Schlagwort: deutsche Literatur

Martin Walsers „Statt etwas oder Der letzte Rank“: Von einem, der nicht anders kann

Um sein Leben schreiben ist ein weit verbreitetes Motiv in der Literatur. Manche taten es vom Sterbebett, manche vom Gefängnis aus. Thomas Bernhards ewige Wortkaskaden wurden von der Forschung immer wieder als Versuch gelesen, der eigenen Atemnot entgegenzuschreiben, dem kurzen Atem den langen Satz entgegenzustellen. Auch Martin Walser ist mittlerweile in einem Alter angelangt, in dem – bei allem Respekt – jedes neue Buch das letzte sein könnte. Erst letztes Jahr hat der Großautor einen Roman mit dem vielsagenden Titel „Ein sterbender Mann“ veröffentlicht, nun folgt der nächste Streich zugleich, wieder mal doppeldeutig: „Statt etwas oder der letzte Rank“. Rank kann Kurve, aber auch List bedeuten. Wer Walsers neuen Roman liest, wird sich an vieles erinnert fühlen – an einen Autor, der es wie kaum ein anderer versteht, den eigenen Verstehensversuchen literarischen Ausdruck zu verleihen, sich die Welt literarisch anzueignen, aber auch an einen Mann, der alte Kriegsbeile immer wieder ausgräbt. Wenn Alterswerke Fäden zusammenführen und Resümees zu ziehen, ist dieser Roman prototypisch. Oder ist alles nur eine List? Weiterlesen

Isabelle Lehns „Binde zwei Vögel zusammen“: In Twittergewittern

Liama Menina schließt ihren Bericht über ihre Zeit im US-Stützpunkt in Hohenfels mit den Worten: „Freedom, finally, enduring!“ Liama Menina ist nicht ihr richtiger Name, doch die 26 Tage, von denen sie berichtet, könnten nicht (ir)realer sein. Zur Vorbereitung auf den Afghanistan- und schließlich auch Irakkrieg nutzten die amerikanischen Streitkräfte den deutschen Stützpunkt, um ein afghanisches Dorf zu simulieren, in dem reale Gefechtssituationen trainiert werden. Die in der taz berichtende Studentin hat die Geldnot dazu bewegt, in die Haut einer afghanischen Frau zu schlüpfen, ihr Bericht konzentriert sich vor allem auf die Strapazen, das schlechte Essen, den Stress, den der andauernde Theaterdonner auslöste. Der Bericht diente der Autorin Isabelle Lehn zur Inspiration für ihren Debütroman „Binde zwei Vögel zusammen“, in dem sich in dem Potemkinschen Dorf eine waschechte Subjektkrise vollzieht. Weiterlesen

Wolfgang Koeppens „Amerikafahrt“: Republikanische Pracht

Die Geschichte Wolfgang Koeppens ist die des Verstummens. Der Autor aus Greifswald galt unter seinen Zeitgenossen als einer der avanciertesten Nachkriegsschriftsteller, obgleich sein literarischer Werdegang schon in der Weimarer Republik begann. Mit Marcel Reich-Ranicki hatte Koeppen einen wortmächtigen Fürsprecher an seiner Seite; eine Verbindung, die in der Nachbetrachtung unterschiedlich bewertet wurde. Während die einen Reich-Ranicki für seine Errungenschaften um Koeppen preisen, haben andere dem Großkritiker stets vorgehalten, das Verstummen des Autors mit seinem ständigen Drängen auf den nächsten großen Roman noch befördert zu haben. Wer es mit einfachen psychologischen Schlüssen hält, könnte vermuten, der Grund für Koeppens spätere Konzentration auf Reiseberichte ist genau in diesem Spannungsverhältnis erwachsen: die Reise als Flucht vor einem Kulturbetrieb, der ständig Erwartungen an einen Autoren herantrug, die dieser nicht mehr erfüllen konnte oder wollte. Einer der Texte dieser Zeit ist Koeppens „Amerikafahrt“, die Reise eines Enthusiasten. Weiterlesen

