Schlagwort: 20. Jahrhundert

Jörg Späters „Siegfried Kracauer“: Ein vergessener Mann

In dem Moment als die Literaturwissenschaft die weibliche Literatur der Weimarer Republik und ihre Protagonistinnen wie Irmgard Keun, Vicky Baum oder Marieluise Fleißer wiederentdeckte, entdeckte sie auch Siegfried Kracauer für sich neu. Er hatte den zentralen Text zu dem Milieu geschrieben, das die Autorinnen immer wieder beschrieben: die Angestellten. Dass Kracauer überhaupt wiederentdeckt werden muss, scheint befremdlich. Doch Kracauer war ein höchstintelligenter Hansdampf in allen Gassen, was für die Rezeption immer eine Schwierigkeit darstellt. Wer fühlt sich für ihn zuständig? Die Literaturwissenschaften? Die Filmwissenschaften? Die Soziologie? Kracauer bespielte alle diese Felder, meist immer mit Bravour. Diesem „vergessenen Mann“, wie er sich selbst bezeichnen sollte, widmet Jörg Später nun die erste umfassende Biographie und gibt einen Eindruck von einem Epochenumbruch und einem, der diesen wie kaum ein anderer zu beschreiben wusste. Weiterlesen

Stefan Zweigs „Buchmendel“ & „Die unsichtbare Sammlung“: Die Sammler von Gestern

Stefan Zweig ist der Meister der Nostalgie. Mit „Die Welt von Gestern“ hat er ein ganzes Programm dieses nostalgischen Blicks vorgelegt. Dabei gilt es zwischen zwei Varianten der Nostalgie zu unterscheiden: der Verklärenden und der Bewahrenden. Die verklärende Nostalgie kann gefährlich sein, man trifft sie gerade überall an. Sie beschwört das vermeintlich zu Unrecht Vergangene, um die Gegenwart abzulehnen. Auch Stefan Zweigs Blick auf die Vergangenheit ist davon nicht gänzlich frei. Die bewahrende Nostalgie erfüllt jedoch eine wichtige Aufgabe und hatte vor allem nach dem Zweiten Weltkrieg Konjunktur. Die Rückschauen Stefan Zweigs, aber auch die eines Friedrich Torbergs sind ein Versuch, über die finale Zäsur, die die Zerstörungswut der Nationalsozialisten hervorgebracht hat, einige wenige Brücken zu bauen. Im Topalian & Milani Verlag sind nun zwei Erzählungen Zweigs neu erschienen, die auch von Zäsuren und dem, was es zu erhalten gilt, erzählen. Weiterlesen

Der Großmeister der Kritik: Deborah Vietor-Engländers Alfred Kerr-Biographie

Wenn er das Theater betrat, erstarrte der Saal in ehrfürchtiger Stille. Dramatiker und Schauspieler zitterten, wenn sie am Tag nach der Premiere die Zeitung aufschlugen, um seine Besprechung zu lesen. Millionen von Lesern zwischen Königsberg und Paris berichtete er wöchentlich über die kleinen und großen Verfehlungen der Berliner Kulturelite, aber auch aus seinem Privatleben: Vor 100 Jahren gehörte Alfred Kerr zu den prominentesten Berlinern seiner Zeit. Endlich hat Deborah Vietor-Engländer dem Großmeister der Kritik eine ausführliche Biographie gewidmet. Weiterlesen

George Prochniks „Das unmögliche Exil“: Panik plus Abschiedsweh

Sich mit Flucht- und Exilerfahrungen auseinanderzusetzen, scheint heute wichtiger denn je. Bei Stefan Zweig scheint sich diese Beschäftigung doppelt zu lohnen, denn als Schriftsteller kann er wie kaum ein anderer seine innere Zerrissenheit zur Sprache bringen, anschaulich machen, was die gewaltsame Entwurzelung für den Einzelnen bedeutet. Bei ihm ist die Sache jedoch komplizierter als sie bei vielen anderen eh schon ist: als österreichischer Jude drohte ihm die Vernichtung, hätte er das Dritte Reich nicht früh genug verlassen. Allerdings floh er aus einem Land, das es bald schon gar nicht mehr geben sollte. Das führte zu dem unglücklichen Umstand, dass er bei Kriegsbeginn 1939 im englischen Exil als Deutscher identifiziert wurde. Seit Zweig Österreich für immer verließ, war er sich seiner Stellung in der Welt nicht mehr sicher und kam nirgendwo mehr richtig an. Von dem, was es heißt, im Exil zu sein, erzählt der amerikanische Autor und Journalist George Prochnik. Weiterlesen

