„Nach einer wahren Geschichte“: Polanski verfilmt Delphine de Vigan

Von epischen, mehrteiligen Blockbustern wie dem Herrn der Ringe, bei denen ein nicht unbedeutender Teil der Kinobesucher die literarischen Vorlagen wohl nicht gelesen hat, über die deutschsprachigen Bestseller der vergangenen Jahre, darunter „Die Vermessung der Welt“, „Tschick“ oder „In Zeiten des abnehmenden Lichts„: Was sich als Buch verkaufen lässt, verkauft sich auch als Film – oder? Das dachte sich wohl auch Roman Polanski, der mit „Nach einer wahren Geschichte“ nun einen der erfolgreichsten französischen Romane der vergangenen Jahre verfilmt hat.

Delphine de Vigans Roman erzählt retrospektiv aus der Ich-Perspektive von Delphine, einer französischen Schriftstellerin, die nach dem großen Erfolg ihres letzten Romans in eine Schreib- und Lebenskrise gerät. Der Text rekonstruiert die intensive Freundschaft zu einer gewissen L., einer Ghostwriterin, die das Ich auf einer Party kennenlernt und die schnell zum Zentrum ihres Lebens wird – bis sie beginnt, sich als Delphine auszugeben, Delphine zu werden und die Grenzen der Identitäten verschwimmen.

Obwohl der Nachname der Ich-Erzählerin an keiner Stelle des Romans genannt wird, legen viele Verweise nahe, dass das Ich des Romans von der Leserschaft mit der Autorin gleichgesetzt werden soll.
Auf diese Spur führt nicht nur die Namensdopplung oder die Tatsache, dass es sich bei der Erzählerin um eine Schriftstellerin handelt, sondern maßgeblich auch die Paratexte, die dem Buch beigegeben sind. Auf dem Klappentext der deutschen Übersetzung, die 2016 bei Dumont erschien, heißt es: „Als Delphine de Vigan die elegante L. kennenlernt, fühlt sie sich verstanden wie selten zuvor“. Im Roman geht es immer wieder um den großen Erfolg des persönlichen Bestsellers über den Suizid der eigenen Mutter, der die Ich-Erzählerin moralisch stark belastet. In der Kurzbiographie der Schriftstellerin, der auf dem Buchumschlag zu finden ist, wird auf ihren Roman „Das Lächeln meiner Mutter“ verwiesen, der de Vigan laut Verlag zu einer der „wichtigsten zeitgenössischen Autoren [sic!] Frankreichs“ macht.

Delphine de Vigan perfektioniert in ihrem Roman „Nach einer wahren Geschichte“ das Spiel mit der Authentizität, in dem sie es exemplarisch vorführt, aber auch diskursiv im Text verhandelt. Denn obwohl die Ich-Erzählerin ein neues, ‚rein fiktives‘ Romanprojekt verfolgt, will L. sie davon überzeugen, dass nur autobiographische Stoffe Wahrheitsgehalt haben:

„Die Leute haben die gut geölten Geschichten mit ihren geschickten Aufhängern und Auflösungen satt. Sie haben genug von den Sandmännchen und Geschäftemachern, die am laufenden Band Geschichten erfinden, um ihnen Bücher, Autos und Joghurts anzudrehen. In großer Zahl produzierte und unendlich abwandelbare Geschichten. Glaub mir, die Leser erwarten etwas anderes von der Literatur, und damit haben sie sehr recht: Sie erwarten Wahres, Authentisches, sie wollen, dass man ihnen vom Leben erzählt, verstehst du? Die Literatur darf nicht auf das falsche Territorium geraten.“

„Nach einer wahren Geschichte“ heißt dieser Roman, wie es in den vergangenen Jahren auf vielen Filmplakaten oder im Vor- und Abspann auf Kinoleinwänden als selbstvergewissernde Daseinsberechtigung prangte. De Vigan hat hier einen Trend – wenn man pessimistisch sein möchte, eine Krise der Fiktion – erkannt und einen gelungenen Roman geschrieben, der den authentischen Gestus imitiert, um ihn durch zahlreiche intertextuelle Zitate zu brechen.

