Schlagwort: Dystopie

Don DeLillos „Zero K“: An involuntary man

Die Menschen können dem Religiösen nicht entfliehen. Die halbe westliche Welt klopft sich wegen ihres vernunftsgesteuerten Atheismus auf die Brust und verlacht die frommen Kirchengänger, die jeden Sonntagmorgen zu früh aufstehen müssen und dann noch den Rest der Welt mit ihrem Glockengeläut zur Weißglut treiben. Das sind jedoch die gleichen Leute, die trotz ihrer rationalen Aufgeklärtheit, in den Apple Store pilgern, als sei der Heiland erschienen und in der Kapelle des Kapitalismus ihr Opfer darbringen, um das neue, seelenheil-versprechende Produkt ihr eigen nennen zu können. Der Kapitalismus hat verstanden, wie wirkungsvoll religiöse Sinnstiftung ist, weswegen unsere Welt voll von solchen Strukturen und Mustern ist, obgleich sie sich nicht als diese auszeichnen. Der momentan mächtigste Kult hat sich in einem kalifornischen Tal versammelt und hat Großes vor. Im Silicon Valley soll nicht nur der neue Mensch geschaffen, sondern auch der Tod überwunden werden. Den Menschen bis an sein Äußerstes zu optimieren, ist der Leitstern, der die Gemeinde der Technikgläubigen an ihr Ziel führt. Denn – so formuliert es Don DeLillo in seinem neusten Roman „Zero K“ – „Everbody wants to own the end of the world.“ Weiterlesen

Anja Kümmels „V“: Orpheus dreht sich nicht um

Wie die Digitalisierung unseres Alltags die Ästhetik und Bildsprache der verschiedenen Kunstrichtungen beeinflusst, ist eine Diskussion die erst langsam so richtig in Fahrt gekommen ist. In den letzten Jahren haben sich viele Filme mit dem Thema beschäftigt: von Michael Manns „Blackhat“, über die neusten James Bond-Filme bis hin zu „Jurassic World“ finden sich viele kluge und weniger kluge Reflexionen darüber, wie man das Unsichtbare darstellbar macht. Denn eine Welt, in der die großen Raubüberfälle sich nicht mehr in maskierten Bankplünderungen, sondern in wenigen Hackerclicks manifestieren, muss unweigerlich eine ganz neue Formsprache produzieren. Konsum, politische Ereignisse, Kriminalität, Kommunikation und Kriegsführung wandern (zu Teilen) immer mehr in den Bereich des Digitalen und damit ins Nichtdarstellbare ab. Die Literatur hat zum Nichtsichtbaren freilich ein anderes Verhältnis, ihre Kernaufgabe ist die Sichtbarmachung der Welt. Damit könnte das alte Medium Buch die Antwort auf die ästhetischen Herausforderungen der Zukunft darstellen. Denn fest steht: dort, wo sich das Äußerliche unsichtbar macht, werden allegorische Formen umso wichtiger, die die Dinge aus den Schatten zurückholen. Weiterlesen

Das Ende der Welt: Nis-Momme Stockmanns „Der Fuchs“

Nis-Momme Stockmann, der bislang mit seinen Theaterstücken Erfolge feiern konnte, hat mit „Der Fuchs“ sein erstes Prosawerk vorgelegt und es gleich auf die Shortlist für den Preis der Leipziger Buchmesse geschafft. Seine Thematik passt zum Zeitgeist der deutschen Gegenwartsliteratur: In dystopischer Manier wird die Apokalypse durchgespielt, als eine große, alles auslöschende Flut auf das norddeutsche Dorf Thule trifft, welcher der Protagonist und Chronist Finn Schliemann nur entgehen kann, weil er sich mit zwei Freunden auf das Dach eines Hauses rettet. Was „Der Fuchs“ von Texten wie „Eigentlich müssten wir tanzen“ oder „Winters Garten“ unterscheidet, ist seine Radikalität und sein Mut zum allumfassenden Erklärungsmodell. Stockmann erschreibt auf über siebenhundert Seiten die Entstehung des Universums, dessen Schicksal sich mythisch in einer deutschen Kleinstadt verdichtet. Weiterlesen