Christian Krachts „Die Toten“: Achtung, Sie betreten die hölderlinsche Zone

Vier Jahre ist es nun her, da rüttelte gerade der neuste Christian Kracht-Roman das deutschsprachige Feuilleton aus seiner Schläfrigkeit. Den Anfang machte Georg Diez, der mit seinem Vorwurf, Kracht sei „Türsteher des rechten Gedankens“, die Debatte lostrat. Ein gefeierter, rechter Schriftsteller? Nachdem Botho Strauß niemandem mehr die Zornesröte ins Gesicht treibt und Martin Walser das Dasein als Punchingball satt hat, war mit Kracht ein würdiger Nachfolger gefunden. Es wurde protestiert, es wurde ein bisschen zurückgerudert, schließlich wurde die Sache vergessen, nachdem sich Kracht für eine Weile ins mediale Nirwana zurückzog. Aus der Aufregung ist nun Tradition geworden. Pünktlich zur Veröffentlichung Krachts neuen Roman „Die Toten“ wurde sich wieder gründlich geärgert – dieses Mal jedoch in Form eines Sturms im Wasserglas. Weiterlesen

Hermann Brochs „Die Schlafwandler“: Von Beruf Mensch

Den Begriff des „Schlafwandlers“ hat in jüngerer Zeit ein gewisser Christopher Clark besetzt, ein etwas kauziger australischer Historiker, der in Cambridge lehrt und mit seinem umfassenden Werk zum Ersten Weltkrieg einen wahren Megaerfolg hatte, was in der Wissenschaftsliteratur selten genug ist. Danach ist ihm der Ruhm zu Kopf gestiegen und er hat sich vom ZDF in Wanderstiefel stecken lassen, um den Deutschen im deutschen Wald die Deutschen zu erklären. Hinter all der Aufregung ist derjenige untergegangen, der den Titel „Die Schlafwandler“ ein Jahrhundert zuvor geprägt hat: Hermann Broch. Der österreichische Schriftsteller, der zu einem der großen Autoren der Moderne gezählt wird und von seinen Zeitgenossen bewundert wurde, veröffentlichte die Romantrilogie in den dreißiger Jahren. Broch erzählt darin, von Kulturpessimismus beseelt, vom Niedergang einer Epoche und wurde damit zur Kassandra seines eigenen Schicksals: 1938 inhaftiert entging er nur knapp dem Schicksal vieler anderer Juden in Österreich. Zeitlebens sollte sich Hermann Broch damit beschäftigen, wie der moderne Mensch in der Masse vereinsamt. Weiterlesen

Louis-Ferdinand Céline: Expedition zur Kehrseite der Zivilisation

Als im letzten Jahr die sonst so belesene Sibylle Lewitscharoff in ihrer Dresdener Rede gegen unnatürliches Leben wetterte und Kinder, die aus künstlicher Befruchtung entstanden sind, als Halbwesen bezeichnete, war die Aufregung zurecht groß. Dabei unterlag die Empörung einem alten Missverständnis: Der poetische Mensch müsste auch ein intelligenter Mensch sein. Nun ist Lewitscharoff eine gute, aber keine epochenmachende Schriftstellerin und mit ihrem in der schwäbischen Provinz gegorenen Unmut gegen die Moderne steht sie im Land der Verschwörungstheoretiker und Reichsbürger nicht alleine da. Schwerer wiegt der Fall Louis-Ferdinand Céline. Denn dem 1894 geborenen Schriftsteller gelang mit seinem Debütroman „Reise ans Ende der Nacht“ ein Meisterwerk. Hätte ihn nach der Publikation der Blitz getroffen, er wäre als einer der größten Franzosen in die Geschichte eingegangen. Doch er lebte weiter. Und arbeitete zeitlebens daran, die schlimmste Version seiner selbst zu werden. Weiterlesen