seine mündliche Überlieferung. Wer Mythos sein möchte, der muss also erzählen – und darauf hoffen, dass es dann irgendjemand aufschreibt. Oder man lanciert es direkt als Buch. Der Mythos im Zeitalter des Buchmarktes muss sich die Mündlichkeit also vor der Buchpublikation imaginieren, um schließlich im Papier manifest zu werden.

Vor dem Betonbunker sah ich sie, keine Russen, sondern den Volkssturm, Greise mit Panzerfäusten, ausgemergelte graue Opas. Das Deutschland der letzten Stunde schlurfte vorbei.

Bevor sich Schröder jedoch in Siegfried sein eigenes Denkmal errichtet, fängt er klein an, das heißt: in seiner Kindheit. Er schildert sein Elternhaus („Mein Vater, der Amtsrat Kurt Schröder, arbeitete im Innenministerium. Nun war der ein preußischer Sozi, aber ein Beamtenmann, der das Maul nicht aufmachte, das Parteiabzeichen trug und dagegen war.“) und erzählt ein bisschen was über die Hierarchien, die er damals schon wahrgenommen hat („Die Reichsjugendführerin Warthegau hatte ein Kind, von dem ließ ich mir aus Freundlichkeit, das Haar ausreißen, das tat nicht sehr weh. Zuletzte fehlte mir ein ganzes Büschel, und deshalb rasierten sie mir eine Glatze.“), doch eine tatsächliche Auseinandersetzung mit dem Krieg durchs Kinderauge gesehen, wie beispielsweise bei Kluge, fehlt. Stattdessen erscheint der Zweite Weltkrieg und das endende Nazideutschland als großer Abenteuerspielplatz, der aufregend, mal beängstigend ist.

Die Familie des Kurt Schröder war auch interessant.

So richtig zum Leben erwacht der Text eigentlich erst nach dem Zweiten Weltkrieg, wenn die Familie von Berlin ins Rheinland übersiedelt und Schröder in der katholischen Piefigkeit ankam, an der er sich jahrzehntelang abarbeiten sollte und schon früh mit in Konflikt geriet: „In der Schule bezog ich Prügel, weil ich einen Spruch aufgesagt hatte: ‚Katholiken müssen ficken, weil sie die Bibel kicken.‘“ Dort schlägt auch die große Stunde des titelgebenden Siegfrieds, der als Filou und Taschenspieler erst Schröders Mutter den Kopf verdreht und schließlich durch Westdeutschland vagabundiert, immer auf der Suche nach dem glücklichen Zufall, der ihm etwas Geld in die Tasche spült. Dass die deutsche Zentralgestalt Siegfried, die ebenfalls im Mythos aufgehoben ist, bei Schröder wieder als Taugenichts auftaucht, ist vielleicht eine der charmantesten Ideen dieses Textes, der – so antibürgerlich der Autor sich auch geben mag – ein feines Gespür für die kulturellen Referenzrahmen besitzt, in denen er sich bewegt und diese zu bedienen weiß.

Frustrierter Jüngling und abgefackte Mädchen, und über allem so ein Grauschleier, es sah fast aus wie depressiver DDR-Realismus.

Was dann folgt, ist bekannt: Schröder mogelt sich bei KiWi rein, wird angesehener Marketingleiter, verkracht sich, rettet den Melzer Verlag, verkracht sich, gründet die Olympia Press und den März Verlag, verkracht sich und verwaltet seit dem seinen eigenen Mythos, den er so gut zu konservieren wusste, dass er bis heute trägt. Was ihn bei all diesen Stationen immer begleitet, ist ein unbändiger Kreativitätswille und die Fähigkeit Widerstände zu überwinden, auch wenn dies auf Kosten seiner Gesundheit ging: „Am Tag darauf vögelte sie mit einem Kellner. Dann kam mein Autounfall. Am Tag darauf starb mein Vater, und ich stellte fest, daß ich einen Tripper gefangen hatte.“

Das weiß man ja, daß Geldansammler, vor allem Banktypen, analfixierte Leute sind.

