Schlagwort: Autobiographie

Ijoma Mangolds „Das deutsche Krokodil“: Das Unikum

Als Kritiker selbst Bücher zu schreiben, ist wohl das gefährlichste Vorhaben in der Literaturbranche. Gibt es positive Reaktionen vermutet jeder Freundschaftsdienste, wird das Buch verrissen, meint man die Messer zu hören, die schon jahrelang in Vorbereitung gewetzt wurden. So oder so, man kann es eigentlich kaum jemanden Recht machen. Früher war das eigene (literarische) Schreiben und Kritikersein noch kein Widerspruch, da war es aber auch üblicher, dass Schriftsteller als Kritiker tätig wurden. In jüngerer Vergangenheit hat Fritz J. Raddatz sich mit seinem eigenen Werk ganz passabel geschlagen, vor allem mit seinen biographischen Texten, Reich-Ranicki versuchte sich erst gar nicht am Fiktionalen, feierte dafür riesige Erfolge, vor allem mit seinem Memoir. Schlechter erging es da Helmuth Karasek, der mit seinen literarischen Gehversuchen regelmäßig auf die Nase fiel. Nun hat sich Ijoma Mangold, Literaturchef bei der ZEIT, ein Herz gefasst und in „Das deutsche Krokodil“ sein Leben beschrieben. Leider hat der literaturbeflissene Kritiker darin keinen konsequenten Umgang mit dem Autobiographischen gefunden. Weiterlesen

Thomas Melles „Die Welt im Rücken“: Schonungslos geirrt

Mal wieder ist es nicht der große Favorit geworden. Nachdem 2015 aufgrund der Aktualität Jenny Erpendeck mit ihrem Roman „Gehen, ging, gegangen“ bei den Buchmachern ganz oben stand, schien für viele dieses Jahr fast schon beschlossene Sache, dass Thomas Melle mit „Die Welt im Rücken“ den Deutschen Buchpreis abräumen würde. Schließlich ist es doch Bodo Kirchhoff geworden. Für die Literatur ist das eine gute Nachricht, denn der Umgang mit Melles Text ist symptomatisch für die deutschsprachige Rezeption und ihre Ich-Sucht. Die Fiktion gilt nicht mehr viel, authentisch muss es sein. Dabei ist „Die Welt im Rücken“ ein faszinierender Text, aber kein Roman. Weiterlesen

Stuckrad-Barres „Panikherz“: Gegen die Ironie und für das Gefühl

Es ist ein seltenes Unglück, eine Buchbesprechung schon ganz zu Anfang mit einem Disclaimer versehen zu müssen. Das Sprechen über „Panikherz“ kann nur ein ungerechtes sein, was sich dieses Buch selbst eingebrockt hat. Denn Benjamin von Stuckrad-Barres neuster – ja, was eigentlich – Roman bzw. Autobiographie hat wohl vor allem eine selbstherapeutische Intention. In diesem Sinne kann man nur hoffen, dass es dem Autor geholfen hat, denn scheinbar stand es bei dem Schriftsteller mehrere Male Spitz auf Knopf, die letzte Ausfahrt zu nehmen. Wer sich „Panikherz“ mit einem voyeuristischen Interesse nähert, wird auf seine Kosten kommen, denn Stuckrad-Barre lüftet ausgiebig die eigene Bettdecke. Doch als literarischer Text muss das Buch auch anderen Kriterien standhalten: Schafft es der Text, die Geschichte seiner Figur soweit poetisch zu verdichten, dass daraus eine Generationengeschichte wird? Leider nicht – „Panikherz“ ist eher als Symptom zu lesen, denn hier wird wenig Literatur und viel Therapie betrieben. Weiterlesen