Olga Tokarczuks „Unrast“: Wer rastet, der rostet

Ein ungewöhnlicher Vorgang: Da wird 2009 ein Buch bei Schöffling publiziert, bekommt gute Kritiken, Iris Radisch schreibt in der ZEIT darüber, dann fällt es wieder der Vergessenheit anheim und rund zehn Jahre später veröffentlicht es der Kampa Verlag noch einmal – weitgehend unverändert, zumindest lässt der Verlag nichts Gegenteiliges verlautbaren. Zwar ist der Kampa Verlag ein junger Verlag und Programmplätze müssen irgendwie gefüllt werden, trotzdem geht diese Vorgehensweise quer zu jedem heiligen Gesetz eines Buchmarktes, der immer nach dem neusten Hit giert. Sollte man Kampa daher loben, dass er sich dem schnellen Takt der zweijährlichen Publikationswellen – ein bisschen – entgegenstellt? Zumindest ist „Unrast“ ein Buch, das einen zweiten Blick verdient.

Ganz so aus dem Nichts kommt die Wiederpublikation nicht. Denn Olga Tokarczuk hat für die englische Übersetzung ihres Buches den „Man Booker International Prize“ 2018 erhalten und so stand der Roman plötzlich wieder im Scheinwerferlicht. Die deutsche Übersetzerin ist und war die verdiente Esther Kinsky, was man dem Text anmerkt, ist er doch stellenweise von der grimmigen Ernsthaftigkeit getragen, die Kinsky in Hain zur Perfektion getrieben hat.

Niemand ist zu Hause; sie sind fortgegangen, verschwunden […]

Eine der ersten Aussagen des Textes ist: „Nichts ereignet sich […]“ Wenn man dies als Selbstbekenntnis des Textes verstehen möchte, trifft dies auf paradoxe Weise zu. Denn Unrast ist in ständiger Bewegung, aber es ereignet sich nichts im Sinne eines Plots. Stattdessen folgt der Text einer Ich-Erzählerin, die sich in dauernder Bewegung befindet. Der titelgebenden Unrast entsprechend erklärt die Erzählerin die Bewegung zu einem Modus der Lebensführung und Erkenntnisgewinnung:

Als ich so in den Ablick der Strömung versunken auf dem Flutwall stand, wurde mir klar, dass aller Gefahren zum Trotz, das, was in Bewegung ist, immer besser sein wird, als das was ruht, dass der Wandel edler ist als die Stetigkeit, dass das Unbewegliche Zerfall und Auflösung anheimfallen muss und zu Schutt und Asche wird, während das Bewegliche sogar ewig währen kann.

Auf der Flucht vor dem Verfall reist die Ich-Erzählerin durch die Welt, trifft episodische Begleiterinnen und Begleiter, die für sie nicht nur Zeitvertreib sind, sondern auch immer Erzählanlässe. Trifft sie einen Forscher, dann lässt sie wissen: „Dunkle Materie – das war sein Thema.“ Und so wie es sein Thema ist, so ist es dann auch streckenweise das Thema des Romanes. Unrast funktioniert in seiner ganzen Länge über die wechselnde Abfolge von Reisebeschreibung und historischen oder theoretischen Exkursen.

Der Abend ist der Rand der Welt, ich habe ihn zufällig und absichtslos beim Spiel ertastet.

