Schlagwort: deutschsprachige Literatur

„Auserwählt, um Widerstand zu leisten“: Jan Wehns „Morgellon“

Wehn-Morgellon

Noah Zimmermann hat ein Urlaubssemester genommen und sich in die – noch unveränderte – Wohnung seines kürzlich verstorbenen Großvaters einquartiert. Die unter der Matratze versteckten Bargeldreserven sorgen für das leibliche Wohl des Studenten, der von dem Geld Pizza bestellt oder seinen alten Freund und Ärztesohn Sven dafür bezahlt, dass dieser ihm mit Vatis Rezeptblock bei der Beschaffung von Medikamentennachschub hilft, seit die Vorräte des Großvaters an Benzodiazepinen zur Neige gehen. In seiner Debütnovelle „Morgellon“ erzählt Jan Wehn vom Abschied aus der Realität und dem neuen Weltbild zwischen Chemtrails und der ‚GmbH Deutschland‘, der immer mehr Menschen Glauben schenken. Weiterlesen

Lukas Bärfuss‘ „Hagard“: Zu Fuß durch den Untergang

Die Literatur ist eine Verfolgungsjagd. Ständig haftet jemand an den Fersen der handelnden Figuren, auf Schritt und Tritt werden sie verfolgt. Mal mit gar göttlicher Allmacht, mal mit eingeschränktem Wissen darüber, was das Handlungspersonal als nächstes machen wird. Die Rede ist natürlich vom Erzähler, der eine manische Präsenz in der Literatur ist. Manche Figur in der Weltliteratur ist über die ständige Anwesenheit eines Zweiten wahnsinnig geworden, andere wiederum nehmen sie mit besonnener Gelassenheit hin. Die Hatz des Erzählers ist ein altes Motiv, der voyeuristische Charakter des Erzählens ist ein beliebtes Thema, mit dem sich die Literatur selbst thematisiert. In diese Tradition tritt Lukas Bärfuss mit seinem neuen Roman „Hagard“, bei dem gleich zwei auf die Verfolgungsjagd gehen: Protagonist Philip und eben der Erzähler selbst. Bärfuss macht daraus eine zivilisatorische Abrechnung, die nur müde an dessen Vorbilder erinnert. Weiterlesen

Regretting Fatherhood: Luise Maiers „Dass wir uns haben“

„Ich darf niemals Kinder haben.“ – Ein ganzes Notizheft füllt die namenlose Ich-Erzählerin in Luise Maiers Debüt „Dass wir uns haben“ mit diesem Satz in der ersten Szene des Romans, in der das Ich szenisch auf eine traumatische Kindheit zurückblickt: In einem grünen Haus, irgendwo im Nirgendwo, wächst sie mit Vater, Mutter und Bruder alles andere als behütet auf. Wer in diesem Erstling der Absolventin des Schweizer Literaturinstituts auf ein Happy End wartet, der wartet vergebens. Weiterlesen

Von Damaskus nach Berlin: Olga Grjasnowas „Gott ist nicht schüchtern“

Grjasnowa_Gott ist nicht schüchtern

Wie nah darf und wie nah muss Literatur sein? Darf man von ungeheurem Leid erzählen, wenn man es selbst nicht erlebt hat? Und wie kann man das Unaussprechliche verbalisieren? Olga Grjasnowa, die neuerdings bei Aufbau verlegt wird, erzählt in ihrem dritten Roman „Gott ist nicht schüchtern“ die Geschichte einer jungen Frau und einem jungen Mann aus Syrien, vom Bürgerkrieg und der Flucht nach Europa. Weiterlesen

Tex Rubinowitz‘ „Lass mich nicht allein mit ihr“: Meta!

Die Schriftstellerei ist ein schizophrenes Gewerbe. Autoren denken sich Erzähler aus, die wiederum über Figuren sprechen. Der Autor kann in seinen eigenen Romanen vorkommen oder auch völlig abwesend sein, es gibt einen privaten Autor und einen öffentlichen. Seine Texte sind immer selbstbestimmt und gleichzeitig durchdrungen von Fremdzitaten, darüber hinaus darf auch der Einfluss Zweiter und Dritter – wie der von Lektoren – nicht unterschätzt werden. Kurzum: der Autor ist eine Matroschka-Puppe, unter dem einen Figürchen wartet immer noch ein weiteres. Dass das so ist, ist keine rasante Neuigkeit. Im letzten Drittel des 20. Jahrhunderts entdeckte die Postmoderne die Lust gerade an dieser Konstellation herumzuprobieren und schrieb Literatur, die die literarische Form selbst zum Thema hatte. Zwar wurde dieser literarische Spieltrieb mittlerweile von der neuen Sehnsucht nach authentischen, lebensnahen Stoffen abgelöst, hin und wieder räuspert sich die Postmoderne jedoch noch einmal – in Tex Rubinowitz‘ Roman „Lass mich nicht allein mit ihr“ zum Beispiel, in dem das Verwirrspiel um Identitäten zum müden Witz verkommt. Weiterlesen

