Schlagwort: Familiengeschichte

Michael Chabons „Moonglow“: Zu Risiken und Nebenwirkungen lesen Sie den Paratext

Chabon-Moonglow

Michael Chabon ist wahrlich kein unbeschriebenes Blatt. Der amerikanische Schriftsteller zählt zu den bedeutendsten, mit zahlreichen Preisen ausgezeichneten Vertretern seines Landes. Sein jüngstes Werk „Moonglow“ erschien 2016 im englischen Original und wird Anfang März in deutscher Übersetzung bei Kiepenheuer & Witsch verfügbar sein. Chabon schildere darin, so sein deutscher Verlag in der Ankündigung, „Episoden aus der Lebensgeschichte seines Großvaters“. Ein autobiographischer Roman – oder doch nicht? Weiterlesen

Nadja Spiegelmans „I‘m supposed to protect you from all this“: Meine geniale Mutter

Spiegelman-Memoir

„What Ferrante did for female friends—exploring the tumult and complexity their relationships could hold — Spiegelman sets out to do for mothers and daughters. She’s essentially written ‚My Brilliant Mom’“, konstatiert Katy Waldman in ihrer Rezension zu Nadja Spiegelmans Memoir, das im März unter dem Titel „Was nie geschehen ist“ im Aufbau Verlag in deutscher Übersetzung erscheinen wird. Wird Spiegelman diesem Maßstab wirklich gerecht? Weiterlesen

Getrennte Schwestern: Yaa Gyasis „Heimkehren“

Die Anzahl der Filme und Bücher, die sich mit der Geschichte der Sklaverei, insbesondere in den USA, auseinandersetzen, hat in den vergangenen Jahren zugenommen: 2014 wurde „12 Years a Slave“ als bester Film mit dem Oscar ausgezeichnet, erst unlängst gewann Colson Whitehead mit seinem Roman „Underground Railroad“ den Pulitzer Price for Fiction. Ein weiterer Roman, der das Zeug hat, in den Kanon einzugehen, stammt von einer erst 28-jährigen Debütantin: Yaa Gyasi hat einen epischen Roman geschrieben, der 250 Jahre afrikanisch-amerikanische Geschichte erzählt. Weiterlesen

Die Leiche im Keller: Birgit Müller-Wielands „Flugschnee“

Sitzt da etwa ein Peter Weiss-Liebhaber in der diesjährigen Jury des Deutschen Buchpreises? Gleich zwei der Romane der Longlist weisen eklatante intertextuelle Bezüge zum  epischen Jahrhundertwerk des deutsch-schwedischen Schriftstellers auf. Während der Verweis bei Franzobels „Das Floß der Medusa“ indirekt ist – sowohl die „Ästhetik des Widerstands“ als auch dieser Roman beziehen sich auf das gleichnamige Gemälde von Théodore Géricault –, verweist Birgit Müller-Wieland in ihrem neuen Roman „Flugschnee“ gleich mehrfach und alles andere als subtil auf das Hauptwerk von Peter Weiss. Weiterlesen

Zwischen Brooklyn und Berlin: Deborah Feldmans „Überbitten“

Als „Unorthodox“ im vergangenen Jahr im Secession Verlag erschien, konnte Feldman auch hierzulande, wo sie mittlerweile lebt, eine große Leserschaft und die Kritik mit ihrem Bericht über die Kindheit, Jugend und den Ausstieg aus der ultraorthodoxen, chassidischen Satmar-Gemeinde begeistern. Seitdem ist sie als regelmäßiger Gast in Fernsehtalkshows zu sehen. Wer wissen will, was alles zwischen der Abkehr von ihrer Gemeinde im Jahr 2010 und dem Auftritt bei Markus Lanz passierte, kann nun in Feldmans neuem Buch „Überbitten“ nachlesen, was es bedeutet, alles hinter sich zu lassen und sich selbst zu finden. Weiterlesen

Jochen Schmidts „Zuckersand“: Es grönemeyert

Kindermund tut Wahrheit kund, Kinder sind unsere Zukunft, Kinder an die Macht – die deutsche Sprache ist wahrlich voll von Floskeln über Kinder. Auch in die entgegengesetzte Richtung: Kinder können so grausam sein! Vermutlich liegt die Wahrheit irgendwo dazwischen, doch wer würde schon jenen widersprechen wollen, die das Kindsein zu einem paradiesischen Zustand unverfälschter Wahrheit hochstilisieren, schließlich ist die Kulturgeschichte reich an kinderhassenden Schreckensfiguren. Das Kind in sich zu bewahren ist mittlerweile das Lebensziel einer ganzen Generation geworden. Die Großstädte sind voll von Mittdreißigern, die im erarbeiteten Wohlstand der Babyboomer-Generation großgeworden sind und in Sorglosigkeit die eigene Jugend verlängern. Das mag noch niemanden zum Vorwurf erwachsen, doch die lebensklügsten Zeitgenossen erwachsen aus solch einem Milieu nicht. Für diese Generation hat Jochen Schmidt nun den Roman „Zuckersand“ geschrieben, der sich anstatt für Erzählkunst für gegrönemeyerte Aphorismen entscheidet. Weiterlesen