Literatur ist in diesem Roman nicht so sehr als Erzählkunst, sondern als Wissensreservoir gekennzeichnet. Das verbindet Olga Tokarczuks Unrast mit anderen Autorinnen und Autoren wie Alexander Kluge, W.G. Sebald oder Maria Stepanova. Teilweise nähert sich Tokarczuk sogar stark an den Klugeschen Duktus an: „Der stärkste Muskel des Menschen ist die Zunge.“ In immer wiederkehrenden Passagen kreist der Roman um die Frage von Bewegung und Stillstand. Eine thematisiert den Gelehrten Blau, der sich mit verschiedensten Konservierungsmethoden auseinandersetzt und somit mit dem endgültigen Stillstand, dem Stillstellen identifiziert ist. Sporadisch tauchen zudem Briefe von einer Josephine Soliman im Text auf, die Franz I., Kaiser von Österreich, anfleht, ihren Vater christlich bestatten zu lassen. Der Vater wurde präpariert und als menschliche Kuriosität im Stile der „Körperwelten“ ausgestellt. So wird Unrast zu keinem organischen, in sich abgeschlossenen Text, sondern zu einem Konstrukt, das nach allen Seiten offen ist und zu Streifzügen einlädt.

Die Geschichte meiner Reisen ist nur die Geschichte einer Unzulänglichkeit.

Mit ihrem Roman schreibt sich Olga Tokarczuk natürlich in eine lange Traditionslinie ein, die sich mit dem Verhältnis von Bewegung und Literatur, Bewegung und Denken auseinandersetzt. Von den frühen Wanderschaftsromanen bis hin zu Thomas Bernhards Gehen ist der Zusammenhang immer wieder beleuchtet worden, bei Bernhard mündet das in der Freilegung der toten Metapher: Gedankengang.

Aus gegenwärtiger Sicht erscheint Unrast mit seiner Ideologie des Mobilen jedoch gleichzeitig naiv, wurde doch das Beweglich- und Flexibelsein längst neoliberal durchsetzt. Derjenige, der heute hier, morgen dort sein kann, gilt als derjenige, der Globalisierung zur Meisterschaft erkoren hat. So malt der Roman etwas unkritisch Szenarien aus, vor denen es einen nur Grauen kann: „Bald wird man sagen können, dass es die Städte sind, die als Arbeits- und Schlafstätten Anhängsel der Flughäfen bilden. Denn inzwischen ist ganz klar, dass das wahre Leben in der Bewegung stattfindet.“ Zwar kann man einem Text, der 2008 im Original erschienen ist, nicht vorwerfen, die „Generation Easy Jet“ nicht geahnt zu haben, aber auch damals standen schon die Zeichen an der Wand, dass Beweglichkeit zur Maxime größtmöglicher Effizienz erklärt würden.

Ich weiß nicht genau, in welchem Land ich bin, die Grenze ist verschwunden, hat sich verwischt, wird nicht mehr gebraucht.

Gemischt mit abgestandener Kulturkritik („Die Baedekers haben den größten Teil der Welt ein für alle Mal zerstört, in Millionen von Auflagen und unzähligen Sprachen gedruckt, haben sie die Orte geschwächt, sie festgenagelt, benannt und Umrisse verwischt.“) ist einem die Ich-Erzählerin in ihrem Bewegungswahn nicht nur sympathisch. Erschwerend kommt dazu, dass der Text vom Kitsch nicht frei ist. Dazu stellvertretend der letzte Absatz des Buches:

Die Stewardessen, schön wie Engel, prüfen unsere Reisekompetenz und erlauben uns mit sanfter Hand, in die weichen, mit Teppich ausgelegten Wölbungen des Tunnels zu sinken, der uns an Bord des Flugzeugs führt und dann, auf einem stürmischen kalten Weg, zu neuen Welten. In ihrem Lächeln verbirgt sich, wie uns scheint, ein Versprechen, dass wir vielleicht Neugeborene werden, diesmal zur rechten Zeit am rechten Ort.

Unrast ist immer dort ein spannender Text, wo er auf seinen Reisen einen Blick für das Abseitige, für das apokryphe Wissen entwickelt. Man folgt diesen Bewegungen gerne, machen sie doch auf das dialektische Phänomen aufmerksam, dass in jeder Bewegung auch das Innehalten angelegt ist. Dort, wo der Text sich pathetisch dem Lob des Reisens und der ständigen Bewegung hingibt, rebelliert die innere Couchpotato.


Wir danken Kampa für das Rezensionsexemplar.