Die Spielarten der Angst: Juan S. Guses „Lärm und Wälder“

Mit „Pelusa“ , einem Text, den er selbst als „Teil einer Studie zu einem Projekt“ bezeichnete, gewann Juan S. Guse 2012 den open mike-Wettbewerb. Jenes Projekt wurde nun vollendet: Mit „Lärm und Wälder“ legt Guse sein Debüt vor, in dem die Pelusa des open mike zusammen mit ihrer Familie im Zentrum des Erzählten steht. Wer nach dem open mike begeistert von Guse und seinem Text war, wird diesen Roman lieben. Hier wird aus- und weitererzählt, was in „Pelusa“ nur schemenhaft angedeutet wurde. Juan S. Guse schafft es mit ungewöhnlichen Motiven und einer raffinierten Erzähltechnik von einer Gesellschaft und ihren Individuen zu erzählen, die auf den ersten Blick dystopisch anmutet, auf den zweiten Blick jedoch nicht mehr so fremd scheint. Weiterlesen

Die Magie der Materialität: J. J. Abrams und Doug Dorsts „S.“

Ein Buch von J. J. Abrams? Das Medium des US-Amerikaners war bislang das bewegte Bild. In Hollywood ist er schon länger ein gefragter Regisseur und Produzent von SciFi-, Mystery- und Actionproduktionen, dem nicht zuletzt die ehrenvolle Aufgabe zukam, bei Star Wars Episode VII Regie zu führen. Doch das geschriebene Wort scheint nicht fern, wenn man sich vor Augen führt, dass auch Abrams seine Karriere in Hollywood als Drehbuchschreiber startete. Für die Umsetzung seiner Romanidee holte er sich Hilfe beim Schriftsteller Doug Dorst, der sein Konzept zu Papier brachte – der Starregisseur schreibt also doch nicht selbst, weiß die New York Times. Man hat Verständnis, Abrams ist vielbeschäftigt. Und es wäre auch schade, diesem Buch seine Qualität wegen solcher Formalitäten abzusprechen. Denn mit „S.“ erschien in diesem Herbst ein besonderes Buch, das ein Gesamtkunstwerk ist. Weiterlesen

Tausendundeine Nacht in der Finanzkrise: Jonas Lüschers „Frühling der Barbaren“

Bereits 2013 erschien die schmale Debütnovelle von Jonas Lüscher, die es im Erscheinungsjahr auf die Longlist des Deutschen Buchpreises schaffte. Der in sieben Kapitel gegliederte Text ist die Geschichte einer Eskalation, die es in sich hat. Der Text thematisiert inhaltlich zeitgeschichtliche, aktuelle Themen wie die Finanzkrise und den arabischen Frühling, erzählt sie aber anhand traditionellen Ritus-Motiven in der Form einer klassischen Novelle. Weiterlesen

Hilfe, wir leben noch! Heinz Helles „Eigentlich müssten wir tanzen“

Das dystopische Szenario einer postapokalyptischen Welt ohne Menschen ist ein Topos, der in den letzten Jahren vor allem zahlreiche Popcorn-Hollywood-Filme hervorbrachte: man denke da an die Eiszeit in Day after tomorrow, I am legend nach dem gleichnamigen Roman von Richard Matheson mit Will Smith in der Hauptrolle und zahlreiche Zombiefilme.

In der deutschsprachigen Belletristik scheint sich das dystopische Endzeit-Genre nun einer neuen literarischen Beliebtheit zu erfreuen. Neben dem brillianten Erstling „Winters Garten“ von Valerie Fritsch, das den Vorabend des Weltuntergangs imaginiert, ist Heinz Helles Roman Eigentlich müssten wir tanzen der zweite apokalyptische Text aus dem Hause Suhrkamp auf der Longlist des Deutschen Buchpreises. Hier haben fünf Jugendfreunde den Untergang der menschlichen Zivilisation zufällig überlebt, als sie sich auf Wochenendurlaub in einer abgelegenen Hütte in den Alpen befinden. Helle erzählt in neunundsechzig Kurzkapiteln von ihrer gemeinsamen Wanderung durch die verwüstete Landschaft zwischen Deutschland und Österreich in einer „aus den Fugen geratenen Welt“.  Weiterlesen