Jörg Magenaus „Martin Walser“: „Was ihm zustößt, beantwortet er mit Literatur.“

Walter Jens, Siegfried Lenz, Günter Grass oder Marcel Reich-Ranicki – mit dem Tod der großen Persönlichkeiten der Nachkriegszeit scheint endgültig eine Literaturepoche zu enden, die die BRD wie keine andere geprägt hat. Mit Hans Magnus Enzensberger und Martin Walser sind der Literatur nur noch zwei zentrale Gestalten dieser Zeit und der wichtigen Gruppe 47 verblieben. Während Enzensberger immer mal wieder von sich reden macht, wenn er zum Beispiel in der FAZ empfiehlt, das Smartphone wegzuwerfen, hat sich Martin Walser, seit dem Eklat um seine Rede in der Frankfurter Paulskirche, weitgehend ins Private zurückgezogen. Das scheint verständlich, denn Walser focht seine Konflikte im Rampenlicht aus. Der Autor vom Bodensee war in der öffentlichen Wahrnehmung erst als Kommunist, dann als Antisemit verschrien, womit ihn die zwei schwersten Vorwürfe trafen, die in Deutschland überhaupt erhoben werden können. Deswegen lässt sich an seinem Leben auch eine Geschichte der Bundesrepublik im pars pro toto erzählen, denn Martin Walser war ein ständiger Begleiter der großen Konfliktlinien dieses Landes. Weiterlesen

Gomes/Thermanns „Berge, Quallen“: Verirrt auf dem Assoziationspfad

Was zeichnet einen erfolgreichen Kriminalroman aus? Ein etwas verschrobener, alkoholabhängiger Ermittler, mit dem der Leser sich aber trotzdem identifizieren kann, ein geekiger Sidekick, vielleicht ein Hackergirl oder ein dicker Tollpatsch, ein knackiger Mord, ein ungewöhnliches Setting, etwa eine Zeche im Ruhrgebiet oder ein Nudistendorf an der Ostsee, und vor allem: Suspense. Zwar entspringt die Spannung aus einem Moment der Unsicherheit über den Verlauf der Handlung, die Identität des Täters etc., um diese Unsicherheit herzustellen, ist der Leser jedoch auf einen nachvollziehbaren Handlungsverlauf, eine gewisse chronologische Ordnung und plastische Figuren angewiesen. Daher hat sich das Autorenduo Mário Gomes und Jochen Thermann gedacht: verzichten wir auf all das und schreiben mit „Berge, Quallen“ einen Anti-Krimi. Was auf dem Papier interessant klingt, erweist sich bei der Lektüre als quälend. Weiterlesen

Thomas Melles „Die Welt im Rücken“: Schonungslos geirrt

Mal wieder ist es nicht der große Favorit geworden. Nachdem 2015 aufgrund der Aktualität Jenny Erpendeck mit ihrem Roman „Gehen, ging, gegangen“ bei den Buchmachern ganz oben stand, schien für viele dieses Jahr fast schon beschlossene Sache, dass Thomas Melle mit „Die Welt im Rücken“ den Deutschen Buchpreis abräumen würde. Schließlich ist es doch Bodo Kirchhoff geworden. Für die Literatur ist das eine gute Nachricht, denn der Umgang mit Melles Text ist symptomatisch für die deutschsprachige Rezeption und ihre Ich-Sucht. Die Fiktion gilt nicht mehr viel, authentisch muss es sein. Dabei ist „Die Welt im Rücken“ ein faszinierender Text, aber kein Roman. Weiterlesen