Manches was der Lebemann Schröder da an Frauengeschichten, Abenteuerlichkeiten und Spielereien aufs Tableau bringt, mag heute arg hemdsärmlich wirken, allerdings darf man dabei nicht den Kontext der Originalpublikation vergessen: Ende der Sechziger/Anfang der Siebziger musste sich das Prollige erst noch seinen Platz in der Literatur erkämpfen. Was heute als Chauvinismus erscheint, hatte damals zumindest ein provokantes Element.

Ich flüchtete in die Sachwerte.

Lebemann? Der große Erneuerer? Geschäftsmann? Das Bild, das Jörg Schröder im Siegfried von sich selbst zeichnet, bleibt ambivalent. Seine Haltung zum Literaturbetrieb ist zumeist von Verachtung geprägt: „Diese windigen Typen, die überall rumlaufen, Droemer, Hanser, alle diese Kacker, Kunststoffliteratur können sie machen, Bestseller manage, was soll’s?“ Bewunderung kommt beim Innovator und als Pornoverleger verschriene Schröder ausgerechnet bei den ganz alten Granden auf: „Witsch wäre losmarschiert. Er war der letzte große Verleger, der alles das noch einmal in sich einschloß, was Verleger wie Kurt Wolff, Reinhard Piper, Ernst Rowohlt, Samuel Fischer, Gustav Kiepenheuer auf ihre Weise gewesen waren: Nicht nur Bücherverscheuerer, sondern Büchermacher, Autorenkomplicen, Leute mit Ideen und Zivilcourage […]“

Je deutlicher alle sahen, daß an der Kollektividee etwas nicht stimmte, desto fleißiger wurde nach außen getan, als ob es funktioniere.

Das wirft ein Licht auf ein Thema, das ihn noch länger begleiten sollte: seine Haltung zu autoritären Strukturen. Denn eigentlich war mit der Gründung des März Verlags der Gedanke der kollektiven Arbeitsweise verbunden. Eigentumsverhältnisse sollten solidarisch aufgeteilt werden, genauso solidarisch sollte entschieden werden. Schröder war von dieser Idee nie so richtig überzeugt und in seinen Darstellungen lief diese Organisationsform vor allem darauf hinaus, dass die Leute nichts leisteten, da sie von keiner oberen Stelle etwas zu befürchtet hatten. Als die Streitigkeiten im Verlag einmal in besonderer Weise eskalierten, zieht Schröder ein bitteres Resümee: „Wie war mein Zustand in dieser Zeit? Verachtung gegen das Kollektiv und gegen die Figuren, die mich umschwirrten, Ekel vor dem verlogenen Beteiligungsquatsch, der durch wenig Qualifikationen und keine besonderen Leistungen der Beteiligten gedeckt war.“

Mit den Linken im Land wäre es besser bestellt, wenn sie, von Zeit zu Zeit mal auf richtige Pornographie gewichst hätten, anstatt nur auf Karl Marx.

Es gehört schon zu den großen Seltsamkeiten der deutschsprachigen Literatur, diese „Bombe im gelben Umschlag“. Das liegt nicht nur daran, dass es vielleicht kaum jemanden gib, der die Kapitalisierung des Eigenen so perfektioniert hat wie Jörg Schröder. Es liegt vor allem daran, dass dieser Siegfried literarisch besticht. Denn Schröder lüftet keineswegs nur den Rock des Literaturbetriebs, sondern schreibt nebenbei noch eine der lässigsten Chroniken der BRD. Im Zusammenhang der modernen Selbstvermarkter wie Knausgard, Maier oder Meyerhoff bekommt das Buch dann fast noch prophetischen Charakter. Dieses seltsam-herrliche Gemisch aus Kolportage, postmodernem Roman, mythischer Lagerfeuer-Fama und Autofiktion soll den Mythos Schröder lange Zeit lebendig halten.


Wir danken Schöffling & Co für das Rezensionsexemplar.