Schlagwort: Gegenwart

Claude Simons „Das Pferd“: Lob der kleinen Form

Simon-Das-Pferd

Lange Zeit war ein ungeschriebenes Gesetz in der deutschen, vielleicht internationalen Verlagslandschaft: Bitte nicht zu lang! Romane, die eine bestimmte Seitenanzahl überschritten, galten als unverkäuflich. Zwischen Arbeit, Glotze und sich Anschreien haben die Leute keine Zeit, Tausendwälzer mit sich durch den Alltag zu schleppen. Doch die Zeiten scheinen sich in den letzten Jahren gewaltig zu ändern. Parallel mit dem (neuerlichen) Aufstieg der Serienkultur ist die epische Länge in der Gegenwartsliteratur der heißeste Scheiß. An die Literatur wird eine Erwartungshaltung herangetragen, die sich auch im Serienkonsum wiederfindet: Ein Sog muss sich einstellen, nur wer durch die Seiten fliegt, hat die höchste Stufe des Lesens erreicht. Der neue Leser möchte sich von Literatur in die Schwachsinnigkeit quatschen lassen, bis ein Zustand der ekstatischen Besinnungslosigkeit erreicht wird, anders kann man sich die Erfolge von Knausgård oder Yanagihara nicht erklären. In diesem kulturellen Umfeld liest sich das nun erstmals in Buchform publizierte „Das Pferd“ wie ein Loblied auf die kleine Form. Weiterlesen

Clemens Meyers „Die stillen Trabanten“: Nichts passt mehr zusammen

Wer die immer noch spürbaren Folgen der Wende erkunden möchte, der darf nicht in die Innenstädte Ostberlins, Leipzig oder Dresden schauen. Dort wird der Umbruch nur noch über die deutlich, die nicht mehr da ist. Vielmehr muss man in die Trabantenstädte gehen, dort, wo die sozialistischen Machthaber dachten, sie könnten eine neue Gesellschaft auf dem Reisbrett entwerfen, fernab von dem kulturellen Erbe, das sich in den verfallenden Altstadtbezirken transportierte. Heute sind sie Ruinenstädte, von Geistern bevölkert. Mit „Die stillen Trabanten“ bringt Clemens Meyer diese abseitig-jenseitigen Orte wieder zum Sprechen. Weiterlesen

Don DeLillos „Zero K“: An involuntary man

Die Menschen können dem Religiösen nicht entfliehen. Die halbe westliche Welt klopft sich wegen ihres vernunftsgesteuerten Atheismus auf die Brust und verlacht die frommen Kirchengänger, die jeden Sonntagmorgen zu früh aufstehen müssen und dann noch den Rest der Welt mit ihrem Glockengeläut zur Weißglut treiben. Das sind jedoch die gleichen Leute, die trotz ihrer rationalen Aufgeklärtheit, in den Apple Store pilgern, als sei der Heiland erschienen und in der Kapelle des Kapitalismus ihr Opfer darbringen, um das neue, seelenheil-versprechende Produkt ihr eigen nennen zu können. Der Kapitalismus hat verstanden, wie wirkungsvoll religiöse Sinnstiftung ist, weswegen unsere Welt voll von solchen Strukturen und Mustern ist, obgleich sie sich nicht als diese auszeichnen. Der momentan mächtigste Kult hat sich in einem kalifornischen Tal versammelt und hat Großes vor. Im Silicon Valley soll nicht nur der neue Mensch geschaffen, sondern auch der Tod überwunden werden. Den Menschen bis an sein Äußerstes zu optimieren, ist der Leitstern, der die Gemeinde der Technikgläubigen an ihr Ziel führt. Denn – so formuliert es Don DeLillo in seinem neusten Roman „Zero K“ – „Everbody wants to own the end of the world.“ Weiterlesen