Gewachsen auf Beton: Fatma Aydemirs „Ellbogen“

Aydemir_Ellbogen

Berlin ist grau, und der Berliner Wedding ganz besonders. Spätestens seit den Boateng-Brüdern, die es „herausgeschafft“ haben, ist der Arbeiterbezirk auch deutschlandweit bekannt. Hier lebt die 17-jährige Hazal, die aus einer unmittelbaren Ich-Perspektive in Fatma Aydemirs Debütroman „Ellbogen“ vom Sommer erzählt, in dem sie ihren 18. Geburtstag feiert, bis zur Eskalation.  Weiterlesen

Franzobels „Das Floß der Medusa:“ Die Titanic, die eine Arche war

Wer heute den Louvre in Paris besucht und sich an den Touristenmassen vor der Mona Lisa vorbeigedrückt hat, für den ist die zweite Hürde, die es zu überwinden gilt, der Trubel vor Géricaults „Floß der Medusa“. Zu seiner Zeit ein Skandal ist es heute eines der berühmtesten Gemälde der frühen Moderne. Nicht nur für Besucherströme ist es ein Fixpunkt, auch die Literatur hat die Geschichte um die hilflos auf dem Meer herumtreibenden Seeleute und vor allem deren mediale Repräsentation fast zu jeder Epoche bewegt. Peter Weiss las in seiner „Ästhetik des Widerstands“ das Schicksal der Seeleute als Verrat an der Arbeiterklasse, Julian Barnes ulkte über Géricaults Versuch, über Gespräche mit Überlebenden und Leichenschauen ein authentisches Bild der Vorkommnisse zu fixieren. Nun hat sich der österreichische Schriftsteller und Klarnamenverweigerer Franzobel sich dem Stoff gewidmet und mit „Das Floß der Medusa“ das Buch der Stunde geschrieben, ohne sich dem Aktualitätswahn zu verschreiben. Weiterlesen

Jonas Lüschers „Kraft“: Akademische Kraftmeierei

Jonas Lüschers literarische Karriere ist die Geschichte einer Prokrastination. Eigentlich sollte der Schweizer schon längst seine Dissertation zur narrativen Bewältigung von sozialer und philosophischer Komplexität geschrieben haben. Vielleicht ist es nur folgerichtig, dass er sich im Laufe seiner akademischen Tätigkeit dafür entschieden hat, Dissertation Dissertation sein zu lassen und die literarische Durchführung gleich selbst erprobt hat. Mit der Novelle „Frühling der Barbaren“ hat Lüscher dann ganz einfach die gesellschaftliche Komplexität in die Literatur gebracht und eine kluge Arabeske über die Finanzkrise geschrieben. Vier Jahre später ist die Dissertation immer noch nicht fertig, dafür sein erster Roman. „Kraft“ heißt er und irrlichtert um das Thema Liberalismus in Zeiten von Transhumanismus und Silicon Valley. In diesem Fall ist es leider mehr wissenschaftliche Arbeit, weniger Literatur geworden. Weiterlesen

Christoph Ransmayrs „Cox“: Wie schnell die Zeit vergeht

Ransmayr Cox

Er hat es schon wieder getan. Den neuen Kracht-Roman „Die Toten“ rief Denis Scheck zum Epochenumbruch aus und behauptete, er würde für die Literatur das bedeuten, was der Tonfilm für den Film bedeutete. Das hört sich gut an, zumindest beim ersten Lesen. Beim zweiten Mal muss man sich fragen, ob der Tonfilm den Film insgesamt wirklich qualitativ auf eine andere Ebene hob oder nicht nur die Bedingungen des Films veränderte. Und wenn das so ist, welche Bedingungen nun wegen „Die Toten“ für die Literatur anders ausfallen. Schecks Neigung zur Spitze nach oben wie nach unten mag einem liegen oder nicht, in jedem Fall fällt er neuerdings dadurch auf, die Latte besonders hoch zu legen. Christoph Ransmayrs neuen Roman „Cox oder der Lauf der Zeit“ hat Scheck folgerichtig bereits zum potentiellen Welterfolg erklärt und damit mal wieder einem Verlag eine Freude gemacht. Wie liest sich also ein solcher Welterfolg? Weiterlesen

Kaffee statt Kokain: Julia Zanges „Realitätsgewitter“

Zange_Realitätsgewitter

Julia Zange ist viel beschäftigt: Sie spielt gerade ihre erste Hauptrolle im Film „Mein Bruder Robert“, der 2017 in die Kinos kommen soll und hat ganz nebenbei ihren neuen Roman „Realitätsgewitter“ vorgelegt, der nicht wie der Vorläufer „Die Anstalt der besseren Mädchen“ im Suhrkamp Verlag, sondern bei Aufbau erschienen ist. Auf dem Buchumschlag verkündet Maxim Biller: „Das kann nur Julia Zange: Alle zehn Jahre ein Buch schreiben, das man nicht mehr vergisst!“. Es mutet ironisch an, dass nun eben jenes Buch von Zange ein Schicksal zu ereilen droht, zu dem Biller mit seinem Roman „Esra“ den Präzedenzfall lieferte: angeblich haben Zanges Eltern eine einstweilige Verfügung gegen den Roman eingereicht [mehr hier], weil sie sich wiedererkannt haben wollen. Ist der Titel des Romans also Programm? Weiterlesen