Schlagwort: Hamburg

Die Leiche im Keller: Birgit Müller-Wielands „Flugschnee“

Sitzt da etwa ein Peter Weiss-Liebhaber in der diesjährigen Jury des Deutschen Buchpreises? Gleich zwei der Romane der Longlist weisen eklatante intertextuelle Bezüge zum  epischen Jahrhundertwerk des deutsch-schwedischen Schriftstellers auf. Während der Verweis bei Franzobels „Das Floß der Medusa“ indirekt ist – sowohl die „Ästhetik des Widerstands“ als auch dieser Roman beziehen sich auf das gleichnamige Gemälde von Théodore Géricault –, verweist Birgit Müller-Wieland in ihrem neuen Roman „Flugschnee“ gleich mehrfach und alles andere als subtil auf das Hauptwerk von Peter Weiss. Weiterlesen

Heinz Strunk: Die Nacht der lebenden-toten Scheißhausexistenzen

Karl Marx schrieb im „Achtzehnten Brumaire des Louis Bonaparte“: „Hegel bemerkte irgendwo, daß alle großen weltgeschichtlichen Tatsachen und Personen sich sozusagen zweimal ereignen. Er hat vergessen, hinzuzufügen: das eine Mal als Tragödie, das andere Mal als Farce.“ Man kann über die Richtigkeit dieses Schemas streiten, aber im Fall Franz Honka trifft es einen wunden Punkt. Bei dem Serienmörder, der im Hamburg der Siebziger sein Unwesen trieb, wiederholte sich Geschichte als grausame Farce. Im Lebensweg dieser gequält-quälenden Gestalt bildete sich der ganze Horror des 20. Jahrhunderts ab und schließlich verbreitete er selbst Angst und Schrecken: er ging in die Geschichte als Mörder vierer Frauen ein. Dieser Geschichte widmet sich nun Heinz Strunk in seinem neuen Roman „Der goldene Handschuh“ – ein kluger Text, der nie Verständnis anbieten möchte, aber um Erkenntnis ringt. Weiterlesen

Jan Böttcher: Gefangener der Perspektive

Jeder Erzählakt ist ein Gewaltakt. Die Gewalt besteht darin, sich das Recht herauszunehmen, die Stimme zu erheben und die Geschichte jemandes zu erzählen. Nun könnte man einwenden, dass im autobiographischen Erzählen diese Gewaltstrukturen nicht zu Tage treten, da man von sich spricht. Aber immer dort, wo einer spricht, müssen andere schweigen. Seit den neunziger Jahren beschäftigt sich die Kulturwissenschaft in all ihren Ausformungen mit der Frage der Sprecherpositionen: Wer spricht? Wer kommt im Diskurs vor? Und wer nimmt sich das Recht heraus, das Wort für andere zu ergreifen? Das Ergebnis dieser Beschäftigung ist eine allgemeine Verunsicherung des Denkens und Sprechens. Aussagen müssen sich nicht mehr nur auf ihre argumentative Konsistenz prüfen lassen, sondern auch darauf, ob sie die Erfahrungen anderer miteinschließen. Wenn Jennifer Lawrence die gleiche Bezahlung von Männern und Frauen fordert, dann tut sie das aus der Erfahrungswelt einer weißen, wohlstandsverwöhnten Hollywood-Schauspielerin. Der Realität einer indischen Frau aus der Kaste der Unberührbaren entspricht dies nicht, zudem hat sie Jennifer Lawrence nicht das Mandat dafür gegeben, in ihrem Namen zu sprechen. In solchen Diskussion ist der Vorwurf des Rassismus schnell erhoben. Weiterlesen

Lässt mich kalt: Rolf Lapperts „Über den Winter“

Rolf Lapperts aktueller Roman „Über den Winter“ steht auf der Shortlist des Deutschen Buchpreises und gehört im Wettbewerb vergleichsweise zu den konservativeren Kandidaten: Erzählt wird in einem klassischen, durchgängigen Vergangenheits-Tempus entlang einer einzelnen Figur, Lennard Salm, vordergründig aus personaler, passagenweise aus auktorialer Perspektive. Im Zentrum von „Über den Winter“ steht die erzählte Handlung und nicht die Sprache, die sich ihrerseits lediglich durch den detailverliebten Wirklichkeits-Realismus auszeichnet.  Weiterlesen

Liebe (er)zählen: Monique Schwitters „Eins im Andern“

Anfang August erschien Monique Schwitters neuer Roman Eins im Andern, aus dem die in Hamburg lebende Schweizerin bereits Anfang Juli beim diesjährigen Bachmann-Wettlesen in Klagenfurt vorlas [hier geht es zum vorgetragenen Auszug aus dem sechsten Kapitel des nun erschienenen Romans], einhellig positive Rückmeldung erhielt, aber trotzdem keinen der Preise gewann. Nun hat es Schwitters Roman auf die Longlist des Deutschen Buchpreises geschafft. Das Autoren-Ich, aus dessen Perspektive erzählt wird, rekapituliert im Alter von etwa vierzig Jahren als Ehefrau und Mutter die Lieben ihres Lebens und was davon blieb. Von zwölf Männern berichtet Eins im Andern, die unterschiedlicher nicht sein könnten. Der Leser begleitet das Ich, die Schriftstellerin des Textes [aber nicht Monique Schwitter], in unmittelbarem Erzählmodus bei ihrer Reise in die Vergangenheit und bei ihrem Nachdenken über die Liebe: zu Männern, ihren Söhnen und ihrer Hündin.  Weiterlesen