Schlagwort: Jörg Magenau

Martin Walsers „Statt etwas oder Der letzte Rank“: Von einem, der nicht anders kann

Um sein Leben schreiben ist ein weit verbreitetes Motiv in der Literatur. Manche taten es vom Sterbebett, manche vom Gefängnis aus. Thomas Bernhards ewige Wortkaskaden wurden von der Forschung immer wieder als Versuch gelesen, der eigenen Atemnot entgegenzuschreiben, dem kurzen Atem den langen Satz entgegenzustellen. Auch Martin Walser ist mittlerweile in einem Alter angelangt, in dem – bei allem Respekt – jedes neue Buch das letzte sein könnte. Erst letztes Jahr hat der Großautor einen Roman mit dem vielsagenden Titel „Ein sterbender Mann“ veröffentlicht, nun folgt der nächste Streich zugleich, wieder mal doppeldeutig: „Statt etwas oder der letzte Rank“. Rank kann Kurve, aber auch List bedeuten. Wer Walsers neuen Roman liest, wird sich an vieles erinnert fühlen – an einen Autor, der es wie kaum ein anderer versteht, den eigenen Verstehensversuchen literarischen Ausdruck zu verleihen, sich die Welt literarisch anzueignen, aber auch an einen Mann, der alte Kriegsbeile immer wieder ausgräbt. Wenn Alterswerke Fäden zusammenführen und Resümees zu ziehen, ist dieser Roman prototypisch. Oder ist alles nur eine List? Weiterlesen

2016: Zehn Bücher, die bleiben

Tops2016

Wer das Jahr 2016 noch irgendwie retten möchte, der kann es vielleicht mithilfe der Literatur versuchen. 2016 war das Jahr eines Literaturnobelpreisträgers, der kein Literat ist, das Jahr, in dem das Ferrante-Fieber Deutschland erreicht hat und das Jahr einer sehr langweiligen Buchpreis-Longlist. Vor allem aber war 2016 ein Jahr mit guter Literatur. Hier sind die – natürlich wieder offiziell und objektiv ermittelten – zehn besten Veröffentlichungen dieses Jahres:

Christian Kracht: Die Toten
Ein neuer Kracht-Roman ohne Kontroverse? Das geht nicht. Hat sich auch Jürgen Kaube gedacht und seinem Kollegen Scheck ans Bein gepinkelt. Kracht lässt sich von so viel Streitlust nicht beeindrucken und hat mit „Die Toten“ den Roman des Jahres geschrieben.

Thomas Glavinic: Der Jonas-Komplex
Weil Thomas Glavinic immer so viel Thomas Glavinic sagt, glaubt die deutschsprachige Kulturlandschaft Thomas Glavinic würde nur über Thomas Glavinic schreiben. Auch „Der Jonas-Komplex“ ist wieder deutlich schlauer als seine Leser.

Jörg Magenau: Princeton 66
Wer sich immer schon geärgert hat, zu jung und untalentiert zu sein, um auf eine Tagung der Gruppe 47 eingeladen worden zu sein, sollte „Princeton 66“ lesen. Aus Jörg Magenaus großartigem Buch qualmt Grass’scher Pfeifendampf.

Don DeLillo: Zero K
Don DeLillo schreibt seit mehr als 40 Jahren großartige Bücher und scheint im Alter noch besser zu werden. Auch „Zero K“ ist wieder radikal und groß.

Anja Kümmel: V oder die vierte Wand
Anja Kümmels Roman „V oder die vierte Wand“ zu lesen, heißt Geschichte noch mal ganz anders zu denken. In einer Fülle von Zukunftsvisionen, die 2016 erdacht worden sind, ist „V“ ein echtes Highlight.

Chaim Noll: Schlaflos in Tel Aviv
„Schlaflos in Tel Aviv“ versammelt Erzählungen, die jede für sich, aber vor allem in ihrer intelligenten Anordnung wirken und ein facettenreiches Bild von deutsch-jüdischer Identität gestern, heute und morgen vermitteln. Chaim Nolls Erzählband ist der beste des Jahres.

Shida Bazyar: Nachts ist es leise in Teheran
Das vielleicht beste und vielversprechendste Debüt des Jahres hat Shida Bazyar vorgelegt: „Nachts ist es leise in Teheran“ ist brillant strukturiert, poetisch, hochaktuell und zeitlos zugleich. Bitte mehr davon!