Matti Geschonnecks „In Zeiten des abnehmenden Lichts“: Der letzte Geburtstag der DDR

Ohne die Kunst wäre die DDR vielleicht schon längst vergessen. Während die Politik das Gedenken und Sprechen über die ostdeutsche Republik beinahe schon fast aufgegeben hat und letzte Lücken, die das realsozialistische Regime in die Städte der Deutschen geschlagen hat, mit wilhelminischem Kitsch aufschüttet, ist die DDR in der Kulturindustrie ein ewiger Dauerbrenner. Merkwürdigerweise nicht nur in Deutschland, auch in Übersee hat man das Thema für sich entdeckt (Franzens „Purity“ oder Stephen Kings „Bridge of Spy“), überall will man sich etwas über den Spießersozialismus der untergegangenen DDR erzählen. Eins der besseren Bücher über diese Zeit stammt von Eugen Ruge, der mit seinem Roman „In Zeiten des abnehmenden Lichts“ damals einen echten Kritikererfolg feierte. Nun hat der arrivierte Fernsehregisseur Matti Geschonneck den Stoff auf die Kinoleinwand gebracht. Weiterlesen

Wurzellos: Natascha Wodins „Sie kam aus Mariupol“

Wodin: Sie kam aus Mariupol

Texte zwischen Fiktion und autobiographischem Schreiben haben Konjunktur. Nachdem Thomas Melles „Die Welt im Rücken“ im letzten Jahr auf der Shortlist des Deutschen Buchpreises stand und von vielen schon als sicherer Gewinner gehandelt wurde, wurde Natascha Wodin mit ihrem Buch „Sie kam aus Mariupol“ nun mit dem Preis der Leipziger Buchmesse ausgezeichnet. In der Begründung der Jury heißt es: „Dieses Buch trägt auch ausdrücklich nicht die Bezeichnung Roman. Doch an der Grenze von Fiktion und Nichtfiktion, wo es angesiedelt ist, betreibt es autobiografisches Schreiben mit einem hohen Maß an Selbstreflexion und romanhaftes Schreiben auf der Grundlage von Lidias Tagebüchern. In diesem genreüberschreitenden Sinn ist es unerhört zeitgenössisch.“ Zeitgenössisch – ja, sicher. Aber wie ist es um den literarischen Wert dieses Textes bestellt? Weiterlesen

Aus dem Osten: Kathrin Schmidts „Kapoks Schwestern“

Kathrin Schmidt, die vor sieben Jahren mit „Du stirbst nicht“ den Deutschen Buchpreis gewann, hat einen neuen Roman vorgelegt. „Kapoks Schwestern“ lässt sich wohl ohne weiteres als Berlin-Roman identifizieren. Schauplatz ist jedoch kein hipper Szenebezirk wie Mitte, Neukölln oder Friedrichshain, sondern eine Einfamilienhaus-Siedlung am Baumschulenweg im Südosten von Berlin, in dem die Zeit still zu stehen scheint. Die Siedlung in Köpenick ist Ausgangspunkt für eine Erinnerungsreise in die Geschichte des letzten Jahrhunderts, die anhand zweier Familien erzählt wird und von Berlin aus in den Osten führt, um am Ende nach Berlin zurückzukehren.

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Es gibt nur Geschichten: Paula Fürstenbergs „Familie der geflügelten Tiger“

Nicht nur die großen BRD-, sondern auch die DDR-Romane hatten in den letzten Jahren Konjunktur: Lutz Seilers mit dem Deutschen Buchpreis 2014 ausgezeichneter Roman „Kruso“ oder Guntram Vespers Monumentalwerk „Frohburg“, das in diesem Frühjahr den Preis der Leipziger Buchmesse gewann, sind nur die aktuellsten und erfolgreichsten Beispiele. Die oft sehr detaillierten und ausladend erzählten Schilderungen der Lebenswelten während der innerdeutschen Teilung sind geographisch eher im Dörflichen angesiedelt. Ein Gegengewicht in der deutschsprachigen Gegenwartsliteratur bildet da der ebenso beliebte Berlin-Roman, der das Leben in der Großstadt nach der Wiedervereinigung thematisiert. Paula Fürstenberg hat mit ihrem bemerkenswerten Debüt „Familie der geflügelten Tiger“ gleichzeitig einen DDR- und einen Berlin-Roman vorgelegt, der zwar die gängigen Motive aufgreift, aber einen eigenen, neuen Weg findet, den Stoff zu verarbeiten. Weiterlesen