Am Ende des Romans überwindet die Ich-Erzählerin ihre Schreibkrise, in dem sie beginnt, über L. zu schreiben, die sich – hier lässt Stephen King grüßen – bei einem gemeinsamen Urlaub im Landhaus, wo sich die Roman-Delphine von ihrem Beinbruch erholen soll, öffnet und Geschichten aus ihrer Vergangenheit erzählt. Die Erzählungen vom Selbstmord ihres Ehemanns, vom Tod ihrer Mutter und dem gefühlskalten Vater, der beim Brand des Elternhauses umkommt, entpuppen sich nach L.s Verschwinden am Ende des Romans als literarische Zitate aus der Bibliothek der Ich-Erzählerin.

Und Polanski? Der hat für die Rolle der Delphine, die im Film übrigens einen Nachnamen bekommt, der nicht de Vigan, sondern Dayrieux lautet, kurzerhand seine Ehefrau Emmanuelle Seigner engagiert. L. wird von Eva Green verkörpert und heißt nun Elle, „comme Elisabeth“; Polanski löst damit eine zentrale Chiffre des Romans auf, denn dass ‚elle‘ das französische weibliche Personalpronomen ist und somit die Figur „L.“ (oder eben französisch ‚elle‘) selbst zur Leerstelle oder zum Platzhalter wird, ist zumindest in der deutschen Übersetzung etwas impliziter.
Die rückblickende, persönliche Erzählperspektive übersetzt Polanski weder formell, noch in Bildern. Er erzählt chronologisch, wählt Bilder der französischen Buchmesse als Rahmen, die den Film eröffnen und letztlich schließen.

Die Geschichte um die Schriftstellerin Delphine und die Ghostwriterin Elle nennt sich dann auf dem Filmplakat „Psychothriller“ und verspricht in schaurigem Schwarz-Blutrot ein spannendes Filmerlebnis. Gruseln muss es den Kinobesuchern jedoch lediglich vor der indifferenten, schauspielerischen Leistung der beiden Protagonistinnen. Polanski erzählt langsam, es gibt keine schnellen Schnitte, aber Zeit, um die Beziehung der Figuren darzustellen, nimmt er sich trotzdem nicht. Der Zuschauer kann kein Verständnis für die Abhängigkeit entwickeln, die im Roman über mehrere hundert Seiten aufgebaut wird, und entlässt einen am Ende – im Gegensatz zum Buch, dessen Schluss die Pointe des Romans zusammenfasst – selbst vollkommen indifferent.

Man könnte meinen, dass die Verfilmung eines Romans, der in seiner Poetologie so stark an die Paratexte seines Mediums, nämlich dem Buch mit seinem Umschlag und den beigegebenen Texten lebt, natürlich schief gehen musste. Dem ist nicht so – denn die Thematik des Romans, die Frage nach dem Authentischen in der Fiktion, betrifft natürlich auch den Film.
Die Verbindung zwischen Literatur und Bewegtbild macht die Autorin selbst auf: Den drei Romanteilen – „Verführung“, „Depression“ und „Verrat“ – ist jeweils ein Stephen-King-Zitat aus seinen Romanen „Sie“ und „Stark. The Dark Self“ vorangestellt, die ebenfalls beide verfilmt wurden und deren Motivik sich in „Nach einer wahren Geschichte“ überdeutlich wieder erkennen lässt.
So hätte man die Intertextualität des Buches deutlicher in filmische Zitate, beispielsweise durch Kameraeinstellungen aus Stephen Kings „Misery“, übertragen können. Die Ich-Perspektive und die Auflösung der Identitäten des Romans möchte man in Bilder übersetzt sehen, die die Wahrnehmung der Figuren aus einer subjektiven Perspektive zeigen – stattdessen bekommt man konventionelle Kamerafahrten, starre Bilder, telling statt showing.

Das Buch ist immer besser als der Film – so die landläufige Faustregel, an der sich Literaturverfilmungen immer wieder messen müssen. Für „Nach einer wahren Geschichte“ ist dies in jedem Fall zutreffend. Egal ob man den Roman von Delphine de Vigan gelesen hat oder nicht, diesen Film muss man nicht gesehen haben. Wer jedoch einen gelungenen Roman über die Poetologie des Authentischen in der Literatur lesen möchte, dem sei das Buch empfohlen.