Schlagwort: Joseph Roth

Irmgard Keun: Kindermund tut Unsinn kund

Auf der letzten Seite von Anna Seghers atemberaubenden Roman „Transit“ heißt es: „Sie läuft noch immer die Straßen der Stadt ab, die Plätze und Treppen, Hotels und Cafés und Konsulate auf der Suche nach ihrem Liebsten. Sie sucht rastlos nicht nur in dieser Stadt, sondern in allen allen Städten Europas, die ich kenne, selbst in den phantastischen Städten fremder Erdteile, die mir unbekannt geblieben sind. Ich werde eher des Wartens müde als sie des Suchens nach dem auffindbaren Toten.“ Das Leben im Wartestand, das Verharren in Transiträumen waren Schicksale, die viele der Exilanten während des Dritten Reichs erleiden mussten. Sie wurden zu Kosmopoliten wider Willen: Weltreisen als Fluchtgeschichten. Auch Irmgard Keun war eine dieser Exilanten, obgleich sie noch während des Zweiten Weltkriegs nach Deutschland zurückkehrte. Dieses Thema verarbeitete sie im 1938 erschienen Roman „Kind aller Länder“, der nun von Kiepenheuer & Witsch neuaufgelegt wurde. Weiterlesen

Joseph Roth und der Kampf gegen den Antichrist – Briefwechsel mit Stefan Zweig

Briefwechsel – vor allem Literaten-Briefwechsel – sind eine intrikate Sache. Der Leser erwartet von der Korrespondenz zweier Geistesmenschen Diskussionen über Fundamentales, Epochenzeugnisse und Einblicke in das Werk beider Autoren. Was dann aber häufig dominiert, sind Schmeicheleien, seitenlange Auskünfte über körperliche Befindlichkeiten und Terminabsprachen über Treffen, die dann entweder nicht zustande kommen oder über dessen Inhalte der Leser im Unklaren bleibt. Der Briefwechsel zwischen Joseph Roth und Stefan Zweig (1927-1938) bewegt sich im Dazwischen.

Joseph Roth ist 1927 gerade viel auf Reisen, während Stefan Zweig seine Sternstunden veröffentlicht. Der Briefwechsel der Beiden lässt sich in vielerlei Weise erzählen: als Zeugnis einer Freundschaft, als Beispiel für den ökonomischen Überlebenskampf einer Autorenexistenz, als Verfallsdrama oder als Geschichte der politischen Irrtümer. Weiterlesen