Maxim Biller: Biografie
Ja, Maxim Biller ist umstritten. Die Lektüre seines 900 Seiten starken Monumentalromans „Biografie“ ist aber ohne Frage ein Vergnügen. Voll klugem Humor und dabei bitterernst, inspiriert von Roth und Bellow, aber mit unverwechselbarem Biller-Sound – das schaffen nicht viele.

Nis-Momme Stockmann: Der Fuchs
Dystopien und Endzeitphantasien haben Konjunktur. Stockmanns „Fuchs“ wagt nicht nur das fiktionale Denkexperiment der Apokalypse, sondern auch ein poetologisches Experiment. Im wahrsten Sinne des Wortes: fantastisch!

Deborah Vietor-Engländer: Alfred Kerr. Die Biographie
Alfred Kerr war der Reich-Ranicki der späten Kaiserzeit und der Weimarer Republik: Geliebt, gefürchtet, bewundert, geschätzt. Endlich kommt er dank Deborah Vietor-Engländer zu einer wohlverdienten Biographie, die seine Bedeutung für die deutschsprachige Literatur und das Theater des 20. Jahrhunderts verdeutlicht, genauestens recherchiert ist und einen Einblick in das Werk des Großmeisters gibt.

Jörg Magenaus „Martin Walser“: „Was ihm zustößt, beantwortet er mit Literatur.“

Walter Jens, Siegfried Lenz, Günter Grass oder Marcel Reich-Ranicki – mit dem Tod der großen Persönlichkeiten der Nachkriegszeit scheint endgültig eine Literaturepoche zu enden, die die BRD wie keine andere geprägt hat. Mit Hans Magnus Enzensberger und Martin Walser sind der Literatur nur noch zwei zentrale Gestalten dieser Zeit und der wichtigen Gruppe 47 verblieben. Während Enzensberger immer mal wieder von sich reden macht, wenn er zum Beispiel in der FAZ empfiehlt, das Smartphone wegzuwerfen, hat sich Martin Walser, seit dem Eklat um seine Rede in der Frankfurter Paulskirche, weitgehend ins Private zurückgezogen. Das scheint verständlich, denn Walser focht seine Konflikte im Rampenlicht aus. Der Autor vom Bodensee war in der öffentlichen Wahrnehmung erst als Kommunist, dann als Antisemit verschrien, womit ihn die zwei schwersten Vorwürfe trafen, die in Deutschland überhaupt erhoben werden können. Deswegen lässt sich an seinem Leben auch eine Geschichte der Bundesrepublik im pars pro toto erzählen, denn Martin Walser war ein ständiger Begleiter der großen Konfliktlinien dieses Landes. Weiterlesen

Jörg Magenaus „Princeton 66“: Ein Käfig voller Narren

Für die Gruppe 47 war der Besuch in Princeton der Auftritt auf der ganz großen Bühne, bevor sie ein Jahr später ein unrühmliches Ende finden sollte. 1967 in Waidenfeld wollte die sozialistisch-aufgepeitschte Jugend von ihnen nichts mehr wissen und trieb sie mit ihren „Dichter, Dichter“-Rufen in ihrem Hotel, der Pulvermühle, zusammen. Das mussten sie ein Jahr zuvor nicht fürchten. Die amerikanischen Studenten waren damit beschäftigt, den eigenen Staat für den Vietnam-Krieg anzuklagen. Dieses Princeton-Treffen im Jahr 1966 war vieles: ein letztes Aufbäumen einer literarischen Nicht-Gruppe, die die Nachkriegszeit dominiert hat, ein heftiger Kampf über die Frage, wie es die Versammelten mit der Literatur und der Politik hielten und die Geburtsstunde einer öffentlichen Figur namens Peter Handke, der ein eigentümlicher Revolutionär war. Mit Jörg Magenaus „Princeton 66“ ist nun endlich ein Text erschienen, der all diese Diskussionen, Episoden und Szenen in einem furiosen Buch zusammenführt, das zu dem besten gehört, was auf dem Feld des Sachbuchs in letzter Zeit erschienen ist. Weiterlesen