Schlagwort: DDR

Dichtung oder Wahrheit? Franziska Hausers „Die Gewitterschwimmerin“

Die diesjährige Longlist zum Deutschen Buchpreis barg kaum Überraschungen. Selten nominierte die Jury so viele Bücher aus den Frühjahrsprogrammen der Verlage, selten hatten so viele der zwanzig Romane von der Kritik so viele Vorschusslorbeeren geerntet: Gleich zwei der nominierten Bücher standen bereits auf der Shortlist zum Preis der Leipziger Buchmesse, Arno Geiger und Angelika Klüssendorf gehörten zu den Feuilletonlieblingen der vergangenen Monate.
Eines der wenigen Longlistbücher, die zum Zeitpunkt der Nominierung zwar schon erschienen waren, aber kaum Beachtung fanden, ist Franziska Hausers Familiensaga „Die Gewitterschwimmerin“. Gehört der Roman wirklich zu den besten Büchern des Jahres? Weiterlesen

Manja Präkels‘: „Als ich mit Hitler Schnapskirschen aß“: Der Kapitalismus trägt Springerstiefel

Mit langen, lustigen Titeln ist es so wie mit T-Shirt-Sprüchen. Zuerst huscht ein Grinsen ins Gesicht, doch je länger man draufschaut, desto tiefer sinken die Mundwinkel. Warum das so ist, das hat Daniel Kehlmann im ZEIT-Interview zuletzt gut auf den Punkt gebracht: „Der Witz ist da, man lacht, man hat ihn verarbeitet – aber dann bleibt er da. Weil der Mensch das T-Shirt ja immer noch trägt. Aber der Witz sollte nicht mehr im Raum sein, nachdem er gewirkt hat. Und deswegen sollte man keine lustigen T-Shirts tragen!“ Ähnlich verhält es sich mit dem Titel von Manja Präkels Roman „Als ich mit Hitler Schnapskirschen aß“. Hitler, das ist sowieso ein beliebtes Buzzword, mit dem man die Leute vom Hocker holt, und dazu noch Schnapskirschen, das ein versunkenes Wort aus Zeiten der Mettigel und Häkeldecken ist, bildet einen schönen Kontrast. Unterstützt vom prägnanten Verbrecher Verlags-Design, das den Kontrast im Rot der Schrift und Schwarz des Buches aufnimmt, ist der Witz im Raum. Und verlässt ihn nicht mehr. Weiterlesen

Ingo Schulzes „Peter Holtz“: Lebt denn der alte Schelmenroman noch?

Der Schelmenroman ist ein trügerisches Genre. Er gibt einen leichtfüßigen Ton vor, muss sich seicht anfühlen, ohne es zu sein. Der Schelm ist eine naive Figur, doch der Roman darf nicht naiv sein. Der Schelm hat ein simples Weltbild, doch seine literarische Einbettung muss differenziert sein. Und der Schelm hat ein kindliches Gemüt, doch es gibt nichts Schlimmeres als kindliche Literatur. Wie es der Gemeinplatz sagt, ist das Einfache schwer zu machen und so ist es auch beim Schelmenroman. Seine Wurzeln reichen bis in die Vormoderne zurück, der Referenztext ist und bleibt der „Simplicissimus“. Mit der Grasschen Blechtrommel hat vielleicht zum letzten Mal ein deutscher Literat Erfolg mit diesem Genre gehabt, auch wenn Oskar Matzerath vielleicht kein lupenreiner Schelm ist. Nun hebt Ingo Schulze an, das Schelmische in der Literatur wiederzubeleben. Sein „Peter Holtz“ schaffte es zwar auf die Longlist zum Deutschen Buchpreis 2017, scheiterte aber zur Überraschung vieler an der Shortlist. Man muss leider sagen: zu Recht. Weiterlesen

Die Topographie der Heimatlosigkeit: Jana Hensels „Keinland“

Vor gut zwei Monaten führte der Streit um die ARD-Dokumentation „Auserwählt und ausgegrenzt – der Hass auf Juden in Europa“ zu einem Aufflammen der Debatte um den auch hierzulande erstarkenden Antisemitismus. Die deutschsprachige Gegenwartsliteratur der vergangenen Jahre hat sich immer wieder mit dem Thema ‚Alltags’-Antisemitismus, der oft in einer ‚Das wird man doch wohl wieder sagen dürfen’-Manier daherkommt, auseinandergesetzt. Ein literarisches Beispiel ist Mirna Funks großartiger Debütroman „Winternähe“ (2015), in dem sich die Protagonistin Lola vor lauter Antisemitismus schließlich nach Tel Aviv absetzt. Auch in Jana Hensels Debüt „Keinland“ steht das deutsch-jüdische Verhältnis im Zentrum: ein „Liebesroman“ ohne Happy End. Weiterlesen

Matti Geschonnecks „In Zeiten des abnehmenden Lichts“: Der letzte Geburtstag der DDR

Ohne die Kunst wäre die DDR vielleicht schon längst vergessen. Während die Politik das Gedenken und Sprechen über die ostdeutsche Republik beinahe schon fast aufgegeben hat und letzte Lücken, die das realsozialistische Regime in die Städte der Deutschen geschlagen hat, mit wilhelminischem Kitsch aufschüttet, ist die DDR in der Kulturindustrie ein ewiger Dauerbrenner. Merkwürdigerweise nicht nur in Deutschland, auch in Übersee hat man das Thema für sich entdeckt (Franzens „Purity“ oder Stephen Kings „Bridge of Spy“), überall will man sich etwas über den Spießersozialismus der untergegangenen DDR erzählen. Eins der besseren Bücher über diese Zeit stammt von Eugen Ruge, der mit seinem Roman „In Zeiten des abnehmenden Lichts“ damals einen echten Kritikererfolg feierte. Nun hat der arrivierte Fernsehregisseur Matti Geschonneck den Stoff auf die Kinoleinwand gebracht. Weiterlesen

