Klaus Modicks „Keyserlings Geheimnis“: Jahrhundertaktuelle Literatur

Manche germanistischen Gemeinplätze stimmen dann doch: Wenn ein Schriftsteller einen anderen Schriftsteller porträtiert, weist der ausgestreckte Zeigefinger auch immer auf ihn zurück. Derjenige, der Spiel vielleicht am besten beherrschte, war Thomas Mann, der einfach so oft über Goethe geschrieben hat, bis Deutschland endlich begriff, dass es in Thomas Mann wohl Goethes rechtmäßigen Wiedergänger erkennen musste. Klaus Modick ist nicht Thomas Mann und Eduard von Keyserling ist nicht Goethe, dennoch wird man auch bei der Lektüre von Modicks neustem Roman „Keyserlings Geheimnis“ das Gefühl nicht los, dass hier jemand auf den Schultern des mittlerweile in Vergessenheit geratenen Schriftsteller seine eigene Ästhetik verteidigen möchte.

Von Keyserling stammte aus einer Welt, die das 20. Jahrhundert hinwegfegen sollte: 1855 wurde er in eine baltische Adelsfamilie hineingeboren, die im russischen Zarenreich wie ihre Standesgenossen ein relativ privilegiertes Leben führte und eine deutschsprachige Community innerhalb des Baltikums bildete. So richtig ungemütlich wurde es für den baltischen Adel erst mit der Oktoberrevolution, die Sowjets hatten nicht viel übrig für die monarchischen Überbleibsel einer alten Welt. Doch Eduard von Keyserling verließ seine estnische Heimat bereits Ende des 19. Jahrhunderts. In Tartu fing er noch an zu studieren, doch schon bald fiel er in seiner studentischen Verbindung in Ungnade. Der junge Aristokrat ging nach Wien. Was war passiert? Klaus Modick entwickelt dazu in „Keyserlings Geheimnis“ seine eigene Version.

Weil dieses Gespenst Lebensgefährte des Ichs werden will, flüchtet sich das Ich in Fantasien und Träume.

In dem Moment, in dem der Roman einsetzt, ist von Keyserling schon so alt geworden, dass Thomas Mann die deutsche Öffentlichkeit als aufstrebender Literat betreten hat, was von Keyserling nur müde kommentiert: „Die Debütrakete von heute erweist sich aber oft als der Rohrkrepierer von morgen, der neue helle Stern am Firmament der Literatur als bloße Schnuppe.“ Wie Mann wohnt der mittlerweile in München und der Verweis auf den Autor der „Buddenbrooks“ kommt nicht von ungefähr. Denn Modick nähert sich seinem Gegenstand mit derselben feinziselierten Ironie, die schon Thomas Mann zum literarischen Prinzip erhoben hat. Und wie auch bei Mann gilt hier für die ironische Betrachtung des Gegenstands, das der Zweck nicht so sehr im Erheben über diesen folgt, sondern in der Ironie ein Moment der Bewahrung liegt.

Bella Italia, schön und gut, aber München ist ihm gemäßer. Er schreibt ja Deutsch.

Dieser Keyserling, von dem Modick hier erzählt, ist ein alter Mann, der zur Gegenwart kein besonders inniges Verhältnis hegt. Vielmehr ist er sogar davon überzeugt, dass die Literatur die Gegenwart im Sinne des Aktuellen auch gar nicht in den Blick nehmen sollte: „Wahre Literatur kennt keine neuesten Nachrichten und kann deshalb auch nie von gestern sein, kann altern, aber nicht veralten.“ Und weiter: „‘Tagesaktuelle Literatur‘, fährt er fort und wundert sich ein wenig über seine Gesprächigkeit, ‘ist eigentlich nur Journalismus, literarisch bedeutend ist sie nie und nimmer, weil sie parteiisch ist und keine Ironie kennt‘“. Distanz und Unparteilichkeit sind die beiden Grundpfeiler Modicks Keyserling, der folglich postuliert: „‘Wenn man meine Sachen als unzeitgemäß empfindet, fühle ich mich bestätigt.‘“

Manchmal fragt er sich, wer eigentlich dieser Untote ist, der ihm da im Spiegel ins Auge blickt und hinter dem seine wahre Person immer unsichtbarer zu werden scheint.

Auf die Frage, wann Keyserling mit der Gegenwart gebrochen hat, entwickelt der Roman eine interessante wie paradoxe Antwort, was zum titelgebenden Geheimnis führt: In einem Zeitsprung geht „Keyserlings Geheimnis“ zu Keyserlings Studententagen zurück, um zu erzählen, warum er die Uni in Dorpat verlassen hat, um nach Wien zu gehen. Denn das Geheimnis des Schriftstellers liegt in dem Umstand der Veruntreuung, genauer gesagt hat er Geld aus der Verbindungskasse mitgehen lassen, Glücksspiel und eine Frau spielen eine Rolle. Paradox ist die ganze Sache deswegen, weil es für Keyserling den Ausbruch aus „Old Europe“ und den Weg in die Schriftstellerei bedeutete. Gleichzeitig hat er die geistige Aristokratie nie so recht hinter sich gelassen.

„Sagen Sie, Herr von Keyserling, man munkelt, dass Sie ein russischer Graf sind. Ist das wahr?“

Auffällig ist nach all dem selbstredend, wie vieles, was Modick da seinen Papier-Keyserling aufsagen lässt, auch auf den Roman selbst zutrifft. Auch „Keyserlings Geheimnis“ ist leicht verschroben, hat keine direkte Beziehung zur Gegenwart und zeigt sich ironisch-distanziert. Modicks Roman ist eine halbe poetologische Schrift über das, was sein eigenes Schreiben ausmacht. Dass Modick dies in Form einer literarischen Parodie des zigarrenverqualmten, Chaiselongue-räkelnden Ton der Jahrhundertwende gelingt, ist eine literarische Leistung, die nicht vielen gelingt.

Was stört ist, dass „Keyserlings Geheimnis“ sowohl Züge einer Selbstbeschreibung als auch einer Selbstverteidigung trägt, was freilich daran liegt, dass der Hauch des Antiquierten nicht nur das Beschriebene umweht, sondern auch den Beschreibungen. Modicks Prosa ist teilweise so verknittert, wie das Gesicht Keyserlings in seinem Roman beschrieben wird, was den Reiz dieses Textes ausmacht, aber gleichzeitig dessen Schwäche ist: Ein seltsames Ding dieser Roman, herrlich vom Verfall kündend und auch schon immer dem Verfall anheimgefallen.


Wir danken KiWi für das Rezensionsexemplar.

1 Kommentare

  1. Eine wirklich sehr gelungene Rezension, die gut einige Punkte aufgreift, die mir in Diskussionen über den Roman begegnet sind. Vielen Dank hierfür!

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