Phantomangst: Gianna Molinaris „Hier ist noch alles möglich“

Obwohl es sich um ihren Erstling handelt, zählt Gianna Molinaris „Hier ist noch alles möglich“ zu den Romanen des vergangenen literarischen Herbstes, die von der Kritik und dem Literaturbetrieb Aufmerksamkeit erfahren haben. Für einen Auszug des Romans erhielt Molinari 2017 den 3sat-Preis beim Klagenfurter Wettlesen, im folgenden Jahr stand sie mit ihrem Debüt auf der Longlist zum Deutschen Buchpreis und auf der Shortlist zum Schweizer Buchpreis.

Jede Nacht hält sie Ausschau nach ihm, sucht nach seinen Spuren, doch bis zum Ende des Romans bleibt er Phantom: Die junge Ich-Erzählerin in Hier ist noch alles möglich arbeitet als Nachtwächterin in einer Verpackungsfabrik und soll die Existenz eines Wolfes beweisen, den der Kantinenkoch auf dem Gelände gesehen haben will.

Der Wolf kam aus den Bergen, und mit ihm kamen andere Wölfe, kamen ins Flachland. Drangen in Gebiete vor, in denen man sie nie zuvor gesehen hatte. Sie trieb der Hunger, das Wissen um Welpen, das Wissen um den Hunger der Welpen. Der Wolf und die Wölfe haben keine Namen. Man nennt sie Wolf und Wölfe. Sie haben Verstecke. Sie bewegen sich nachts.

Obwohl die Fabrik, ein Familienbetrieb, kurz vor der Insolvenz und dem endgültigen Verkauf steht, wird die Jagd auf den Wolf zur Obsession des Chefs, während die Pleite kaum eine Rolle zu spielen scheint. Nach und nach entlässt er die Angestellten, am Ende bleiben nur noch die Ich-Erzählerin und ihr Nachtwächter-Kollege Clemens, die die Fabrik vor dem tierischen Eindringling schützen sollen und dafür auf dem Gelände Tellereisen aufstellen und eine Fallgrube ausheben.

Hier ist ein neues Umfeld zu erkunden. Hier ist noch alles möglich.

Die verordnete Jagd auf den Wolf, dessen Existenz nicht als gesichert gelten kann, schlägt sich in einer topographischen Erkundung des literarischen Raums nieder: Um das Eindringen des Wolfs zu verhindern, muss sie die Grenzen des Hoheitsgebietes erkunden und bestimmen. Die klaren, von Menschen gemachten Grenzen der Fabrik stehen dabei im Gegensatz zu den natürlichen Grenzen, die weitaus durchlässiger sind: Das wird spätestens deutlich, als sie von einer Geschichte hört, die sich am Rand des Fabrikgeländes vor einigen Jahren zugetragen hat.

Dort wurde eine Leiche gefunden, die beim Landeanflug auf den nahe gelegenen Flughafen aus einem der Triebwerke fiel. Nicht aber der Sturz kostete dem Menschen das Leben: Vielmehr ergaben die Untersuchungen – so erfährt sie aus den Zeitungsberichten, die ein Kollege akribisch sammelt –, dass er vorher erfroren sein muss. Die Identität des Mannes wurde nie geklärt, aber alles deutet darauf hin, dass es sich um einen afrikanischen Geflüchteten handeln musste, der im Flugzeugtriebwerk als blinder Passagier nach Europa einzureisen versuchte.

Spätestens mit dem ‚Mann, der vom Himmel fiel‘ wird klar, wofür der gejagte Wolf in Hier ist noch alles möglich eigentlich steht: Die irrationale Angst vor dem Fremden, die den rechtspopulistischen Parteien seit 2015 europaweit so große Zuläufe beschert. Der Wolf entpuppt sich dafür als eine überaus treffende Personifikation. Literaturgeschichtlich dient er meist als Symbol der Bedrohung – in Märchen ist er der hinterlistige und immer hungrige Menschenfresser oder bedroht die Existenz, weil er Nutztiere reißt – und als Konkurrent des Menschen (mehr zum Wolf als literarisches und kulturgeschichtliches Motiv hat Christian Thomas in der Frankfurter Rundschau zusammengetragen).

„Sie denken schon heute an morgen und graben weiter in der Vergangenheit.“

Diese Angst vor dem Fremden richtet sich im letzten Teil des Romans gegen das erzählende Ich: Als Phantombilder einer Bankräuberin auftauchen, erkennen ihre Kollegen darin die Nachtwächterin, die erst für den Job in die Stadt kam und selbst bei der Suche nach einem Schuldigen als fremd erkannt wird.

„Es kann nicht angehen, dass es eine neoliberale Freiheit für die Bewegung von Kapital, Gütern und Rohstoffen gibt, während Migranten an Grenzen festhängen und wir die Menschen, ihr Leid und ihre Zukunft vergessen“, forderten Aleida und Jan Assmann am 14. Oktober bei der Verleihung des Friedenspreises des Deutschen Buchhandels, und treffen damit in gewisser Weise auch den Kern von Molinaris Roman.

Hier ist noch alles möglich thematisiert auf kluge und vielschichtige Weise die Phantomangst vor dem Fremden. In kurzen, sprachlich nüchternen Sätzen und genauen Beobachtungen kleinster Alltagsindizien arbeitet Molinari dabei mit einer poetologisch traditionsreichen Metaphorik – vom bereits genannten Wolf über das omnipräsente Insel-Motiv oder Oppositionspaare wie Himmel und Erde, Luft und Wasser –, die dem Roman den Rücken stärken. Angereichert mit kleinen Illustrationen wird Hier ist noch alles möglich zu einem literarischen Abenteuer – auch wenn im Roman eigentlich gar nichts geschieht.


Wir danken dem Aufbau Verlag für das Rezensionsexemplar.