Clemens Meyers „Die stillen Trabanten“: Nichts passt mehr zusammen

Wer die immer noch spürbaren Folgen der Wende erkunden möchte, der darf nicht in die Innenstädte Ostberlins, Leipzig oder Dresden schauen. Dort wird der Umbruch nur noch über die deutlich, die nicht mehr da ist. Vielmehr muss man in die Trabantenstädte gehen, dort, wo die sozialistischen Machthaber dachten, sie könnten eine neue Gesellschaft auf dem Reisbrett entwerfen, fernab von dem kulturellen Erbe, das sich in den verfallenden Altstadtbezirken transportierte. Heute sind sie Ruinenstädte, von Geistern bevölkert. Mit „Die stillen Trabanten“ bringt Clemens Meyer diese abseitig-jenseitigen Orte wieder zum Sprechen. Weiterlesen

Aus dem Osten: Kathrin Schmidts „Kapoks Schwestern“

Kathrin Schmidt, die vor sieben Jahren mit „Du stirbst nicht“ den Deutschen Buchpreis gewann, hat einen neuen Roman vorgelegt. „Kapoks Schwestern“ lässt sich wohl ohne weiteres als Berlin-Roman identifizieren. Schauplatz ist jedoch kein hipper Szenebezirk wie Mitte, Neukölln oder Friedrichshain, sondern eine Einfamilienhaus-Siedlung am Baumschulenweg im Südosten von Berlin, in dem die Zeit still zu stehen scheint. Die Siedlung in Köpenick ist Ausgangspunkt für eine Erinnerungsreise in die Geschichte des letzten Jahrhunderts, die anhand zweier Familien erzählt wird und von Berlin aus in den Osten führt, um am Ende nach Berlin zurückzukehren.

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André Kubiczeks „Skizze eines Sommers“: Nur Eitelkeit auf Erden

Skizze eines Sommers

Und täglich grüßt das Murmeltier: keine Longlist des Deutschen Buchpreises ohne seinen DDR-Roman. Das ist kein Grund zu klagen, schließlich gehört die ostdeutsche Republik zur gesamtdeutschen Vergangenheit. Doch André Kubiczeks „Skizze eines Sommers“ erinnert in frappierender Weise an Peter Richters „89/90“, das im letzten Jahr einen Platz auf der Longlist bekam. Daher drängt sich die Vermutung auf, dass hier per Quote Romane ausgewählt werden, jedem Genre sein Plätzchen, schließlich soll auch für jeden Leser etwas dabei sein. Auch sonst ist bei Kubiczek alles typisch Buchpreis 2016: ein handwerklich solider, völlig harmloser Roman, der den Leser weder herausfordert, noch in Frage stellt; ihn am emotionalen Schlafittchen packen möchte, ohne die wirklich wunden Punkte zu berühren. Weiterlesen

Eugen Ruges „Follower“: Die Mirabellen-Zeit ist vorbei

Die DDR ist längst zu einer Chiffre für den Überwachungsstaat an sich geworden. Erst im letzten Jahr erschien Jonathan Franzens „Purity“, in dem die DDR nur noch als Kulissenstaat und historische Folie auftrat, um das Problem der Überwachung im digitalen Zeitalter zu bebildern und den Umgang mit Dissidenten zu erleuchten. Zwar ist die konkrete DDR und ihre Schicksale immer noch sehr präsent, wie bei Christoph Hein oder Guntram Vesper, doch je weiter sie im historischen Verlauf nach hinten rückt, wird deutlich: der Staat mag untergegangen sein, die Wunden, die er geschlagen hat, verheilen so langsam, aber das Prinzip Überwachung ist aktueller denn je. Einen ihrer letzten großen Auftritte hatte die DDR in Eugen Ruges „In Zeiten des abnehmenden Lichts“, einer Familiengeschichte über sozialistische Enttäuschungen an beiden Enden; derer, die sie aufgebaut haben und derer, die spät in sie hineingeboren wurden. Nun ist Ruge mit einer Dystopie zurück und auch hier lässt ihn der ostdeutsche Staat als Erklärungsmuster nicht los. Weiterlesen

Es gibt nur Geschichten: Paula Fürstenbergs „Familie der geflügelten Tiger“

Nicht nur die großen BRD-, sondern auch die DDR-Romane hatten in den letzten Jahren Konjunktur: Lutz Seilers mit dem Deutschen Buchpreis 2014 ausgezeichneter Roman „Kruso“ oder Guntram Vespers Monumentalwerk „Frohburg“, das in diesem Frühjahr den Preis der Leipziger Buchmesse gewann, sind nur die aktuellsten und erfolgreichsten Beispiele. Die oft sehr detaillierten und ausladend erzählten Schilderungen der Lebenswelten während der innerdeutschen Teilung sind geographisch eher im Dörflichen angesiedelt. Ein Gegengewicht in der deutschsprachigen Gegenwartsliteratur bildet da der ebenso beliebte Berlin-Roman, der das Leben in der Großstadt nach der Wiedervereinigung thematisiert. Paula Fürstenberg hat mit ihrem bemerkenswerten Debüt „Familie der geflügelten Tiger“ gleichzeitig einen DDR- und einen Berlin-Roman vorgelegt, der zwar die gängigen Motive aufgreift, aber einen eigenen, neuen Weg findet, den Stoff zu verarbeiten. Weiterlesen