Hass, Hass, Hass: Nele Pollatscheks „Das Unglück anderer Leute“

Als sich Elke Heidenreich im SRF Literaturclub Ende August über Michelle Steinbecks Debüt „Mein Vater war an Land ein Mann und im Wasser ein Walfisch“, das es auf die diesjährige Longlist zum deutschen Buchpreis geschafft hatte, ausließ und bei der Autorin Geisteskrankheiten und Sozialstörungen diagnostizierte, wies die in dieser Sendung selbst leicht verwirrt wirkende Kritikerin auf ein anderes Buch hin, das ihrer Ansicht nach das gelungene Debüt einer jungen Autorin verkörpert: „Ich lese gerade ein Buch von Nele Pollatschek, das ist auch eine 25-jährige Autorin, das Buch heißt „Das Unglück anderer Leute“: was für eine Kraft, was für eine Sprache.“ Damit beweist Heidenreich nur ein weiteres Mal, dass man auf ihr Urteil nicht vertrauen kann. Weiterlesen

Michael Kumpfmüller: Die Domestizierung der Literatur

Der Mann ist in Gefahr. Schleichend, fast lautlos tritt er den Rückzug an, bedroht von einer aufstrebenden, immer stärker werdenden Gruppe: den Frauen. Was bleibt da noch für die Männer? Sollen sie sich mit ihrem Niedergang abfinden? Und wie könnte ihre neue Rolle aussehen? Auf diese Frage hatte schon Herbert Grönemeyer keine befriedigende Antwort gefunden, mittlerweile ist das Thema in der Literatur angekommen, wie Thomas Hettches „Liebe der Väter“ oder Ralf Bönts „Das entehrte Geschlecht“ zeigt. Der (westliche) Mann befindet sich zwischen Rückzugsgefecht und Neujustierung und geht damit ganz unterschiedlich um: manche lassen noch mal den alten Silberrücken aufleben, andere begleiten ihren Abstieg mit quengeliger Larmoyanz. Die nächste Reise ins Innere des neuen Mannes hat Michael Kumpfmüller mit „Die Erziehung des Mannes“ unternommen und es damit immerhin auf die Longlist des Deutschen Buchpreises geschafft. Weiterlesen

Bodo Kirchhoffs „Widerfahrnis“: Immer der Sonne entgegen

Erst „Die Witwen“, jetzt „Widerfahrnis“: Ein Trend, der sich auf der diesjährigen Longlist zum Deutschen Buchpreis beobachten lässt, manifestiert sich im Motiv des Roadmovie. Diesmal sind nicht vier Frauen und ein Mann am Moselufer entlang, sondern eine Frau und ein Mann, in ihrem Cabrio Richtung Süden unterwegs: Ein spontaner Kurztrip, drei Tage lang immer dem Meer entgegen. Auch wenn die Figurenkonstellationen unterschiedlich sind, „Die Witwen“ und „Widerfahrnis“ verbindet, dass ihre Protagonisten nicht abenteuerlustige Jugendliche wie etwa in Herrndorfs „Tschick“, sondern gestandene Männer und Frauen in ihren Sechzigern sind, die sich auf die Reise machen und die vor allem vor etwas wegzulaufen scheinen.

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Andreas Maiers „Der Kreis“: „Haus. Stille. Gardinen. Ich.“

Im schnelllebigen Literaturbetrieb ist Andreas Maier eine echte Konstante. Während ein Debüt das nächste Debüt jagt, Autoren mal Historienromane, mal Science-Fiction-Dystopien veröffentlichen, schreibt Maier mit mönchischer Gelassenheit seit Jahren an seiner autobiographischen Romanreihe oder wie er es nennt: der Ortsumgehung. In den letzten Bänden ging es um die geistige Vermessung des Elternhauses, Onkel J., den romantischen Ersterlebnissen und der Aneignung einer eigenen Sprache, geschult an der Bravo. So wie sich das Leben beim Aufwachsen immer weiter öffnet, entfaltet sich auch Maiers Romanzyklus: von der kleinsten Einheit des Hauses, dem Zimmer, bis nun mittlerweile zum Kreis. In diesem neusten Band erwacht im Ich der Schriftsteller. Weiterlesen